Nachbarschaft

Veröffentlicht am 28.05.2020 von Boris Buchholz

Soll die Havelchaussee in Berlin eine reine Radstraße werden? „Ja“ finden 1.900 Menschen, sie haben in den letzten 14 Tagen die Onlinepetition „Macht die Havelchaussee zur Fahrradstraße!“ unterschrieben. Die Begründung der Petenten: Für den Durchgangsverkehr werde die Straße wegen der fast parallel verlaufenden Avus nicht gebraucht, die 7,8 Kilometer lange Straße durch den Wald sei für Renn- wie Freizeitradler höchst attraktiv und der Ausflugsbus sowie die wenigen Anlieger könnten gerne die Straße weiter nutzen. Initiator der Petition ist der ehemalige „Welt“-Chefredakteur Jan-Eric Peters – aktuell ist er im Sabbatical, im Juni kehrt er wieder ins Axel-Springer-Haus zurück. Mit seiner Familie wohnt der gebürtige Berliner seit fast zwanzig Jahren in Lichterfelde-West.

Herr Peters, Sie kommen anscheinend in Ihrem Sabbat-Jahr öfter in den Sattel: Wann haben Sie denn das letzte Mal auf der Havelchaussee in die Pedale getreten? Nicht nur im Sabbatical, in der Stadt bin ich schon länger viel mehr mit dem Rad als dem Auto unterwegs. Auf der Havelchaussee fahre ich oft. Bei schlechtem Wetter ist da wenig Verkehr. Aber meist sieht es anders aus, gerade an Wochenenden. An Himmelfahrt war die Hölle los. Ohne Übertreibung: Tausende Radfahrer, Autos, Busse, Motorräder und Motorroller, Fußgänger natürlich auch. Und dann wird es gefährlich, es halten sich ja längst nicht alle an das Tempo-30-Limit und andere Regeln. Zu schnelles Fahren, viel zu geringe Abstände beim Überholen, weil die Straße schmal ist und viele Autofahrer keine Lust haben, den Schlangen an Radfahrern hinterher zu zuckeln. Hinzu kommen an solchen Tagen unzählige Autofahrer, die rangieren und wenden, um zwischen den Bäumen zu parken – trotz absoluten Halteverbots. Ich habe überhaupt nichts gegen Autos und Motorräder, ich fahre beides gern. Aber die Havelchaussee ist nicht für so viel Verkehr ausgelegt.

Wollen Sie nur eine Rad-Renn-Strecke etablieren oder spielen Argumente wie Umweltschutz, Lärmschutz und gesunde Naherholung auch eine Rolle? Das soll keine Rennstrecke werden, auch wenn da viele Sportler unterwegs sind. Sondern eine Straße, auf der alle Radfahrer sicher und mit Vergnügen fahren können. Der kleine Radweg daneben, der zugleich Fußweg ist, reicht bei dem Ansturm nicht. Klar, eine Fahrradstraße wäre ein Privileg für Radler, aber warum denn nicht auf acht von mehr als 5.300 Straßenkilometern in unserer Stadt? Die Straße ist wie gemacht dafür, führt durch Wald und Wasserschutzgebiet, da spielt selbstverständlich auch Umweltschutz eine Rolle. Andere Ausflügler hätten trotzdem noch Zugang zu Fuß oder mit dem Bus, und für Autofahrer gibt es direkt um die Ecke das Freibad Wannsee.

1.815 Unterschriften haben Sie schon, was ist Ihr nächstes Etappenziel? Die Online-Petition hat ja keinen rechtlich bindenden Charakter. Es geht mir um ein starkes Signal an Entscheidungsträger, damit über das Anliegen nachgedacht und diskutiert wird. Ein paar mehr Unterschriften werden es dafür aber schon sein müssen.

Schon 1990 wurde die Havelchaussee gesperrt – doch ein Jahr später musste Umweltsenatorin Michaele Schreyer (Alternative Liste) zurückrudern und die Autos wieder fahren lassen. Warum sollte dreißig Jahre später Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) bessere Karten haben? Weil die Verkehrs-Welt heute eine ganz andere ist. Großstädte sind für jeden spürbar an ihrer Belastungsgrenze. Überall in Europa und Nordamerika werden der öffentliche Nahverkehr und der boomende Fahrradverkehr gefördert. Gerade erst haben Brüssel und London ihre Innenstädte praktisch zu autofreien Zonen erklärt, dort haben nun Radler und Fußgänger Vorfahrt. Fahrräder und Pedelecs brauchen einfach viel weniger Platz, machen keinen Lärm und keinen Dreck. Und gesünder sind sie auch – solange man nicht über den Haufen gefahren wird.

1990 bezeichnete Zehlendorfs Bezirksbürgermeister Jürgen Klemann (CDU) die Sperrungspläne als „haarsträubend“. Was sind heute Ihre „Lieblingsargumente“ gegen die Einrichtung einer Fahrradstraße? So wahnsinnig viele durchdachte Gegenargumente habe ich bislang nicht gehört, dafür bin ich gleich mit Reaktionen in Großbuchstaben und haufenweise Ausrufezeichen und wutschnaubenden Emojis bombardiert worden. Man wird als „radikaler Mobilitätsverhinderer“, „jakobinischer Grüner“, „kranker Vollpfosten“ oder „rollender Organspender“ beschimpft. Ist schon erschreckend, wie aggressiv einige werden, wenn sie das Wort Radfahrer auch nur hören. Ich denke, Autofahrer und Radfahrer nehmen sich nicht viel, wenn es um Verkehrsverstöße geht – zumal die meisten beides sind, mal hinterm Steuer sitzen und mal hinterm Lenker. Aber es gibt einen entscheidenden Unterschied: Die Gefahr, zu Schaden zu kommen, ist für Radfahrer erheblich größer. Deshalb braucht es mehr Schutz.

Wie schnell könnte die Fahrradstraße realistisch umgesetzt werden? Theoretisch ließe sich das ruckzuck machen, im Grunde sind ja nur ein paar Schilder nötig. Pop-up-Radwege schießen aktuell auch von einem Tag auf den anderen wie Pilze aus dem Boden. Aber das ist nicht realistisch. Erst einmal wäre wichtig, dass eine ernsthafte Diskussion in Gang kommt. – Text: Boris Buchholz

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