Unter Nachbarn

Veröffentlicht am 02.11.2017

Walther Karsch (1906 – 1975), Tagesspiegel-Gründer.

Der frühere Redakteur der „Weltbühne“ erhielt gemeinsam mit Erik Reger (rechts im Bild, links Walther Karsch) und Edwin Redslob 1945 eine amerikanische Lizenz für die Gründung des Tagesspiegels. Nach Kriegsende war Karsch kurzzeitig als Pressereferent des Bezirksamts Zehlendorf tätig gewesen. Karsch teilte sich mit Reger dann ein Haus im Berliner Südwesten. „Die Amerikaner quartierten ihre deutschen Leute in eigene Viertel ein. Das Ehepaar Reger war in die obere Wohnung eines Einfamilienhauses im Albiger Weg in Nikolassee, einer stillen Straße, abgesperrt mit einer Schranke, untergekommen. Für das frische Ehepaar Karsch wurde nun im Parterre des Hauses die Wohnung renoviert“, schreibt der Historiker Andreas Petersen.

Petersens Verdienst ist es auch, die frühere Beziehung Karschs zu der Journalistin Pauline Nardi (1898 – 1965) beschrieben zu haben, in der sich die Abgründe der deutschen Geschichte auftun. Als Jüdin überlebte Nardi die Nazi-Zeit „nur durch die Heirat und das Zusammenleben mit Walther Karsch“. Nach dem Krieg zerbrach die Ehe. Nardi musste wie so viele Juden lange mit den deutschen Behörden um so etwas wie Wiedergutmachung für die Verfolgung durch die Nazis kämpfen. Karsch unterstützte sie, sprach aber nicht mehr über diese Beziehung, die nach der Trennung zu einer Ost-West-Geschichte geworden war. Denn Nardi arbeitete für die im Osten wiedererstandene „Weltbühne“ und attackierte darin die „Westpresse“, nicht zuletzt den Tagesspiegel. Später fiel sie beim DDR-Regime in Ungnade, wäre fast verhaftet worden, weil sie mit dem kommunistischen Dissidenten Alfred Weiland in Verbindung gebracht worden war. Auch Pauline Nardi lebte in der Nachkriegszeit in Zehlendorf.

Im Tagesspiegel-Archiv habe ich einen Text von Walther Karsch mit noch mehr Bezirksbezug gefunden: Anfang 1946 verreißt er – man spürt bei der Lektüre die Schmerzen – eine mit Hans SöhnkerWinnie Markus, Wolfgang Lukschy und Hildegard Knef prominent besetzte Aufführung des Heimkehrer-Stücks „Danach“ von Helmut Weiss an Boleslaw Barlogs Schlossparktheater und skizziert dabei sein Programm für das Nachkriegstheater: „Wenn ihr wollt, und wenn ihr könnt: stellt junge Menschen auf die Bühne, die seit ihrer Jünglingszeit nichts anderes als Soldaten waren, die nur gehorchen und nur befehlen gelernt haben, weiter nichts, die nichts haben, die nichts sind, deren sogenannte Ideale unter den Schlägen der Niederlage zerbrachen, die innerlich leergebrannt sind, einen Halt suchen, Anschluß an unser Leben finden wollen.“

Bei Twitter finden Sie übrigens unter @Erik_Reger Tagesspiegel-Texte aus der Nachkriegszeit aus unserem Archiv. Markus Hesselmann