Nachbarschaft

Veröffentlicht am 09.05.2019 von Boris Buchholz

Die Debatte an der Ernst-Moritz-Arndt-Gemeinde (EMA) in Zehlendorf erstreckte sich über Monate (meine Kollegin Heike Jahberg berichtete): Am Montagabend, 6. Mai, hat der Gemeindekirchenrat entschieden – die Gemeinde soll umbenannt werden. Der Historiker, Theologe und Philologe Ernst Moritz Arndt ist wegen seiner „militant-nationalistischen und judenfeindlichen Äußerungen“ für die Gemeinde als Namensgeber nicht mehr tragbar. Pfarrerin Ute Hagmayer (60) und Michael Häusler (57), beide sind Mitglieder des Gemeindekirchenrats, äußern sich zu der Entscheidung und dazu, wie es in der Gemeinde jetzt weitergeht.

Frau Hagmayer, Sie waren für die Umbenennung; Herr Häusler, Sie haben dagegen argumentiert. Können Sie sich noch in die Augen sehen?
Hagmayer: Die Sitzung am Montag verlief sehr friedlich. Jedes Mitglied des Gemeindekirchenrates hatte noch einmal die Möglichkeit, sich zu dem Sachverhalt zu äußern, anschließend wurde in einer geheimen Wahl abgestimmt. Der Superintendent war in der Sitzung zugegen. Nach der Abstimmung waren wir über das Ergebnis erst einmal selber überrascht. Es war ein fairer und friedlicher Umgang im Gemeindekirchenrat, für den ich sehr dankbar bin. Besonders dankbar bin ich Michael Häusler, der im Vorfeld die Broschüre mit Texten über Arndt zusammenstellte und maßgeblich dazu beigetragen hat, dass die Debatte sachlich und ohne Polemik verlief.
Häusler: Wir kennen und schätzen uns im Gemeindekirchenrat schon lange. Wir haben die Frage über viele Monate miteinander diskutiert und alle Argumente für oder wider eine Umbenennung lagen auf dem Tisch. Alle haben noch einmal ihren Standpunkt zusammengefasst, und niemand hat es sich leicht gemacht. Wir wussten, dass jede Entscheidung zu Verletzungen führen würde. Nach der Abstimmung herrschte erst einmal Stille, und dann haben wir gemeinsam darüber gesprochen, wie wir negative Folgen für den Zusammenhalt der Gemeinde minimieren können.

6 zu 4, so wurde abgestimmt. Die Mehrheit der Jungen waren für einen neuen Namen, die Mehrheit der Alten für den alten. Wie tief geht der Riss in der Gemeinde?
Hagmayer: Die Jugendlichen, die sich mit dem Thema beschäftigt haben und mit denen ich sprach, waren mehrheitlich sehr klar für die Umbenennung unserer Gemeinde. Es gab natürlich auch Ältere, die für eine Umbenennung waren. Meinem Empfinden nach war die ältere Generation insgesamt eher für eine Beibehaltung des Namens. Meine Aufgabe sehe ich jetzt darin, die Gemeinde zusammenzuhalten. Es wäre ein fürchterliches Ergebnis, wenn die Verletzungen so tief wären, dass es zu Austritten käme. Mein Kollege und ich sind jederzeit gesprächsbereit. Ich nehme die Trauerarbeit, die wir jetzt leisten müssen, sehr ernst, auch mir fällt es nicht leicht, nach fast dreißig Jahren als Pfarrerin in dieser Gemeinde den Namen Ernst-Moritz-Arndt abzulegen, auch wenn ich hinter der Entscheidung stehe. Vielleicht kann sich jemand, der sich entschieden hat, den Namen des Partners oder der Partnerin zu übernehmen, das Gefühl nachempfinden. Aber man gibt deshalb seine Identität nicht auf, das tut auch unsere Gemeinde nicht.
Häusler: Diesen angeblichen Gegensatz zwischen Jungen und Alten in dieser Frage halte ich für ein Konstrukt. Es trifft allerdings zu, dass die Mehrheit derer, die sich seit vielen Jahren in der Gemeinde engagieren, und das sind nun mal die Älteren, für die Beibehaltung des Namens waren. Es ist noch zu früh zu sagen, welche Folgen die Entscheidung für die Gemeinde hat. Um Enttäuschung zu mildern und Verletzungen zu heilen, müssen wir weiter betonen, dass der Name einer Kirchengemeinde nachrangig ist gegenüber dem eigentlichen Auftrag der Kirche.

Fünf Mal wurde in der Gemeinde öffentlich diskutiert: Ist der Entscheidungsprozess ein Beispiel für innerkirchliche Demokratie?
Häusler: Ich meine: ja. Man kann darüber diskutieren, ob die Form öffentlicher Vorträge und Diskussionen alle erreicht, aber letztlich ist die Namensfrage eine intellektuelle. Dass an vier Abenden und an der abschließenden sonntäglichen Gemeindeversammlung jeweils etliche Dutzend Leute kamen, zeigt die starke Beteiligung der Gemeinde.
Hagmayer: Auch im Gemeindebrief wurde das Thema wiederholt besprochen. Am Ende hat dann der Gemeindekirchenrat entschieden, ein von der Gemeinde demokratisch gewähltes Leitungsgremium.

Warum durften nicht alle Mitglieder der Gemeinde in einer Ur-Abstimmung über die Umbenennung entscheiden?
Hagmayer: Auch über eine Urabstimmung wurde gesprochen, aber die sieht unsere Grundordnung gar nicht vor.
Häusler: Dass am Ende ein gewähltes Leitungsgremium entscheidet, ist Ausdruck von vernünftiger repräsentativer Demokratie in der Kirche. Wir wollten auch die Namensfrage nicht mit den anstehenden Wahlen zum Gemeindekirchenrat im Herbst verknüpfen. Bei dieser Wahl zählen andere Kriterien als die Frage, wie sich eine Person in der Namensfrage positioniert.

Bisher ist nur klar, dass die Gemeinde nicht mehr EMA heißen soll. Wie kommt die Gemeinde jetzt zu einem neuen Namen?
Hagmayer: Für die Namensfindung sollte sich die Gemeinde Zeit lassen, um möglichst Viele an der Namensfindung zu beteiligen. Bis zu einem neuen Namen behalten Gemeinde und Kirche natürlich den Namen „Ernst-Moritz-Arndt“. Oder wie alle liebevoll immer sagen: EMA.
Häusler: Wir wollen mit der ganzen Gemeinde in einen kreativen Prozess der Namensfindung eintreten. Dabei wird sicher viel darüber gesprochen, was den Einzelnen an Kirche wichtig ist und wofür unsere Gemeinde stehen soll. Wir gehen davon aus, dass über einen neuen Namen erst der neu gewählte Gemeindekirchenrat im nächsten Jahr entscheiden wird.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@tagesspiegel.de