Nachbarschaft

Veröffentlicht am 01.10.2020 von Boris Buchholz

Ein großer Erfolg für eine Berliner Kita. Die Kita Brittendorfer Weg 16 ist als eine von 25 Kindertagesstätten für den Deutschen Kitapreis 2021 nominiert (über 1.200 Kitas haben sich beworben). Etwa achtzig Kinder bringen Leben in das moderne Haus und den weitäufigen Garten, 19 Erzieherinnen und Erzieher sind für sie da.

Die Zehlendorfer Kita gehört zum landeseigenen Betrieb „Kindertagesstätten Berlin Süd-West“ – unter diesem Dach sind insgesamt 37 Kindereinrichtungen versammelt, 18 liegen in Steglitz-Zehlendorf. Einzigartig sei das Haus, das erklären die beiden Kita-Leiterinnen Janice Ballhausen, 55, und Julika London, 32, im Doppelinterview, schon deshalb, weil hier nur Kinder im Alter zwischen zwei Monaten und drei Jahren aufgenommen werden. Es sei neben der Schwesterkita Unter den Eichen, die das Duo auch leitet, in Berlin die einzige reine Krippen-Kita.

Frau Ballhausen, Frau London, bitte sagen Sie in einem Satz, was Ihre Kita einzigartig und preiswürdig macht?

Ballhausen: Das großartige Engagement von den Kollegen, die jeden Tag – auch in der schwierigen Corona-Zeit – ihr Bestes geben.
London: Wir nehmen alle – egal ob pädagogische Fachkraft, Kind oder Elternteil – so, wie sie sind. So kann jeder seinen Platz in der Gruppe finden.

Hm, behaupten das nicht alle Kitas?

Ballhausen: Wir nehmen die Familien sehr individuell, sehr achtsam und behutsam auf. Wir werten nicht. Zum Beispiel ist es kein Problem, wenn das Kind noch gestillt wird. Oder: Wenn das Kind zu Hause immer in den Schlaf getragen wird, dann versuchen wir das erst einmal zu übernehmen. Wir sagen der Familie nicht: Das Kind muss erst alleine einschlafen lernen, bevor es betreut werden kann. Wir versuchen den Übergang in die Kita mit den Familien gemeinsam zu gestalten. Das ist bei kleinen Kindern sehr besonders. Die Eltern schätzen außerdem an unserer Kita, dass wir die Kinder über das ganze Jahr aufnehmen und eingewöhnen.
London: Zum Schlafen: Wir haben den Luxus und die tolle Möglichkeit, unseren großen Eingangsraum für die Kinder zu nutzen, die wach sind, weil sie ausgeschlafen sind oder gar nicht mehr schlafen können. Denn die Jüngsten Kinder schlafen oft am Vormittag noch einmal und sind dann mittags in unserer Ruhephase zwischen 12 und 14 Uhr nicht mehr müde.

Kann denn bei Ihnen jedes Kind schlafen, wann es will?

London: Ja, auf jeden Fall.

Über dem Besprechungstisch prangt ein großes Plakat über Ihre Kita-Kinderverfassung: Was ist das?

Ballhausen: Wir haben geschaut, wo die Kinder im Kitaalltag über ihre Bedürfnisse selbst entscheiden können. Wo können Sie mitbestimmen? Was ist möglich und was eben auch nicht? Schlafen, Kleidung, Mahlzeiten und Hygiene, das sind die vier Bereiche, die wir in der Verfassung bearbeitet haben.

Was könnte ich denn als einjähriges Kind bei Ihnen entscheiden

London: Sie können zum Beispiel entscheiden, wo Sie schlafen. Das kann draußen sein, das kann in der Gruppe sein, das kann bei Ihrer Freundin in der Nachbargruppe sein – allerdings nur, wenn nicht gerade Corona ist. Das Kind entscheidet, ob und wie lange es schläft. Es entscheidet auch über die Häufigkeit – und darüber, was es zum Schlafen braucht. Schnuller, Kuscheltier, ein Schnuffeltuch oder eine Milch? Das ist kein Problem. In der Gruppe entscheiden die Kinder auch, ob leise Musik laufen soll oder dass man sich vor dem Schlafen noch zusammen ein Buch anschaut.

Ich weiß aus mancher Kita, dass der Schnuller ein heikles Thema ist …

London: Ob und wie lange der Schnuller nötig ist, entscheidet bei uns das Kind.
Ballhausen: Wenn es hier den Schnuller braucht, dann ist das ok. Es ist ja hier auch eine andere Situation als zu Hause.

Auf dem Plakat ist auch das Putzen der Nase vermerkt. Also entscheiden Ihre Kinder selber, ob sie zum Tempo greifen?

Ballhausen: Natürlich können die Kinder entscheiden, ob sie sich selber die Nase putzen.
London: Wir unterstützen sie bei dem Weg zu verstehen, wann es nötig ist, es zu tun. Sie sind vielleicht ja noch zu klein, um das einschätzen zu können, dass die Nase vielleicht doch schon sehr doll läuft. Deshalb weisen wir als pädagogische Fachkraft das Kind darauf hin – und es entscheidet dann, ob es selber aktiv wird oder wer beim Nase putzen helfen soll.
Ballhausen: Wir putzen keinem Kind einfach die Nase. Sondern wir machen dem Kind ein Angebot. Willst du mal in den Spiegel schauen? Soll ich Dir ein Taschentuch holen?

