Boris Buchholz' Lese-Tipp für Sie

Veröffentlicht am 23.09.2021

Eigentlich beginnt die Geschichte im Strandbad Wannsee: 1931 lernen sich Else Rahtung und Heinrich Schott am Sandstrand kennen. Er hat Dentist gelernt, war dann ohne Arbeit, 1933 wurde er Buchhalter der Deutschen Arbeitsfront. In der DAF wurden alle Gewerkschaften von den Nazis zwangsvereinigt; er trägt Hitlerbärtchen. Else war damals 21 Jahre alt, hatte eine Haushaltsschule besucht, sie wurde Hausfrau und Mutter. 1939 kam das vierte Kind der Familie zur Welt – das Mädchen wurde nach der Tochter von Reichsmarschall Hermann Göring Edda genannt. Geboren wurde Edda im Krankenhaus Waldfriede; seit 1936 wohnte die Familie Schott in der Waldsiedlung Zehlendorf, im Eisvogelweg 5.

Eddas Tochter Bianca Schaalburg hat die Geschichte ihrer Familie im wahrsten Sinne aufgezeichnet. Die Illustratorin legt mit dem Buch „Der Duft der Kiefern“ ihr Graphic-Novel-Debüt vor – die Familiengeschichte über drei Generationen ist ein Roman in Comicform. Neben den handelnden Personen ist Zehlendorf prägender Ort der Handlung: Die von Bruno Taut entworfenen Häuser, die Ladenstraße am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte mit dem großen 600 Plätze umfassenden Kino (heute ist dort ein Laden) und immer wieder die Krumme Lanke und der Schlachtensee.

Oder beginnt die Geschichte doch mit einem schweren Nussbaumschrank und einer Spiegelkonsole? Als Biancas Oma Else 2004 ins Pflegeheim umzieht, erbt ihre Enkelin die Möbel – die Großeltern hatten sie 1933 zur Hochzeit geschenkt bekommen. Auch ein Familienfoto gehörte zum geerbten Ensemble: Die Reise in die eigene Vergangenheit, in die Zehlendorfer Kindheit und Kriegszeit ihrer Mutter, in die Geheimnisse ihrer Familie begann. Und Geheimnisse gab es genügend.

Warum war ihr Vater schon 1926 Mitglied der NSDAP geworden? Was ist mit dem Familienarzt Dr. Demuth geworden? Was hat ihr Vater in der Wehrmacht in Riga gemacht? Und warum trug er dort das Hitlerbärtchen nicht mehr? Was ist mit den drei Juden geworden, die vor 1936 im Eisvogelweg 5 wohnten? Was haben Clara Hipp, Carl Loewensohn und Margarethe Silbermann erleben müssen? Warum sagte Oma Else, dass sie von der Judenverfolgung nichts gewusst habe? Und warum war der Weihnachtsmann bei der Bescherung 1975 von der Stasi?

Auf 205 Seiten lüftet die Autorin Zwiebelschale um Zwiebelschale der Familiengeschichte, manches Mal schmerzhaft, aber stets ohne anzuklagen. Manche Geheimnisse bleiben Geheimnisse: Ob ihr Opa Heinrich als Wehrmachtsoffizier an den Massenerschießungen von 40.000 Jüdinnen und Juden im Wald von Bikernieki bei Riga oder an anderen Massenmorden beteiligt war oder nicht, bleibt ungewiss. „‚Mein Vater organisierte Nachschub für die Front‘, sagte mein Onkel. Mag sein.“ Über dem nächsten Bild schreibt Bianca Schaalburg: „‚Er war für Wohnungsauflösungen zuständig‘, glaubte meine Mutter.“ Die Autorin reiste mit einem ihrer Söhne nach Riga, sah die 5.000 Gedenksteine für die Ermordeten, die dort zwischen den Bäumen errichtet wurden – im Duft von Kiefern, wie in Zehlendorf, wie in ihrer Kindheit. Denn jeden zweiten Sonntag besuchte Edda, Bianca und ihr Bruder Ferdinand Oma und Uroma in der Waldsiedlung zwischen den Nadelbäumen.

Es sind eindringliche Bilder, es sind Collagen aus Fundstücken, Fotos und Zeichnungen, es ist eine immerwährende Zeitreise – die Lektüre von „Der Duft der Kiefern“ zieht auch die in den Bann, die glauben, eigentlich mit Graphic-Novels, mit Comics, nichts anfangen zu können. Denn die Geschichte ist eindringlich erzählt, nicht nur die Bilder sind gelungen, der Text ist stimmig, die Dialoge sind nachvollziehbar. Vom Zweiten Weltkrieg über die Studentenbewegung der 1960-er Jahre bis zum Mauerfall wird eine Familiengeschichte aufgeblättert, die so einzigartig nicht war. Und doch selten erzählt wird. Es ist eine Südwest-Geschichte: 1947 brachte Opa Heinrich seiner Tochter Edda in der Krummen Lanke das Schwimmen bei. 27 Jahre später schwamm Edda mit Bianca zum ersten Mal über den See. Und noch einmal 28 Jahre später erreichte Enkel Emile zusammen mit seiner Oma Edda erstmalig das andere Seeufer. Immer umgeben vom Duft der Kiefern.

  • „Der Duft der Kiefern“ von Bianca Schaalburg, ISBN 978-3-96445-058-6, Hardcover mit Lesebändchen, 26 Euro, avant-verlag, September 2021