Nachbarschaft

Veröffentlicht am 21.11.2019 von Boris Buchholz

Philipp Wilhelm, 35, steht gerne auf dem Wasser: Er verleiht am Schlachtensee in Berlin-Zehlendorf Stehpaddel-Bretter und betreibt einen Shop für Stand-Up-Paddlebords und -zubehör im Goerzwerk in Lichterfelde. Schon Holden Caulfield fragte sich im Klassiker „Catcher in the Rye“, was wohl die Enten machen, wenn der Teich im Park zugefroren ist. Wo gehen sie hin? Gute Frage, gleiche Frage: Was macht ein Surf-Laden-Inhaber im Winter?

Herr Wilhelm, also, was machen Sie im Winter? Surfen Sie auf Hawai? Oder satteln Sie um und verkaufen Ski, Schlittschuhe oder Heizdecken? Tatsächlich haben wir auch im Winter einiges zu tun: So gilt es, das gesamte Material der Saison zu reinigen und auf Funktion zu prüfen. Einen großen Teil des Verleihmaterials verkaufen wir. Diese Woche sind wir von Mittwoch bis Sonntag mit einem 200-Quadratmeter-Stand und einem 27-Meter-Pool zum SUPen auf der Wassersportmesse „Boot & Fun“. Eine tolle Veranstaltung!

Wassersport in der Halle? Da müssen Sie mir etwas den Mund wässrig machen … Die „Boot & Fun“ ist immer einen Ausflug wert – von unseren „Funsportartikeln“ über große Boote und Segelyachten gibt es nicht nur eine Menge zu sehen, sondern auch eine Reihe von Mitmachangeboten. Auf riesigen Pools können Sie Gefährte aller Art selber testen. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre, es gibt lockere Aussteller – wie sich das eben für so eine Wassersportmesse gehört. Am liebsten bin ich dort mit meinem Sohn unterwegs; gemeinsam können wir wahnsinnig viel entdecken.

Wie wichtig ist denn Weihnachten für den Wassersport? Man mag es nicht glauben, aber doch – Stand-Up-Paddle-Boards, hochwertige Paddel und sonstiges Zubehör werden auch zu Weihnachten verschenkt! Wir bereiten uns vor und lassen Sie nicht alleine: Am 7. Dezember öffnen wir für unseren Nikolaus-Verkaufstag.

Wie war Ihre Saison 2019? Insgesamt haben wir unsere Aktivitäten in diesem Jahr noch einmal deutlich gesteigert; und das, obwohl wir nicht so einen Jahrhundertsommer wie 2018 hatten. An unserer SUP-Station am Schlachtensee haben wir viele neue Sitzbänke errichtet und Schließfächer für große Taschen installiert. Auch in der Goerzallee war einiges los: Mit unserem SUP-Shop sind wir zu Jahresbeginn in eine größere Fläche im Goerzwerk gezogen. Und wir haben einen Webshop eingerichtet.

Alleine können Sie Ihr Geschäft nicht betreiben: Wieviele Mitarbeiter haben Sie – und was machen die im Winterhalbjahr? Stimmt. Tägliche Öffnungszeiten von 9 bis 21 Uhr, der Betrieb mit über vierzig Boards, zahlreiche Kursangebote, alles in der prallen Sonne – das schaffe ich schon lange nicht mehr alleine. In diesem Jahr waren es in der Spitze 14 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich habe das Glück, mit super motivierten Leuten zusammen arbeiten zu dürfen. Klar, wir sind ein Saisonbetrieb. Ich bemühe mich zu halten, wen ich halten kann. Einige Kolleginnen und Kollegen widmen sich im Winterhalbjahr verstärkt ihrem Studium, ein anderer startet gerade mit seiner eigenen Foto- und Filmagentur durch und wiederum ein anderer ist gerade in einem Hostel fürs Marketing untergekommen.

