Nachbarschaft
Veröffentlicht am 26.11.2020 von Boris Buchholz
1980 öffnete das Biolädchen Siebenkorn in der Steglitzer Schützenstraße seine Ladentür. Auf etwa 85 Quadratmetern kann sich seitdem die Kundschaft mit Bio-Lebensmitteln aller Gattungen – von Demeter-Milch über regionales Obst und Gemüse, Käse- und Wurstwaren bis hin zu Brot und Apfelküchlein (die kaufe ich am liebsten) – eindecken. Vierzig Jahre nach der Gründung hängen über dem Kassentresen keine Plexiglasscheiben, sondern alte Fenster; trotz Maske und Abstand ist die Stimmung entspannt und vertraut, man kennt sich. Betrieben wird der Bio-Laden von Michaela Krüger, 44 Jahre alt.
Frau Krüger, herzlichen Glückwunsch zum 40. Jubiläum! Habe ich das richtig im Kopf, war Siebenkorn der erste Bioladen in Steglitz? Siebenkorn wurde Ende der 70er Jahre in der Schützenstraße 4 zunächst als Einkaufsgenossenschaft gegründet, um den Steglitzern biologisch angebaute Lebensmittel anbieten zu können. Spätestens mit dem Umzug in die Schützenstraße 9 wurde der Laden eine feste Größe im Südwesten Berlins: Nunmehr nicht mehr als Genossenschaft geführt, standen auf erweitertem Raum deutlich mehr Biolebensmittel allen Kundinnen und Kunden zum Einkauf bereit.
Wie kamen Sie denn hinter den Ladentresen? Übernommen habe ich den Siebenkorn am 1. August 2002 und am 1. August 2020 habe ich ihn wieder abgegeben [sie lacht]. Was für eine Fügung… Ursprünglich habe ich als Aushilfe angefangen. Dann ging alles relativ schnell. Ich war jung und hatte keinen Plan. Mit meinem Bruder Alexander Krüger habe ich dann die ersten zehn Jahre gestemmt. Danach allein weiter mit tatkräftiger Unterstützung von Synke Wiedemann, die mich im Laufe der Jahre mit Ihrem Ehrgeiz und ihrer enormen Energie super unterstützt hat.
Als Lebensmittelladen konnten Sie zwar das ganze Jahr 2020 offen bleiben, doch wie stark hat die Corona-Pandemie den Umsatz beeinflusst? Corona hat uns wohl allen etwas zugesetzt und zu den ein oder anderen Veränderungen geführt. Entscheidungen wollten gefällt werden, Personal musste anders eingesetzt werden und eine Kollegin musste auf Grund des Risikos ganz weg bleiben. Wir haben in den sechs Wochen des Lockdowns nur aus der Ladentür heraus verkauft: Eine alte Fensterscheibe diente als Begrenzung, dann wurden Zettel reingereicht, wir haben alles zusammengesucht und dann dem Kunden an die Tür gebracht. Das war ein hoher Energieaufwand für alle Beteiligten und eine Ausdauerübung für unsere treuen Kunden. Naja, und der Umsatz war natürlich auch nicht so doll. Dank der Corona-Soforthilfe haben wir aber alles gut bewältigt bekommen.
Im August 2020 haben Sie das Geschäft verkauft. Warum? Den Laden übernommen hat die Firma Reinders Weinimport und Großhandel GmbH. Warum ich verkauft habe? Weil mich mein Herz noch woanders hintragen will. Meine Leidenschaft für Hunde und deren Verhalten hat mich auf meinem Weg mal mehr mal weniger begleitet und lässt mich nicht los. Nun werde ich mich also diesem Vorhaben in nächster Zeit widmen und schauen, wo es mich hintreibt.
Und wie schwer fällt es Ihnen, in Ihrem einst eigenen Laden jetzt „nur“ noch Angestellte zu sein? Es ist definitiv anders im gleichen Geschäft angestellt zu arbeiten, aber ich kann mich gut damit arrangieren. Der Ablauf ist ja geblieben und die vertrauten Kolleginnen auch. Die Hintergrundarbeit fällt weg, dass ist schon sehr erleichternd, und ich kann mich auf andere Dinge konzentrieren. Die hinzugewonnene Zeit lerne ich sehr zu schätzen und mein Leben geht ein langsameres Tempo. Und das fühlt sich richtig gut an.
Es gibt jetzt eine Siebenkorn-Tradition in der Schützenstraße: Welche Lehren ziehen Sie aus den ersten vierzig Siebenkorn-Jahren? Der langjährige Kontakt zur Stammkundschaft und die zuverlässige Versorgung mit wirklich gesunden Lebensmitteln sind angesichts wachsender Foodkonzerne wichtiger denn je. Wenn wir die tägliche Auswahl zusammenstellen, besinnen wir uns auf nachhaltige Nahrungszubereitung fernab von Fertiglebensmitteln und Lieferdiensten. Ganz wichtig: Durch den persönlichen und direkten Kontakt zu unseren Kundinnen und Kunden treten wir der Anonymisierung und der Entfremdung in der Gesellschaft aktiv entgegen – und gestalten das Einkaufen angenehmer.
Heute sind Bio-Lebensmittel in jedem Discounter zu kaufen und große Supermarktketten wie Alnatura, Bio Company und Denns machen Siebenkorn Konkurrenz. Braucht man das kleine Biolädchen noch? Es braucht auf jeden Fall auch die kleinen Lädchen! Hier können auch Produkte fernab des Mainstreams angeboten werden, was den großen Ketten nicht gelingen kann, da die benötigten Mengen, die gerade kleine Anbieter erzeugen, für große Märkte nicht in der Breite zur Verfügung stehen. Nicht zuletzt sorgt unser kleines Unternehmen auch für den Lebensunterhalt von zwei bis drei Menschen und ihren Familien.
Was wünschen Sie sich und Siebenkorn zum Geburtstag? Für das kleine Lädchen Siebenkorn wünsche ich mir, dass es sich weiter entwickeln kann, dass Traditionen bestehen bleiben sowie die Vertrautheit, die etwas besonderes darstellt – sowohl zwischen den Mitarbeitern als auch zu unseren treuen Kunden. Und ich, ich lasse mich treiben – vom Leben. Text: Boris Buchholz
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Dieser Text stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf. Die 12 Tagesspiegel-Newsletter für die 12 Berliner Bezirke (mit schon über 230.000 Abos) gibt es kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de
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