Nachbarschaft

Veröffentlicht am 13.08.2020 von Boris Buchholz

90 Boote, 90 Ruderer, 90 Jahre – ein ganz besonderes Interview mit einem Berliner Wassersportler: Walter Grimm.

Ich kam zu spät, die „Walter Grimm“ hatte schon um 9.20 Uhr am Steg des Schülerruderverbands Wannsee angelegt. Neun Sportlerinnen und Sportler stiegen am Kleinen Wannsee aus dem Ruder-Achter mit Steuermann, drehten das Boot zum Kleinen Wannsee und trugen es in die Bootshalle – sie hatten an diesem Samstagmorgen bereits die Pfaueninsel umrundet, zwölf Kilometer waren sie gerudert. Dass sie alle – in der Rudergruppe des Fördervereins des Schülerruderverbands vereinen sich zum Beispiel eine Schulleiterin, Lehrer, Musiker, ein Chefarzt, ein IT-Experte, eine Biochemikerin und ein Goldschmied – jeden Samstagmorgen in einem Boot sitzen, verdanken sie einem Mann: dem Bootsbauer Walter Grimm. Er hält die Gruppe zusammen und organisiert, dass jeden Samstag ausreichend Ruderer am Seeufer sind. Gar nicht selten gibt sich auch die deutsche Ruderelite die Ehre: Dann ziehen im Samstags-Achter auch Olympiasiegerinnen und Weltmeister am Riemen. Walter Grimm ist die Seele des Schülerruderverbands. Zu seinem 80. Geburtstag vor zehn Jahren wurde der neue Achter nach ihm benannt – ganz anders wurde sein 90. Ehrentag am 19. Juli gefeiert. Beim Frühstück vor dem größten Ruderbootshaus Berlins erzählt er von seinem Geburtstag – und alle reden mit (wundern Sie sich beim Lesen der Mitschrift dieses lebendigen Gesprächs nicht: Im Ruder-Achter duzt man sich).

Walter, am 19. Juli musst du dich ja wie der König vom Kleinen Wannsee gefühlt haben, was war da los?
Walter: Vor allem war ich überrascht.
Ulli: Walter ist ja bei allen Rudervereinen am Kleinen wie am Großen Wannsee sehr bekannt und einer der letzten, der auch Boote reparieren und bauen kann. Es waren auf jeden Fall neunzig Ruderer und nicht ganz neunzig Boote auf dem Wasser. Es war voll.
Walter: Es war eine wahnsinnige Veranstaltung. Ich wurde auf einen Katamaran gebeten und wurde gefahren. Vor und hinter mir waren überall Boote.
Ulli: Die Parade ging rüber nach Kälberwerder – und vor Kälberwerder gab es dann ein Ständchen.
Walter: Konradin Groth, ein ehemaliger Philharmoniker, hat Trompete gespielt und die anderen haben gesungen. Das Gefühl kann man nicht beschreiben, das ist einmalig, Wahnsinn. Das muss man erlebt haben – aber dafür muss man erst einmal neunzig werden.

Sollten mehr Leute rudern, damit sie so alt werden und so fit bleiben wie du?
Walter: Das kann man nicht sagen. Es gibt ja auch viele ältere Ruderer, die nicht mehr rudern – die haben nicht so einen netten Kreis wie ich. Oft genug haben Ältere in den Vereinen den Anschluss nicht mehr.
Ulli: Unser Zweitältester ist in den 70-ern …
Burghardt: Ich gebe mein Alter nur noch unter Folter bekannt.

Wer hatte die Idee mit den altersübergreifenden Achter?
Walter: Vor 37 Jahren hat das eher zufällig angefangen, es hat keiner gewollt. Wir waren eine kleine Gruppe, außer mir noch zwei Leute. Die heutige Formation hat sich erst langsam entwickelt. Erst reichte ein Zweier aus, dann ein Vierer, jetzt ein Achter.

Seitdem steigt die Crew vom Förderverein jeden Samstagmorgen ins Boot – warum denn schon um 7.30 Uhr?
Walter: Das hat sich so ergeben, weil Konradin am Samstag immer um 10 Uhr in der Philharmonie zur Probe sein musste.
Ralph: Herbert von Karajan war schuld, er hat das vorgegeben.

