Nachbarschaft

Veröffentlicht am 14.05.2020 von Boris Buchholz

Seit März ist der dreieinhalbjährige Sohn von Tanja Topp, 29, zu Hause. Die Kita ist im Notbetrieb, Sohn Lian kann nicht hin – dabei würde er sehr gerne zu „seinen Kindern“. Die Lichterfelderin studiert an der Freien Universität und muss ihre Masterarbeit schreiben, ihr Mann Julian arbeitet 42 Stunden die Woche im Homeoffice.

Frau Topp, wie klappt es mit der Betreuung Ihres Sohnes in der Praxis? In den letzten zwei Monaten kümmere ich mich fast ausschließlich allein um Lian. Mein Mann arbeitet quasi den ganzen Tag, eine andere Unterstützung haben wir nicht. Der „alte“ Alltag läuft ja weiter, mit Masterarbeit, Haushalt, Einkaufen, Arzttermine und so weiter. So kann ich Lian nicht gerecht werden und die Tage sind lang, ohne dass am Ende etwas wirklich erledigt ist.

Wie stark leidet Lian darunter, dass er nur seine Eltern sieht – und die gestresst sind und keine Zeit haben? Die ersten Wochen fand Lian schön, weil wir alle zu Hause waren. Aber da mein Mann ständig Telefonkonferenzen hat und Lian deshalb häufig ruhig sein muss und nicht zu seinem Papa gehen kann, merkt man auch Lian den Stress langsam an. Er merkt, dass die Stimmung nicht normal ist, klammert sehr und fordert dauerhaft Aufmerksamkeit. Das war vorher anders. Ihn macht es sehr traurig, häufig niemanden zum Spielen zu haben, wenn wir gerade nicht können. In den letzten Wochen redet er sehr viel von seiner Kita, „seinen Kindern“ und den Erzieherinnen und Erziehern dort, wir versuchen es mit Briefen und Telefonaten teilweise auszugleichen. Für mich ist es besonders schlimm, während Spaziergängen zu sehen, wie er anderen Kindern beim Spielen zuschaut und nicht hingehen darf.

Die Sars-CoV-2-Pandemie ist noch lange nicht am Ende – wie könnte oder müsste ein Betreuungsangebot für die Kita-Kinder aussehen? Die Bedürfnisse der Kinder sollten viel mehr Beachtung finden. Sie gehen nicht nur zur Kita, damit die Eltern arbeiten können. Ihr soziales Leben findet in dem Alter zu einem großen Teil in der Kita mit den Freunden und den Erziehern statt. Es erschreckt mich, wie wenig Beachtung die Grundbedürfnisse von kleinen Kindern in der politischen Diskussion finden. Es ist unbedingt nötig für uns, eine klare Perspektive zu bekommen, wie es auch kurzfristig weiter gehen wird. Wie die Betreuung genau geregelt werden kann, weiß ich nicht. Aber Kinder brauchen andere Kinder und deshalb müsste es oberste Priorität sein, eine Lösung für alle Kinder zu finden.

Sie stehen – eigentlich – kurz vor dem Studienabschluss: Wie sieht Ihre berufliche Zukunft aktuell aus? Ich studiere Medien und Politische Kommunikation an der FU. Im März ist meine Studienfinanzierung ausgelaufen, weil ich meine Masterarbeit jetzt abgeben und mich bewerben wollte. Aktuell kann ich nur abends und am Wochenende daran arbeiten und alles verzögert sich. Sich bewerben ist schwierig, weil ohne Kitabetreuung vollkommen unklar ist, wann ich überhaupt anfangen könnte. Ein erstes Jobangebot werde ich vermutlich ausschlagen müssen und das führt jetzt natürlich zu finanziellen Problemen.

Autofabriken werden unterstützt, Restaurants öffnen wieder, Shopping-Malls öffnen ihre Türen. Wird für Kinder und Jugendliche – und ihre Eltern – in der Coronakrise genug getan? Nein, weil das Angebot für Kinder von der Systemrelevanz der Eltern abhängt. Ich frage mich, warum die Interessen der Kinder und Jugendlichen überhaupt keine Lobby haben. Vergessen wird total, dass die Monate für Kinder viel länger sind als für Erwachsene. Klar ist es schlimm, wenn Unternehmen in der Krise Pleite gehen. Mindestens genauso schlimm ist es aber, wenn Kinder monatelang keinen geregelten und kindgerechten Alltag haben. Trotzdem freuen wir uns über jedes Geschäft in der Nachbarschaft, was wieder öffnen kann, und Lian freut sich ganz besonders über den Bücherbus. – Interview: Boris Buchholz
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Dieser Text erschien zuerst im Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf. Den schicken wir Ihnen einmal pro Woche mit exklusiven Nachrichten, Bezirksdebatten und persönlichen Tipps. Die Tagesspiegel-Newsletter für die 12 Berliner Bezirke gibt es kostenlos und in voller Länge unter leute.tagesspiegel.de