Nachbarschaft

Veröffentlicht am 10.12.2020 von Boris Buchholz

Wenn der Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf all seine engsten Freunde zur Silvester-Party einladen wollte, hätte er aufgrund der Pandemie-Regeln (fünf Erwachsene maximal) Probleme: Alleine zu 21 Städten und Landkreisen bestehen größtenteils langjährige Partnerschaften. Seit dem 1. November ist Jasmin Merkel, 29, im Bezirksamt dafür zuständig, mit all diesen Bezirks-Freunden Kontakt zu halten und gemeinsame Aktivitäten zu koordinieren.

Frau Merkel, Sie haben Sprache und Kommunikation studiert, also schwebte Ihnen schon im Studium vor, einmal Bezirks-Beauftragte für Partnerschaften zu werden? Der Weg in die Öffentlichkeitsarbeit ist mit diesem Studium auf jeden Fall nicht allzu weit. Das Interesse an (Städte-)Partnerschaften habe ich eigenen Austauscherfahrungen nach Schottland und Dänemark und meinem früheren Nebenjob im International Office der Uni zu verdanken, wo die Hochschulpartnerschaften gepflegt und Studierendenaustausche organisiert werden. Insofern bringt diese Stelle alles mit, was mich begeistert.

Von Bad Godesberg und Nentershausen über Ronneby in Schweden bis nach Kiriat Bialik und Sderot in Israel stecken Partner-Pins in der Weltkarte. Was macht aus Ihrer Sicht eine lebendige Städtepartnerschaft aus? Erfolgreiche Städtepartnerschaften leben natürlich davon, dass sich Bürgerinnen und Bürger unterschiedlichen Alters kennenlernen können, etwa beim Schüleraustausch, Bürgerreisen oder bei gemeinsamen Sportturnieren, Chorkonzerten oder ähnlichem. Außerdem eignen sich Städtepartnerschaften als Austauschformat für die Herausforderungen, die Städte heute überall betreffen: Klimawandel und klimafreundliche Städte, rasanter Zuzug und Wohnraummangel, die Anpassung der Infrastruktur. Hierzu kann ich mir neue Dialogformate zwischen den Stadtverwaltungen, aber auch mit Akteuren der Zivilgesellschaft, beispielsweise Umweltschutzorganisationen im Bezirk und aus den Partnerstädten, vorstellen.

Sie sind Beziehungs-Beauftragte, und in jeder Beziehung kann es auch mal zum Streit kommen. Die Beziehungen zur polnischen Partnergemeinde Poniatowa sind angespannt, seitdem sich die Gemeinde zur LGBTI-freien Zone erklärt hat und der Homophobie Vorschub leistet. Wie kann diese Beziehung wieder besser werden? Das Bezirksamt hat die Erklärung Poniatowas zur LGBTI-freien Zone verurteilt und die politisch Verantwortlichen dazu aufgefordert, den Beschluss zurückzunehmen. Es wurde aber auch beschlossen, die Städtepartnerschaft fortzuführen. Bezirksstadtrat und stellvertretender Bezirksbürgermeister Michael Karnetzki spricht in der dritten Folge unseres neuen Podcasts „Amtsplausch“ ausführlich über diese Entscheidung und die derzeitigen Kontakte nach Poniatowa. Unter den gegebenen Umständen ist es besonders wichtig, die Verbindung zu den Bürgerinnen und Bürgern vor Ort zu halten, die teilweise selbst gar nichts vom Beschluss des Stadtrats wussten und diesen zum Teil auch ablehnen. Außerdem ist es wichtig, Solidarität mit den Betroffenen dieses Beschlusses zu zeigen. Hier kann ich mir vorstellen, dass das Bezirksamt LGBTI-Aktivistinnen und Aktivisten aus Poniatowa zu Gesprächen einlädt und gemeinsame Veranstaltungen mit queeren Verbänden organisiert. Solange uns die Pandemie noch einschränkt, könnten solche Formate zumindest digital stattfinden. Denkbar wäre auch ein regelmäßiges Update, ähnlich einem Newsletter, von Aktivistinnen und Aktivisten aus Poniatowa beziehungsweise der Region, um die Situation und die Auswirkungen des Beschlusses fortwährend mit zu verfolgen und für uns hier in Steglitz-Zehlendorf fassbar zu machen.

