Nachbarschaft

Veröffentlicht am 19.03.2020 von Boris Buchholz

Berlin ohne Kirche?  Der Evangelische Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf war der erste in Berlin, der seinen Gemeinden empfahl, aus Rücksicht auf die älteren Kirchenbesucher keine Gottesdienste und Kirchenveranstaltungen mehr abzuhalten. Heute sind alle Gottesdienste bis Mitte April bundesweit abgesagt.

Der Südwesten ohne Gottesdienste? Heidrun Miehe-Heger, 49 Jahre, ist Pfarrerin der Johannes-Kirchengemeinde in Lichterfelde. Bis vor drei Jahren war sie in der Dorfkirchengemeinde Lankwitz tätig.

Frau Miehe-Heger, die Kirchen und der Glauben sind seit jeher in Zeiten der Krisen mutgebende Konstanten für viele Menschen. Lassen Sie sie jetzt im Stich? Wir denken sehr intensiv nach, wie wir jetzt als Kirche präsent sein können und kümmern uns um die Menschen, so wie es unter diesen Bedingungen möglich ist. Zum Beispiel rufen wir Ältere an und fragen sie, ob sie praktische Hilfe brauchen.

Wie groß die Krise ist, ist erst nach und nach zu begreifen. Gab es Schließungen von Kirchen, dem letzten Rückzugsort, schon einmal? Das ist wirklich eine komplett neue Erfahrung. Ich habe eine 91-jährige Frau aus unserer Gemeinde gefragt, die meinte, das hätte sie noch nie erlebt. Selbst im Zweiten Weltkrieg und in den ersten besonders schweren Nachkriegswochen wurden Sonntag für Sonntag Gottesdienste gefeiert.

Glaube tröstet und sorgt für Zusammenhalt: Nach dem Anschlag auf das World Trade Center, dem islamistischen Terror in Paris oder fremdenfeindlichen Anschlägen in Deutschland waren die Kirchenschiffe gut gefüllt. Wie wichtig ist Kirche in Krisen? Kirche verbindet zu einer tröstenden Gemeinschaft. Die trägt über eigene Angst und Ratlosigkeit hinweg. Wenn mein Mut nicht reicht, schenkt mir ein anderer etwas von seinem. Wenn mir die Stimme bricht, singt eine andere für mich mit. In der Kirche wird Menschen zugesprochen, was sie sich nicht selbst sagen können: Es gibt eine Kraft, die unabhängig von menschlichen Fähigkeiten und Handeln ist. Gott geht mit in der Not.

Von Hamsterkäufen bis hin zum Hass auf asiatisch aussehende Menschen: Ist Nächstenliebe in Virus-Zeiten nicht mehr angesagt? Ich bin sehr froh, dass im Umfeld meiner Gemeinde Nächstenliebe gerade besonders angesagt ist. Wir haben viele Mails von Menschen bekommen, die anbieten, für Leute, die zu Risikogruppen gehören, einzukaufen.

Die Kirchenoberen behaupten, dass niemand alleine gelassen werde. Hängt jetzt die Nummer ihres Handys an der Kirchentür? Die Telefonnummern von meiner Pfarrkollegin und mir hängen jetzt tatsächlich an der Tür der Johanneskirche. Seelsorge verlagern wir nun hauptsächlich aufs Telefon. Wir werden aber niemanden mit einer seelischen Not im Stich lassen, der einen direkten Kontakt braucht. Wir sind da.

Es sind ja nicht nur die Gottesdienste, die abgesagt werden. Der Kirchenchor probt nicht mehr, die Jugendarbeit fällt flach, das Senioren-Café fällt aus. Wie lange kann eine lebendige Gemeinde den Entzug der Gemeinsamkeit aushalten? Wir probieren nun andere Formen der geistlichen Verbundenheit aus, zum Beispiel laden wir ein beim Läuten der Glocken eine Kerze anzuzünden und gemeinsam zu beten. Dazu haben wir eine Andacht auf unsere Internetseite gestellt, die man zu Hause feiern kann.

Hand aufs Herz: Sind Rundfunk- und Fernsehgottesdienste ein vollwertiger Ersatz für den Besuch am Sonntagmorgen in der Kirche um die Ecke? Menschen brauchen persönlichen Kontakt. Wir haben einen Brief an alle älteren Menschen unserer Gemeinde geschrieben, die jetzt besonders von Einsamkeit bedroht sind, in dem wir Seelsorge am Telefon anbieten und auf andere Angebote aufmerksam machen.

Das Motto der bundesweiten Fasten-Aktion lautet: „Zuversicht! Sieben Wochen ohne Pessimismus“. Was stimmt Sie zurzeit zuversichtlich? Krisenzeiten können das Beste im Menschen hervorbringen. Für mich als Christin ist es Gottes Kraft und Liebe, die das bewirkt. Eine besondere Liebe lässt Menschen jetzt innerlich zusammenrücken. Eine besondere Kraft hilft ihnen nicht nur an sich zu denken, sondern solidarisch zu sein. Diese Kraft und diese Liebe sind größer als das, was wir gerade erleben müssen. Ich vertraue darauf, dass wir davon durch diese schwierige Zeit hindurch getragen werden. – Text: Boris Buchholz

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