Nachbarschaft

Veröffentlicht am 29.03.2018 von Markus Hesselmann

Beim Begriff „Berliner Kindheit“ denke ich an Walter Benjamin und sein autobiographisches Buch „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“. Inzwischen sind Youtube und Oral History die Genres der Wahl, um von weniger weit zurückliegenden „Berliner Kindheiten“ zu erzählen. Unter dieser Überschrift sammelt Johannes Zillhardt auf seiner Website Erinnerungen von Berlinerinnen und Berlinern, deren Geburtsjahrgänge sich von 1920 bis 1988 erstrecken. Derzeit ist er speziell auf der Suche nach Menschen, die in den Dreißiger- oder Neunzigerjahren geboren wurden (hier sein digitaler Aushang dazu).

Einer der filmisch Interviewten ist Gerhardt Müller-Goldboom, Jahrgang 1953 (Foto/Youtube-Screenshot). Er erzählt, davon, wie er „im Südwesten von Berlin“ aufwuchs: „Das nennt sich dort Giesensdorf, eine Gegend, die so ein bisschen ländlich geprägt war. Ich habe das als Kind sehr schön gefunden, dass es dort einige Felder am Stadtrand gab. Und zwar vor der, wie man damals sagte, Zonengrenze.“ Müller-Goldboom berichtet vom Abschied seines Großvaters, der seine Schlüssel an die Familienmitglieder verteilte, weil er wusste, dass der bevorstehende Krankenhaus-Aufenthalt sein letzter sein werde. Oder davon, wie seine Großmutter plötzlich „mehr Zeitung las als sonst“. Es ging um die Auschwitz-Prozesse, doch der gesteigerte Wunsch nach Information bedeutete längst nicht, dass es auf die Fragen des Zehnjährigen nun „befriedigende Antworten“ gab, „mit denen man hätte umgehen können“. Und schließlich wie er an seiner Lateinschule die „Rote Zelle Steglitz“ mitgründete, „und da haben wir dann das ‚Kommunistische Manifest‘ so interpretiert, wie man einen lateinischen Text interpretiert“. berlinerkindheiten.de

In Benjamins „Berliner Kindheit“ kommt übrigens der Südwesten auch vor, weil die Familie in Babelsberg eine „Sommerwohnung“ hatte. Zwischen Sanssouci und Pfaueninsel machte sich der kleine Walter „die Gegend, die im Schatten der königlichen Bauten lag, zu eigen“ – „bis zu dem Rückfall meines Reichs an den Spätherbst“. Dabei berichtet er von seiner schwersten kindlichen Niederlage, weil es ihm nicht gelungen war, eine Pfauenfeder zu ergattern. Oder davon, wie er Fahrradfahren lernt, in einer Halle bei Glienicke, „sie stammt aus einer Zeit, der Sport und Freiluft noch nicht unzertrennlich gewesen waren“.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Bitte schicken Sie Ihre Vorschläge an meinen Kollegen Boris Buchholz unter der Email-Adresse: leute-b.buchholz@tagesspiegel.de

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