Das sind tolle Ideen. Sie sprachen eben von digitalen Formaten: Wie hält der Bezirk trotz der Reisebeschränkungen durch Corona seine Partnerschaften am Leben? Für 2021 planen wir mit Zuversicht Begegnungen und hoffen, dass unter anderem wieder Kinder und Jugendliche aus Charkiw in der Ukraine zu Gast sein werden, Jugendliche aus Steglitz-Zehlendorf nach Kiriat Bialik in Israel und Szilvásvárad in Ungarn fahren. Wir hoffen auch, dass die Jubiläen zum 30-jährigen beziehungsweise 50-jährigen Bestehen der Partnerschaften mit Charkiw und Cassino nachgeholt werden können. Unabhängig davon, würde ich gerne die digitale Zusammenarbeit beispielsweise  über Videokonferenzen stärken, um die Zeit bis zum Ende der Einschränkungen zu überbrücken.

Hand auf’s Städtepartner-Herz: Hat Steglitz-Zehlendorf zu viele Partnerschaften? Mit 21 Städtepartnerschaften ist das Bezirksamt gut ausgelastet. Einige waren in der Vergangenheit aktiver als andere. Allerdings, und an dieser Stelle berichte ich von den Erfahrungen meiner Kollegin und „baldigen Vorgängerin“, der langjährigen Partnerschaftsbeauftragen Petra Milz-Höhne, kam es in der Vergangenheit auch schon vor, dass Partnerschaften zeitweilig etwas ruhiger blieben und später wieder aufgeblüht sind. Ich bin daher optimistisch, dass wir, wenn die Pandemie-Lage es irgendwann wieder zulässt, weiterhin rege Austausche mit unseren Partnerstädten führen werden.

Ich wette, die meisten Steglitz-Zehlendorfer hätten Schwierigkeiten, auch nur fünf Partnerstädte zu benennen. Wie kann man das ändern? Am besten natürlich, wenn möglichst viele Steglitz-Zehlendorferinnen und Steglitz-Zehlendorfer selbst an Begegnungen teilnehmen. Ich lade Sie daher schon jetzt herzlich ein, mit mir in Kontakt zu treten, wenn Sie Ideen für neue Projekte oder Formate mit unseren Partnerstädten haben. Behalten Sie auch das Programm des Städtepartnerschaftsvereins im Blick, der die Bürgerreisen organisiert. Ansonsten wollen wir, besonders solange das Verreisen und Besuchen nicht möglich ist, künftig stärker in den sozialen Medien auf unsere Partnerstädte aufmerksam machen und uns gegenseitig auch auf diesem Weg noch enger vernetzen. Vielleicht können wir Sie ja bald virtuell in unsere Partnerstädte führen.

Wagen Sie einen Ausblick: Wann werden Sie Park Sung-soo, den Bürgermeister des Stadtteils Songpa von Seoul, wohl kennenlernen können? Da die Bedingungen für Fernreisen aktuell ja besonders unsicher sind, hat ein Ausblick hier ein bisschen was von „in die Kristallkugel schauen“. Wie Alle hoffe ich natürlich, dass die Pandemie bald eingedämmt werden kann, vielleicht bereits im nächsten Jahr. Ob es dann aber schon zu einem Besuch aus Songpa kommen wird, wage ich zu bezweifeln … vielleicht ja 2022.

Und welche Partnerstadt würden Sie am liebsten besuchen? Hinter jeder Partnerschaft verbergen sich eine Geschichte und meist schon lange Freundschaften, daher bin ich auf alle gespannt. Als Dänisch-Sprecherin freue ich mich auf zukünftige Begegnungen mit Bröndby. Text: Boris Buchholz
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