Nachbarschaft

Veröffentlicht am 16.01.2020 von Boris Buchholz

Sie ging gleich nach dem Mauerfall nach New York, um ihr Studium fortzuführen, und unterrichtete später in Texas und Washington Mathematik. Jetzt zieht es die Schulleiterin der Gail-S.-Halvorsen-Schule aus Berlin-Dahlem (Steglitz-Zehlendorf) wieder über den Atlantik: Ab März leitet Kathrin Röschel, 54, die „German International School of Silicon Valley“ in Kalifornien; die Schulstandorte liegen in San Francisco und Mountain View. Auf dem Foto ist sie mit Gail S. Halvorsen, Luftbrückenheld und Namensgeber ihrer bisherigen Schule, zu sehen.

Frau Röschel, was hat Sie geritten, sich auf eine Stelle fast auf der anderen Seite der Welt zu bewerben? Im Grunde genau das gleiche was mich jeden Tag „reitet“, in die Schule zu gehen. Bildung muss im globalen Maßstab gedacht werden. Gute Schulen müssen „outside the box“ und am besten ganz ohne „box“ gedacht und gemacht werden. Ich will „meine“ Schule so gestalten, dass Wissen und Fähigkeiten vermittelt werden, um globale Herausforderungen zu verstehen und ihnen begegnen zu können. Ich will Verantwortung dafür tragen, dass junge Menschen in die Lage versetzt werden, ein Zugehörigkeitsgefühl zu unserer Weltgemeinschaft zu entwickeln, sich zu engagieren, ökologisch zu denken und eine aktive Rolle in der Gesellschaft zu übernehmen. Ich will sie ermutigen und befähigen, ihren Beitrag zu einer friedlichen, gerechten Welt zu leisten. 
Ist das zu „big“? Nein, ich denke das ist gerade groß genug. Bildung ist nämlich „big“! Und die German International School im Silicon Valley scheint mir ein idealer Ort zu sein, um Bildung gemeinsam „big“ zu denken und diese Ideale umzusetzen.

Und wann geht es los? Ich gebe am 31. Januar an der Halvorsen-Schule noch die Halbjahreszeugnisse aus und ab dann gilt: „If you’re going to San Francisco be sure to wear some flowers in your hair!“

Jetzt winken Ihnen viele Herausforderungen: Zum Beispiel waren Sie bisher an einer reinen Oberschule tätig, zukünftig haben Sie es auch mit Menschen ab drei Jahren zu tun … Darauf freue ich mich ganz besonders! Ich habe in den vergangenen Monaten in der Praxiskommission des Senats mitgearbeitet; wir haben uns auch mit der besonderen Bedeutung frühkindlicher Bildung beschäftigt. Einen Menschen – und ganz besonders auch schon einen „ganz kleinen“ – als Ganzes zu sehen und ernst zu nehmen, ist unabdingbar für seine und letztlich auch unser aller Entwicklung. Ich kann mich zum Beispiel gar nicht satt daran sehen, wie meine Enkelin immer und immer wieder versucht, sich ihren kleinen Fuß in den Mund zu stecken. Dann frage ich mich, wie ich meine Achtklässler dazu bringen kann, mit der gleichen Hingabe zu lernen, einfach um des Lernens willen. Im Silicon Valley trage ich als Schulleiterin die Gesamtverantwortung, aber wir werden die Schule selbstverständlich im Team leiten – ich bin gespannt auf den Austausch mit Experten und Expertinnen für die verschiedenen Alters- und Entwicklungsstufen.

Eine Schule im Silicon Valley – das klingt nach Hochtechnologie und Moderne … An meiner Dahlemer Halvorsen-Schule wurde die „Feuerzangenbowle“ gedreht und sollte irgendwann ein Remake geplant sein, ist auf jeden Fall baulich vieles noch genau wie damals. Im Gegensatz dazu werde ich vor meinem Schulleiterbüro im Silicon Valley eine Ladestation für das Elektroauto haben, mit dem ich zum Standort in San Francisco pendele.

