Nachbarschaft
Veröffentlicht am 23.01.2020 von Boris Buchholz
Edith Pfeiffer ist 79 Jahre alt – sie wurde im Kriegsjahr 1941 geboren. Ihre beiden Eltern wehrten sich gegen die Nazi-Diktatur und auch sie setzt sich aktiv dafür ein, dass sich das Grauen und die Gräuel von Auschwitz nicht wiederholen. Die Frau aus Berlin-Lichterfelder (Steglitz-Zehlendorf) ist Mitglied der Bundesvereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN / BdA), die 1947 von jüdischen und nicht-jüdischen Überlebenden der Konzentrationslager und Folterkeller der Nazis gegründet wurde.
Frau Pfeiffer, am Montag jährt sich die Befreiung von Auschwitz zum 75. Mal. Wie wichtig ist Ihnen dieser Tag? Es ist der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, dieser fabrikmäßigen Vernichtung von Menschenleben. Es gab ja nicht nur Auschwitz. Treblinka, Belcec und Sobibor waren reine Mordorte im Fahrplantakt, alle vier Stunden kam ein Zug… In Deutschland wurde der 27. Januar zum offiziellen Gedenktag für alle Opfer der Nazis. Emotional steht mir der 8. Mai näher. Da waren die Naziherrschaft, das Morden und der Krieg endlich zu Ende.
Wie werden Sie den 27. Januar begehen? Er wird ganz im Zeichen des Gedenkens stehen. Ich werde um 11 Uhr beim Gedenken an der Spiegelwand auf dem Hermann-Ehlers-Platz sein und um 15.3o Uhr an der bezirklichen Gedenkveranstaltung an der „Säule der Gefangenen“ an der Eugen-Kleine-Brücke teilnehmen.
Ihre beiden Eltern leisteten gegen die Nazis Widerstand. Haben beide die Hitler-Diktatur überlebt? Als meine Eltern sich kennenlernten, hatten sie beide schon eine Zuchthausstrafe wegen „Hochverrats“ hinter sich. Meine Mutter im Frauenzuchthaus Jauer in Schlesien und mein Vater in der JVA Brandenburg. Nach der Heirat 1940 zogen sie vor die Tore Berlins nach Schönow bei Bernau. Sie hatten Kontakte zum jüdischen Widerstand um Herbert Baum. Die bekannteste Aktion dieser Gruppe ist der Brandanschlag auf eine Hetz-Ausstellung der Nazis, sie hieß „Das Sowjetparadies“. Der Schaden war gering, doch die Gestapo schlug zu. Einer aus der Gruppe, der noch untertauchen konnte, hat bei uns illegal zwei Wochen gewohnt. Anfang Februar 1943 wurde mein Vater deswegen verhaftet. Ich war noch keine zwei Jahre alt. Ende November 1943 ist er im Gefängnislazarett der JVA Moabit verstorben. Meine Mutter ist 1946 wieder nach Berlin-Kreuzberg zurückgezogen.
Die rechtsextreme AfD gewinnt in Deutschland Wahlen, auf demokratisch-gesinnte Politiker werden Anschläge verübt, die Hassattacken von rechts im Netz und im Alltag nehmen zu. Reicht ein Gedenktag aus, um diesen Aktivitäten die Basis zu entziehen? Die Wahlerfolge der AfD sind fürchterlich. Und die Gewaltanschläge und die Hass-Aufrufe vergiften die Atmosphäre. Wenn die Entwicklung so weiter geht, landet Deutschland in einem neuen Faschismus. Hat der Nationalsozialismus mit seinem abermillionenfachen Mord und der Krieg mit Millionen Toten nicht genügt? Bertolt Brecht hat recht mit seiner Feststellung, „das Gedächtnis der Menschen für erlittenen Leiden ist erstaunlich kurz…“ Ein Gedenktag, auch wenn er noch so gut geplant und vorbereitet ist, reicht nicht aus. Da ist die Politik gefragt – nicht nur die von uns Gewählten. Politik ist das tägliche Handeln aller Menschen: Solidarität zeigen mit Angegriffenen, Hilfe für Flüchtlinge, zurückweisen von Hass-Sprüchen, eben Flagge zeigen.
Im November hat der Staat Flagge gezeigt: Der Bundesvereinigung der Verfolgten des Naziregimes wurde die Gemeinnützigkeit entzogen… Ich war entsetzt. Ich fühlte mein persönliches Handeln bestraft. Was ist gemeinnütziger, also für die Allgemeinheit nützlicher, als der Antifaschismus, als die Erinnerung an Taten der Nazis wachhalten und sich den neuen Nazis entgegen stellen? Die neuen Nazis sind nicht besser als die alten, sie haben ein bisschen Kreide gefressen und tun auf demokratisch. Der Beschluss des Finanzamtes ist Wasser auf die Mühlen der Rechten sämtlicher Couleur, die sich jetzt eins ins Fäustchen lachen. Ich hoffe das dieser Beschluss keinen Bestand hat. Doch es gibt auch etwas Positives, etwas, womit das Finanzamt bestimmt nicht gerechnet hat: Seit Bekanntgabe des Beschlusses sind allein in Berlin über 400 Menschen in die VVN eingetreten. Diese Solidarität macht Mut.
Ist Steglitz-Zehlendorf ein Ort der Vielfalt und der Toleranz? Eine schwierige Frage. Steglitz-Zehlendorf ist ein gutbürgerlicher Bezirk und daher eher konservativ und politisch schwarz. Vor diesem Hintergrund sind die Menschen offen für das Gedenken und die Erinnerung an die Verbrechen der Nazizeit. Immerhin wurde die Initiative für einen Lern- und Gedenkort für das ehemalige Kriegsgefangenenlager in Lichterfelde-Süd von über 1.200 Bürgern unterstützt. Auch die Arbeit des Willkommensbündnisses für Flüchtlinge in Steglitz-Zehlendorf darf man nicht vergessen, die auf großem ehrenamtlichem Engagement beruht. Und bei aller Unterschiedlichkeit der Meinungen, egal um was es sich handelt, ob Bundestagswahl oder Volksentscheid: Die höchste Wahlbeteiligung Berlins hat Steglitz-Zehlendorf. Ich wohne gern hier.
Sie haben drei Wünsche frei: Was wünschen Sie der deutschen Gesellschaft, dem Bezirk und sich selber? Das ist ja wie im Märchen. Deutschland wünsche ich ein friedliches Zusammenleben aller Bürger bei gegenseitiger Achtung. Das gleiche gilt für Europa. Dem Bezirk wünsche ich einen interessanten Lern- und Gedenkort über Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit in der Nazizeit in den authentischen Gebäuden in Lichterfelde-Süd. Und für mich selber, liebe Fee, wünsche ich Gesundheit, damit ich noch recht lange mitmischen kann. – Interview: Boris Buchholz
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Dieses Interview ist zuerst im aktuellen Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf erschienen. Den Newsletter für Berlins Südwesten – kompakt, persönlich, kostenlos – gibt es in voller Länge unter leute.tagesspiegel.de
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Meine weiteren Themen für Steglitz-Zehlendorf – hier eine kleine Auswahl.
- 75 Jahre Befreiung: Auschwitz ist gleich um die Ecke
- Jochen-Klepper-Weg, Triptychon für Auschwitz, Säule der Gefangenen – Leser nennen Orte zum Gedenken
- Ihre Eltern leisteten Widerstand gegen die Nazis: Nachbarin Edith Pfeiffer kämpft gegen Antisemitismus und Rassismus
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