Nachbarschaft

Veröffentlicht am 14.02.2019 von Boris Buchholz

Die finnische Künstlerin Elsa Salonen, 34, arbeitet und „lebt zwischen Berlin und Finnland“ (so steht es auf ihrer Internetseite). Studiert hat sie an der Kunsthochschule Weißensee und in der Akademie für bildende Künste von Bologna. Jetzt wird Elsa Salonen temporär Steglitz-Zehlendorferin: Bis zum 31. März zeigt sie in der Schwartzschen Villa ihre Ausstellung „Stories Told by Stones“.

Frau Salonen, Sie beschäftigen sich mit Steinen, den ältesten Bewohnern der Erde. Haben Steine wirklich ein Bewusstsein? Vor wenigen Jahren war ich in Berlin an der Organisation eines Mini-Symposiums zum Pflanzenbewusstsein beteiligt. Ich erinnere mich deutlich an die Unterhaltung mit einem unserer Gastredner, einem Philosophen, der sich stark der Thematik des Bewusstseins und der Neurobiologie der Pflanzen widmete. Er scherzte darüber, wie lange die Wissenschaftler gebraucht hätten, Tieren ein Bewusstsein zuzugestehen, während – wie er meinte – die Öffentlichkeit die Intelligenz von Hunden schon eingeräumt hatte. Er prophezeite eine ähnlich lang andauernde Debatte bezüglich der Pflanzen. Als ich dann die Steine ins Gespräch brachte, war selbst er, der erklärte Pionier des Bewusstseins der Pflanzen, überrascht, ja sogar abgeneigt. Philip Goff, ein Philosoph und Bewusstseinsforscher an der britischen Durham University, sagt: „Das Bewusstsein ist ein grundlegendes Merkmal der physischen Materie; jedes einzelne Teilchen, das existiert, hat eine unvorstellbar einfache Form des Bewusstseins.“

Manche Steine mögen eigene Stories erzählen, viele Steine erhalten ihre Bedeutung aber erst durch den Menschen. Warum sind Steine so interessant, so magisch? Unter allen bewussten Wesen sind Steine als die ältesten Bewohner unseres Planeten diejenigen, die die meisten der verschiedenen Momente der sich ständig verändernden Geschichte der Erde erlebt haben. Tatsächlich ist es vor allem den Steinen zu verdanken, dass wir die geologische Geschichte der Welt kennen. Indem sie lernten, die Zeichen der Felsen zu „übersetzen“, konnten die Geologen das Alter der Erde, ihre vergangenen Klimazonen und sogar die Evolutionsgeschichte des Lebens simulieren. Die bemerkenswerte Weisheit der Steine wurde in meinem Heimatland Finnland vor der christlichen Ära auf sehr konkrete Weise anerkannt: Große unregelmäßige Felsen wurden mit immensem Respekt verehrt. Die Macht der alten Steine und damit die gegenseitige Abhängigkeit von allem wurde durch Opfergaben berücksichtigt, um zum Beispiel einen guten Ertrag im Fischen oder der Jagd zu erwirken.

In Indonesien haben Sie die Seelen in den Dingen und Lebewesen studiert, in Kolumbien die lokalen medizinischen Pflanzen – was hoffen Sie in Steglitz-Zehlendorf zu entdecken? Um ehrlich zu sein, nachdem ich mehr als ein Jahrzehnt in Berlin gearbeitet htte, habe ich nicht gedacht, in dieser Gegend so viele neue Dinge zu entdecken. Aber überraschenderweise war ich sehr beeindruckt von der außergewöhnlichen Freundlichkeit des gesamten Teams in der Schwartzschen Villa: der reizenden Kuratorin Christine Nippe sowie der großartigen Techniker Stefan Martinkat und Martin Sauerbohn.

Ist Ihre Ausstellung eine politische Kritik an von Menschen verursachten Umweltveränderungen? Ich glaube, dass Kunst ein großartiges Medium sein kann, um Hoffnung in die Welt der deprimierenden Nachrichten zu bringen, die wir jeden Tag lesen. Im besten Fall kann die Kunst neue Ideen und Energie freisetzen, mit der sie für ein besseres Morgen kämpft. Die laufende Ausstellung von mir kann als eine Aussage über die vom Menschen verursachten Umweltveränderungen angesehen werden, ja.

Sie schaffen für die Schwartzsche Villa neue Kunstwerke; wie groß ist der Druck, der zu so einer Ausstellung auf Ihnen lastet? Oftmals schlafe ich in den letzten Nächten vor der Eröffnung nicht so gut, aber es ist eine sehr positive Art von Aufregung. Die Eröffnungen sind sehr fruchtbar für die bildenden Künstler, die über einen längeren Zeitraum allein in ihren Ateliers arbeiten. In den Eröffnungen darf man die Ergebnisse schließlich dem Publikum zeigen – es ist immer eine sehr lohnende Phase während eines Projekts.

Was heißt „Mögen Ihnen und uns noch viele Steine ihre Geschichten erzählen“ auf Finnisch? Kertokoon vielä monet kivet sinulle ja meille heidän tarinansa.

Die Ausstellung ist in der Schwartzschen Villa (Grunewaldstraße 55) jeden Tag von 10 bis 18 Uhr zu sehen; der Eintritt ist frei. Ermöglicht wurde die Ausstellung durch die Unterstützung des Finnland-Instituts in Deutschland.

Foto: Devin Rüzgar

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@tagesspiegel.de

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