Also reisen Sie in eine andere Schulwelt? Auf den ersten Blick ist fast alles anders und dann aus einem anderen Blickwinkel auch gar nicht so viel. Einer Berliner Schulleiterin tränen natürlich vor Glück die Augen, wenn zum Beispiel gleich zwei IT-Spezialistinnen jeden Tag und den ganzen Tag in der Schule bereit stehen. Aber aus den zweifellos großartigen technischen Voraussetzungen auch das Beste zu machen und dabei nicht die Frage aus dem Auge zu verlieren, was dieses Beste ist – das wird die eigentliche Aufgabe einer Schule der Zukunft sein. Welche grundlegenden Kulturtechniken, Ideen und Inhalte sollten Bestand haben oder sogar an Bedeutung gewinnen angesichts der fortschreitenden Digitalisierung?

Sie sind ja jetzt frei: Was wollten Sie dem Berliner Schulpolitikern schon immer mal sagen? Ach wissen Sie, ich bin ja eine, die sagt, was sie zu sagen hat. Wenn ich mir aber etwas wünschen dürfte, wäre es, dass man uns Schulleiterinnen und Schulleitern gut zuhört, denn wir haben wirklich etwas zu sagen. Der Senatsverwaltung würde ich sagen wollen: „Lasst uns in Kontakt bleiben und in den Austausch gehen. Es gibt sicher viel zu entdecken miteinander im Silicon Valley, wo ich an einem der nicht nur in Sachen Digitalisierung innovativsten und kreativsten Orte der Welt eine Schule leiten werde, deren erklärtes Ziel es ist, das Beste aus beiden Welten zusammenzuführen.“

Letzte Frage: Was werden Sie vermissen? Die eigentliche Frage ist wen, wen werde ich vermissen. Und die Antwort passt unmöglich auf eine Seite … natürlich werde ich Lore, Emma, Karla, Tom, Lina, Simon, Mama, Antje, Charlotte, Anna, Helena, Erika …. und alle anderen, die jetzt beim Lesen schmunzeln müssen, wahnsinnig vermissen. Aber bekanntlich wohnt jedem Anfang ja auch ein Zauber inne.  – Text: Boris Buchholz
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Meine aktuellen Themen im Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Südwesten – hier eine kleine Auswahl

  • Bürger ärgern sich: Werbevideo der Groth Gruppe zu „Neulichterfelde“ auf der Bezirkswebsite sorgt für Kritik (und ist plötzlich verschwunden)
  • Eine Dahlemer Schulleiterin freut sich auf die Sonne: Ab März leitet Kathrin Röschel die German International School of Silicon Valley in Kalifornien
  • Sunny Southwest: Verhandlungen über Solaranlagen auf Schuldächern kurz vor dem Abschluss
  • Förderverein ist erleichtert: Der Vertrag ist unterzeichnet, das Blinden-Museum kann umgebaut werden
  • Befürchtungen werden bestätigt: Investor Harald Huth will Ferdinandmarkt umbauen, ein Supermarkt soll einziehen
  • Wohnungsbau verzögert sich: Statt 144 wird die Howoge an der Fischerhüttenstraße nur 130 Wohnungen bauen können
  • Länger im Container: Senat will die Flüchtlingsunterkünfte an Ostpreußendamm und Hohentwielsteig bis 2025 nutzen
  • Die Glascontainer-Saga: Die BSR wollte 60 neue Standorte, nur vier wurden vom Bezirk genehmigt
  • Wer im Februar ins Theater will, muss heute handeln: Tickets für die „Schattenlichter“ heiß begehrt
  • 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz: Was sind Ihre Gedenkorte in Steglitz-Zehlendorf?
  • Hilfe für den Kiez: Senat beschließt Quartiersmanagement für die Thermometersiedlung
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Zum Newsletter-Autor. Boris Buchholz ist freiberuflicher Journalist und Designer. Zwar wurde er in Wilmersdorf geboren, doch wuchs er in Lankwitz auf, besuchte in Steglitz das Gymnasium und wohnt in Zehlendorf. Mehr über Boris Buchholz erfahren Sie auf seiner Website. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihm bitte eine E-Mail an boris.buchholz@tagesspiegel.de

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