Nachbarschaft

Veröffentlicht am 22.08.2019 von Boris Buchholz

Es gibt sie schon fünfzig Jahre, doch die Geburtstagsfeier des Kinderhauses-Schönow steht unter keinem guten Stern: Die Evangelische Kirchengemeinde Schönow-Buschgraben hat der von Eltern getragenen Kita mit 19 Plätzen den Mietvertrag gekündigt. Eine schlechte Entscheidung, findet Laura Karhu, 37. Sie hat jetzt ihr drittes Kind im Kinderhaus und ist die erste Vorsitzende des Kita-Vereins.

Frau Karhu, waren die Kinder zu laut, sind Sie mit der Mietzahlung im Rückstand oder warum hat Ihnen die Kirchengemeinde gekündigt? Klar sind die Kinder mal laut, aber das ist nicht der Grund und Mietrückstände hatten wir noch nie. Die Kündigung kam für uns total überraschend. Wir wollten unsere Spielgeräte erneuern und die Kirche wies uns darauf hin, dass wir das vorerst nicht machen sollten. Auf Nachfrage wurde uns mitgeteilt, dass die Kirche andere Pläne mit dem Grundstück hätte und dann erhielten wir die Kündigung. Dafür wurde uns in einem Termin mit dem Gemeindekirchenrat wirtschaftliche Gründe, der Bedarf an barrierefreien Räumen und einer Pfarrerswohnung genannt.

Eine Wohnung für eine Pfarrerin und barrierefreie Räume für die Gemeinde schaffen zu wollen, hört sich nicht verwerflich an. Die Barrierefreiheit ist absolut begrüßenswert, und dass die Pfarrerin eine Wohnung haben möchte, verstehen wir. Aber wir verstehen nicht, warum das eine das andere ausschließt. Das Grundstück ist mit 1.800 Quadratmetern groß genug für barrierefreie Räume, eine Pfarrerswohnung und eine Kita. Auch wir und unsere Kinder sind Teil der Gemeinschaft. Wenn man sich verändert, sollte es doch selbstverständlich sein, dass gerade jetzt, wo Kitaplätze so dringend gebraucht werden, die Kirche auch hier ihre Verantwortung sieht und mit allen Mitteln versucht, die Kita zu erhalten. Und nach so langer gemeinsamer Zeit sind wir einfach wahnsinnig enttäuscht, dass wir in die Pläne überhaupt nicht involviert waren und sind.

Sie werfen der Gemeinde in einer Pressemitteilung vor, „aus Eigennutz“ 19 Betreuungsplätze zu „vernichten“. Ist das nicht zu hart formuliert? Das klingt vielleicht hart, aber das sind leider die Fakten. Die Betreuungsplätze werden tatsächlich vernichtet, wenn wir keine Alternative finden. Dazu würden auch noch vier Arbeitsplätze unserer drei langjährigen Erzieherinnen und unserer Köchin wegfallen.

Bis wann müssen Sie Ihre bisherigen Räume verlassen? Uns wurde zum 31.07.2020 von der Kirchengemeinde gekündigt – das ist natürlich sehr kurzfristig.

Ein Jahr haben Sie also noch für die Suche nach einem Alternativstandort … Die Zeit ist extrem knapp. Als Eltern-Initiativ-Kindergarten machen wir es jedem möglich, in unsere Kita zu kommen – unabhängig von der Einkommenssituation. Bisher konnten wir dies über viel Eigeninitiative der Familien gewährleisten. Genau das ist es auch, was diesen Kindergarten so besonders macht: Alle packen mit an – Kinder, Eltern und auch noch die Ehemaligen. Wenn wir allerdings eine wesentlich höhere Miete zahlen müssen – wovon bei den Immobilienpreisen in der nahen Umgebung leider auszugehen ist – können wir dies nicht mehr. Dann müssten die Kindergartenbeiträge drastisch erhöht werden. Es gibt in der Umgebung kaum Grundstücke oder Häuser, die frei sind, geschweige denn, dass wir uns das leisten könnten. Auch die Bezirksverwaltung hat leider keine Räume oder Grundstücke verfügbar. Zudem brauchen wir schnellstmöglich Planungssicherheit, um den Fortbestand des gemeinnützigen Vereins sicher stellen zu können.

Warum wollen Sie am liebsten in der Gemeinde in der Pfarrlandstraße bleiben? Der Verein ist seit fünfzig Jahren in der Gemeinde verwurzelt und sehr aktiver Teil der Nachbarschaft. Die Kinder gehen zum Kirchenchor und wir helfen bei Gemeindefeiern. Das ist unsere Heimat und unser Kiez. Allen und vor allem den Erzieherinnen ist das Holzhaus ans Herz gewachsen.

Angenommen, Sie können sich mit der Gemeinde einigen: Wie könnte eine Lösung aussehen? Das wichtigste wäre jetzt erstmal, dass wir mehr Zeit haben und die Kirche die Kündigungsfrist verlängert. Dann könnten wir gemeinsam planen, ob das bestehende Haus umgebaut wird. Es wäre auch ein gemeinsamer Neubau denkbar. Wir haben der Kirche auch bereits mehrere Varianten einer Grundstücksteilung mit Neubauten vorgelegt.

Am 31. August wollten Sie den 50. Geburtstag des Kinderhauses feiern. Ist Ihnen die Lust auf das Fest jetzt vergangen? Nein, wir haben allen Grund zum Feiern: Fünfzig Jahre Elterninitiative sucht, denke ich, ihresgleichen. Es kommen Großeltern, deren Kinder und jetzt Enkelkinder liebevoll im Holzhaus betreut wurden und werden. Wie üblich bringt jeder etwas mit, legendäre Aufführungen werden nochmals zum Besten gegeben und es werden sicher wieder einige unterhaltsame Geschichten ausgetauscht. Natürlich hätten wir gerne verkündet, dass wir eine Lösung für den Erhalt des Holzhauses in Aussicht haben, aber leider ist die Kirche bisher auf keine unserer Vorschläge konkret eingegangen.

Foto: privat

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@tagesspiegel.de

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