Nachbarschaft

Veröffentlicht am 14.11.2019 von Boris Buchholz

Schon als Kind war Gerhard Klein (1920-1999) vom Theater und vom Kino begeistert, war in Berlin Kinderschauspieler und als Sprecher im Rundfunk beschäftigt, doch ab 1933 durfte der Schauspieler nur noch im „Jüdischen Kulturbund“ auftreten. Im Rahmen der „Polenaktion“ wurde er im Oktober 1938 nach Polen deportiert; 1939 gelang ihm die Flucht nach Palästina. Nach dem Krieg kehrte er nach Berlin zurück – und betrieb 30 Jahre lang das Kino „Capitol Dahlem“. Heute, an seinem 20. Todestag, wurde am Capitol eine Gedenktafel enthüllt. Madeleine Budde, 62, eine der beiden Töchter von Gerhard Klein, berichtet, was das Kino für die Familie Klein bedeutet hat.

Frau Budde, wie hat das „Capitol“ Ihre Kindheit geprägt? Ich habe das Kino mit der Muttermilch aufgesogen. Das Capitol prägte mein Leben. Es weckte meine Leidenschaft für Film und Kultur, war Brennpunkt meiner Kindheit – der Garten, die kleine Bühne, das Eis, die Süßigkeiten, vor allem aber waren es die unzähligen Filme, die ich im Laufe der Jahre hier gesehen haben. In der Thielallee habe ich gelernt, neugierig zu sein auf Anderes, Fremdes und Spannendes. Diese Begeisterung begleitet mich bis heute.

Ihr Vater kam 1952 nach Berlin zurück. Warum tat er das, warum wollte er in einem Land leben, in dem er zuvor um sein Leben fürchten musste? Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht – und doch war Berlin seine Heimat. Seine Rückkehr hat stark mit seinem Beruf zu tun. Er war in Berlin Kinderschauspieler und hat dann auch in Israel, nach anfänglichen schweren Zeiten im Kibbuz, das israelische Theater „Cameri“ mitgegründet und stand dort viele Jahre auf der Bühne. Aber: Hebräisch – das er selbstverständlich beherrschte – war nicht seine Muttersprache. Und Theaterspielen in einer Sprache, die man vielleicht nicht zu einhundert Prozent beherrscht, war nicht ganz einfach. Und dann kam er auch der Liebe wegen. Bei einem Besuch in Berlin 1952 – dort war er auf der Suche nach überlebenden Angehörigen – traf er meine Mutter und verliebte sich in sie.

Was war Ihr Vater für ein Mensch? Und was war seine Vision, sein Antrieb? Er war trotz Verfolgung, Leid und Elend, der schweren Zeit 1938 in Polen, wohin er mit Vater und Bruder ausgewiesen worden war, den harten Anfängen in Palästina und später in Israel, ein Optimist, ein fröhlicher Mensch, der neugierig auf die Zukunft war. Er hatte nach seiner Rückkehr die Vision von einem besseren Deutschland. Er war überzeugt davon, dass sich die Zeiten zwsichen 1939 und 45 niemals wiederholen würden. Schaute nach vorne, baute sich eine Existenz auf, gründete eine Familie und glaubte fest an ein Morgen.

Sehr lange hat Ihr Vater über seine Erlebnisse in Nazi-Deutschland geschwiegen … Wie so viele Opfer der Nazi-Verfolgung hat auch er die Zeit bewusst verdrängt. Er wollte nicht zurückblicken, er hatte den Ehrgeiz sich ein neues, eigenes, erfolgreiches Leben wieder in Deutschland aufzubauen. Erst als Steven Spielberg mit seiner Shoah-Foundation in den Achtzigerjahren auftauchte, um weltweit Interviews mit Überlebenden zu führen und deren Schicksale systematisch zu dokumentieren, war er das erste Mal bereit, ausführlich über die Jahre der Emigration zu sprechen. Der Foundation gab er sein erstes ausführliches Interview, zuvor waren es immer nur Bruchstücke gewesen, die man beziehungsweise wir als Familie von ihm erfahren haben.

Zurück zum Kino: Das „Capitol“ ist eine Kulturinstitution in Dahlem, was sind denn die Highlights der Capitol-Kino-Geschichte? Die Idee, kein Mainstream-Kino zu machen, sondern ein Kinoprogramm mit besonderer Filmauswahl, ein so genanntes Programmkino, war in Fünfziger- und Sechzigerjahren geradezu innovativ. Es war ein ganz anderer, moderner Zeitgeist. Ein anderes Highlight: Traditionell gab es im „Capitol Dahlem“ jede Sonnabendnacht zur Spätvorstellung EddieConstantin-Filme. Das war Kult. Und irgendwann kam dann eben „Eddie“ wirklich in Dahlem vorbei. Auch eine andere Reihe war etwas Capitol-Besonderes: Zum literarischen Podium, einer regelmäßigen Literatur- und Kulturveranstaltung, kamen die großen Schauspieler Stefan Wigger, Helmut Qualtinger, Ernst Deutsch, Curt Bois und Maria Becker ins kleine Capitol Dahlem.

Wenn Ihr Vater sich heute in den Kinosessel setzen könnte, welchen Film würde er wohl sehen wollen? Ganz sicher seine Lieblingsfilme – Klassiker wie die „Kinder des Olymps“, Charlie Chaplin, „Arsen und Spitzenhäubchen“ und „Vom Winde verweht“ oder „M – eine Stadt sucht einen Mörder“. Von heute wären es vielleicht Filme wie „Das Leben der Anderen“, „Lara“, „Der Staat gegen Fritz Bauer“ oder „Die Unsichtbaren“.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@tagesspiegel.de

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Dieser Text stammt aus dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf. Meinen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Südwesten gibt es in voller Länge und kostenlos unter leute.tagesspiegel.de
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