Ach, und ob das Kind eine Windel trägt, entscheidet es auch – und wenn das schief geht?

London [lächelt]: Das halten wir aus! Und wir begleiten das Kind bei dieser Erfahrung.

Machen die Eltern bei dieser Mein-Kind-entscheidet-Politik mit?

London: Die Eltern sind oft erstaunt, was ihr Kind alles kann. Aber man darf die Partizipation nicht falsch verstehen: Die Kinder brauchen Regeln und Grenzen, um überhaupt die Welt entdecken zu können. Manche Familien wollen die Kinder ganz viel und am besten alles mitentscheiden lassen – und das überfordert die Kinder. Dehalb haben wir die vier Bereiche der Kinderverfassung aufgeschrieben und aufgemalt, um alle Familien mit ins Boot zu holen. Auch die, die vielleicht nicht lesen können oder die Sprache nicht so gut beherrschen. Dazu machen wir auch Elterngesprächskreise, bei denen sich die Eltern austauschen: Wie macht denn die andere Mama oder der andere Papa das?

Um den Deutschen Kitapreis erringen zu können, muss die Kita auch mit der Nachbarschaft in Austausch stehen. Was haben Sie denn da zu bieten?

London: Da gibt es einiges. Wir arbeiten mit einer Seniorenresidenz zusammen, die Kinder besuchen die alten Leute und die Senioren kommen zu uns zu Besuch. Ein Fotoclub aus Steglitz-Zehlendorf kommt regelmäßig und macht Fotos vom Kitaalltag, in den letzten Jahren beispielsweise zum Thema Inklusion. Oder es werden die Hände fotografiert – alle haben fünf Finger, und doch sieht jede Hand anders aus. Das Hochbeet kommt von Edeka, seit Jahren wird es gemeinsam mit Supermarkt-Mitarbeitern bepflanzt.
Ballhausen: Eine Senioren-Kreativgruppe malte zusammen mit den Kindern Gemälde, jung und alt pinselten gemeinsam und gleichzeitig. Es war für die alten Leute eine tolle Erfahrung zu sehen, dass so junge Kinder so begeisterungsfähig sind.
London: Es gibt auch viele Gemeinsamkeiten, zum Beispiel alte Kinderlieder, die die Kinder heute auch noch kennen. Beim Ausflug in die Bücherei haben die Senioren den Kindern vorgelesen. Kinder und Erwachsene hatten Spaß und sind richtig aufgeblüht. Es gibt ja auch viele Kinder, die keine Großeltern in der Nähe haben, das ist für sie eine tolle Erfahrung …
Ballhausen: … oder zusammen eine Schildkröte anzufassen. Manche 80-Jährige sagte, sie habe noch nie eine Schildkröte angefasst – und die Kinder teilweise auch nicht. Ist sie kalt, ist sie warm, weich oder hart? Es war etwas sehr besonderes für beide Seiten, diese Erfahrung, wie sich eine Schildkröte anfühlt, gemeinsam zu machen. Alle waren sehr erstaunt, wie schnell Schildkröten rennen können … Jetzt geht das alles wegen Corona ja nicht.

Angenommen, Sie würden im kommenden Frühjahr wirklich den Kita-Preis gewinnen, dann winken 25.000 Euro Preisgeld: Was würden Sie mit dem Geld machen?

Ballhausen: Viel wichtiger: Wir würden mit den Eltern ein richtig großes Fest feiern – natürlich gibt es bis dahin eine Impfung gegen Corona. Die Senioren kommen, es gibt alkoholfreie Cocktails und vielleicht laden wir dann auch mal wieder den Kinderliedermacher Robert Metcalf ein.

London: … und Tiere. Lamas und Ponys.

Und Schildkröten. Was ist mit dem Geld?

Ballhausen: Wir würden einen Teil spenden. Wir haben Kooperationskitas in Belgien und Slowenien, die sind nicht so gut ausgestattet wie wir. Oder wir senden Geld an eine Schule in Madagaskar. Uns geht es ja so gut.
London: Sicherlich haben viele Kollegen Wünsche, im Garten wäre auch noch Platz für ein kleines Spielgerät. Auch würden wir gerne Fotoapparate für jede Gruppe für die Dokumentation anschaffen. Aber uns geht es viel mehr darum, die Arbeit, die hier von den Fachkräften geleistet wird, gewürdigt zu wissen. Oft fehlt die öffentliche Wertschätzung. Wenn wir Kita des Jahres werden würden, dann beruht das auf der Arbeit von allen, die in der Kita tätig sind – dann wird der große Umfang unserer Arbeit sichtbar und gesehen. Ich glaube, das ist wichtiger als das Geld an sich. Das ist viel mehr wert. – Text: Boris Buchholz
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