Sie scheinen ein Pionier und Visionär zu sein – wer kommt schon auf die Idee, im 3. Stock einer alten Fabrik fern vom Wasser einen Surf-Laden zu eröffnen … Also, ins Goerzwerk eingezogen sind wir ja zunächst ins erste Obergeschoss. Seit 2016 sind wir bereits zweimal innerhalb des Gebäudes umgezogen und haben unsere Fläche jeweils vergrößert. Bei den Begriffen Pionier und Visionär muss ich schmunzeln. Als ich mich 2014 erstmals mit dem Thema Stand Up Paddling beschäftigt habe, stand der Sport in Berlin noch ganz am Anfang. Seitdem hat es eine rasante Entwicklung gegeben, die sich definitiv noch fortsetzen wird. Übrigens: Fern vom Wasser sind wir ganz und gar nicht. Das Gelände hat einen direkten Zugang zum Zehlendorfer Stichkanal und somit eine Zufahrt zum Teltowkanal mit Fahrrinne Richtung Wannsee oder Spree. Und genau das war ein zentrales Entscheidungskriterium, uns hier niederzulassen.

Warum ist der Teltowkanal für Sie wichtig? Unser Traum ist ein Testzentrum und ein weiterer Verleih für Stand-Up-Paddling-Boards direkt am Stichkanal. Industriecharme trifft Moderne! Aufgrund von Umweltbedenken war es bisher nicht möglich, unser Vorhaben zu realisieren. Tja, wir sind hier ja in Deutschland… Dabei möchte auch Silvio Schobinger, der Eigentümer des Goerzwerks, gerne einen weiteren Beitrag zur Belebung des Industriegebiets an der Goerzallee leisten: Er denkt an eine Anlegestelle inklusive eines kleinen Salonbootes. Nächstes Jahr sind wir im fünften Jahr hier – vielleicht tut sich dann etwas. Gut Ding will eben Weile haben.

Surfer und SUPer sind – fast – immer entspannte Leute. Haben Sie einen November-Tipp für die Steglitz-Zehlendorfer, wie man mit trüben Tagen umgehen sollte? Einfach weiter raus an die frische Luft, Bewegung und am besten aufs Wasser. Mit dem richtigen Trockenanzug und Neoprenschuh geht das wunderbar – ganz getreu dem Motto: Es gibt kein falsches Wetter, lediglich falsche Kleidung! – Text: Boris Buchholz
+++
Dieser Text ist im neuen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf erschienen. Den Newsletter aus dem Berliner Südwesten gibt es in voller Länge und kostenlos unter leute.tagesspiegel.de.
+++
Meine weiteren Themen aus dem Berliner Südwesten – eine Auswahl.

  • Er heißt jetzt „Neulichterfelde“: In Lichterfelde-Süd soll ein ökologischer Vorzeige-Stadtteil entstehen.
  • Für den Erhalt der Nachbarschaft: Etwa 200 Menschen gründen Bürgerinitiative Kranoldkiez.
  • Christmas Garden eröffnet: Von Lichter-Wiesen und Placebo-Buzzern.
  • Was ein Surf-Shop-Betreiber im Winter tut.
  • Hunde im Rathaus: Im Gespräch mit dem Initiator des Bürohunde-Beschlusses.
  • Charité Science Slam im Klinikum Benjamin Franklin.
  • Wer macht mit? Bezirksamt plant Stammtisch für ältere Schwule und Lesben im Südwesten.
  • 7 Grad in der Kirche, Konzertabsage, Ärger im Chor.
  • Herren versus Jugend: Streit um Trainingszeiten beim Lankwitzer BFC Preussen.
  • Zwanzig Euro für einen Computer: Am Grey Thursday vertickt das Bezirksamt alte Technik.
  • Passanten finden Tote am Schlachtensee.
  • Warum ein Zitronen-Laster von der Polizei gestoppt wurde.
  • Erstes Chorfest in Onkel Toms Hütte.
  • Unbrennbare Kunst-Tannenbäume und weihnachtliche Kinder-Wünsche.
  • … das und noch viel mehr Termine, Tipps und Kiez-Nachrichten für den Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf hier – im Tagesspiegel-Newsletter. In voller Länge und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de.
Anzeige