Seit wann arbeitest du als Bootsbauer beim Schülerruderverband?
Walter: 1958 habe ich hier angefangen, erst war ich zwei Jahre selbständig mit meiner Werkstatt, dann wurde ich angestellt. Überwiegend habe ich Boote repariert, einige habe ich auch gebaut, ein paar sind das schon. Hier ist die Arbeit im Hause, es sind um die zweihundert Boote im Verband. Davon sind bestimmt 150 Holzboote – wir haben die größte Holzruderbootsammlung in Deutschland.
Tillman: Pro Schuljahr rudern zwischen 600 und 700 Schülerinnen und Schüler hier.
Ulli: Es ist die größte Schulsporteinrichtung Berlins. Zu meiner Schulzeit waren Mädchen und Jungen hier noch streng getrennt.

Gut, dass das vorbei ist. Seit 62 Jahren arbeitest du mit jungen Leuten zusammen …
Walter: Vielleicht liegt es daran, dass ich so alt geworden bin. Die Jungen sind sehr unkompliziert, zumindest die meisten. Manchmal darf man nicht hingucken, dann hast du keine Probleme. Zum Beispiel ist bei uns das Baden für Schüler verboten. Wenn ein Schüler kommen und fragen würde, ob er baden dürfe, dann müsste ich sagen, dass es nicht erlaubt ist. Aber wenn er baden geht, muss ich ihn ja nicht sehen.

Ich war einmal bei euch rudern: Ich wollte bei der neuen Ruder-AG des Fichtenberg-Gymnasiums mitmachen, wurde aber von meinem Lehrer beim ersten Einsatz auf dem Wasser die ganze Zeit zur Schnecke gemacht: „Nummer Vier, richtig durchziehen!“ – das war das Ende meiner Ruderkarriere.
Ulli: Dann warst du einmal Teileigentümer des Schülerruderverbands Wannsee, denn er gehört den jeweils aktiven Schülerruderinnen und -ruderern. Dadurch ist praktisch unmöglich, dass das Grundstück verkauft werden kann – alle Eltern der jedes Jahr wechselnden 700 Schüler müssten zustimmen. Das haben die sich damals genial ausgedacht.
Walter: War das bei [er nennt den Namen eines Lehrers aus lange vergangenen Schultagen]? Haste nicht richtig gezogen, ja?
Ralph: Ja, beim Tagesspiegel ist das ein bisschen anders.

Du meinst, da könne jeder rudern wie er möchte? Themenwechsel: Du warst am 11. November 1989, zwei Tage nach dem Mauerfall, mit im Boot, als der Ruder-Achter als erstes Sportboot nach dem Zweiten Weltkrieg die Wannsee-Insel umrundete. Was war das für ein Gefühl?
Walter: Unbeschreiblich. Es war ja auch nicht ganz unkompliziert: Ein Motorboot der Volkspolizei hat uns zwar nicht den Weg versperrt, aber sie waren da. Es war ein unheimliches Gefühl; 14 Tage vorher wärst du wahrscheinlich mitgenommen worden. Ein Boot des Berliner Ruder-Clubs hat zwei Stunden später das gleiche versucht, aber die durften nicht durch. Wir waren die ersten (einen ausführlichen Bericht über die erste Umrundung der Wannsee-Insel finden Sie hier).

Zum 90. Geburtstag hast du viele gute Wünsche erhalten, was wünscht du denn den anderen Achter-Freunden?
Walter: Was soll ich denn wünschen?
Burghardt: Na, dass wir so alt werden wie Du!

Walter, solltest du irgendwann nicht mehr da sein, glaubst du, dass dann trotzdem im Achter „Walter Grimm“ jeden Samstagmorgen weitergerudert wird?
Walter: Ja, ich glaube, das könnte funktionieren. Der Achter ist auf lange Zeit angelegt – für die nächsten zwanzig Jahre oder noch länger würde ich garantieren. – Text: Boris Buchholz

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