Nachbarschaft

Veröffentlicht am 17.12.2020 von Boris Buchholz

Annika Braasch (19) und Sönke Klusmann (18) gehen auf die Dahlemer Wilma-Rudolph-Oberschule – und wollen 2021 ihr Abitur machen. Sönke (Leistungskurse Biologie und Geographie) würde gerne Arzt werden; Annika (Leistungskurse Biologie und Politik) ist noch unentschieden, was sie ab Herbst 2021 studieren möchte: „Management und Recht“ oder Politikwissenschaften? Doch vor der Berufsausbildung kommen die Prüfungen: Beide befürchten, dass ihnen die Corona-Krise einen Strich durch die Abi-Rechnung machen könnte. Warum, das erklären sie hier.

Bringen Sie mich doch bitte auf den neuesten Stand: Wann stehen denn die ersten Abiturprüfungen an – und wie sieht der Zeitplan dann weiter aus?
Sönke: Meine erste Abiturprüfung wird wahrscheinlich am 24. März 2021 die fünfte Prüfungskomponente sein. Danach sind meine Leistungskursklausuren sehr eng getaktet: Am 16. April findet meine erste Leistungskurs-Klausur statt, am 19. April schreibe ich dann meine zweite Leistungskurs-Klausur. Am 4. Mai werde ich in Mathe, meiner dritten Prüfungskomponente, geprüft. Und zuletzt noch meine mündliche Prüfung im Grundkurs Deutsch. Die Termine sind anfangs zwar recht eng aufeinanderfolgend, aber dadurch werde ich recht früh mit dem ganzen Stress durch sein, was auch sehr angenehm ist.

Corona hat vor allem im Frühjahr den Schulalltag auf den Kopf gestellt: Fühlen Sie sich auf die kommenden Prüfungen durch den Unterricht ausreichend vorbereitet?
Annika: Ja, ich fühle mich ausreichend vorbereitet. Das liegt daran, dass die Prüfungen wegen der Umstände angepasst wurden und die Lehrer meiner Prüfungsfächer ihr Bestes gegeben haben, keine Lücken offen zu lassen.
Sönke: Jein. Im zweiten Semester, also der Zeitraum vom ersten Lockdown, ist unfassbar viel Unterricht ausgefallen, der zwar in Form von Arbeitsblättern nachgeholt wurde, aber das bietet keinen vollwertigen Ersatz für normalen Unterricht. Auch in der letzten Zeit ist an unserer Schule sehr viel Unterricht ausgefallen, da der Senat auf Biegen und Brechen am Präsenzunterricht festgehalten hat. Durch hohe Infektionszahlen waren sehr häufig Lehrer in Quarantäne. Wir haben zwar durch den Ausfall viele Freistunden, aber die können wir nicht immer so nutzen, wie es sinnvoll wäre. In der Schule hat man keinen Drucker, kein WLAN, nicht immer das beste Netz und auch selten einen Laptop geschweige denn immer einen Stromanschluss. Folglich muss enorm viel Zeit zu Hause damit verbracht werden, Unterricht nachzuholen. Das alles führt neben dem normal weiterlaufendem Schulalltag mit Hausaufgaben und Klausuren, mit denen man zu Hause natürlich weiterhin Zeit verbringt, zu einem hohen Stresslevel bei Schülern – ohne die verbotenen Freizeitaktivitäten wäre das wohl kaum zu meistern.

Was bereitet Ihnen mit Blick auf Ihr kommendes Corona-Abi am meisten Sorge?
Annika: Das Risiko mich oder auch meine Familie zu gefährden! Man stellt uns als Abiturjahrgang an erste Stelle. Das bedeutet aber auch, dass man uns automatisch das Gefühl gibt, unsere Gesundheit hätte weniger Wert als die von anderen. Zudem fehlen durch Quarantäne oft Lehrer, was dazu führt, dass wir weit mehr Arbeit haben als wenn wir normal Schule oder durchgängig schulisch angeleitetes Lernen zu Hause hätten.
Sönke: Ich möchte auf keinen Fall, dass auf unserem Abi nachher etwas wie „Corona-Abitur“ steht. Meine Befürchtung ist, dass unser Abitur im Vergleich als schlechter angesehen wird.

Und wie könnte ein Alternativszenario aussehen?
Sönke: Wir haben uns vor allem mehr Hybridunterricht gewünscht: Ein Teil des Unterrichts findet per Videokonferenz, ein anderer in der Schule statt. So könnten einerseits die Schüler ihren Teil zur Bekämpfung der Pandemie beitragen und andererseits wäre durch mehr Abstand im Raum und weniger Schüler in Freistunden in der Mensa die Gefahr kleiner, in Quarantäne zu müssen. Wichtig wäre hierbei, dass man nach Hause auch Mitschriften von Schülern oder Lehrern geschickt bekommt, damit die Schüler, die zu Hause sind, sich eben nicht nur Arbeitsblätter angucken, sondern auch den Unterricht verstehen können. Man sollte aber besondere Rücksicht auf Schüler nehmen, die zu Hause vielleicht nicht die technischen Möglichkeiten dazu haben.
Annika: Eine andere Idee wäre Lernen zu Hause mit einem zusätzlichen Angebot für Unterricht nach „Bedarf“ zu kombinieren, damit schwächere Schüler eine fairere Chance hätten. Außerdem sollten die Lehrer Fortbildungen zum Thema „Wie gehe ich mit den digitalen Geräten um, um damit unterrichten zu können“ bekommen.

Wie lauten Ihre wichtigsten Forderungen?
Sönke: Mehr Mut zum Hybridunterricht! Diese Forderung richten wir vor allem an den Berliner Senat. Denn wir wissen: Auch wenn Schulen Hybridunterricht wollen, ist letztendlich der Senat die Instanz, die entscheidet, ob das durchgesetzt wird oder nicht.
Annika: Auch wir wollen gesund bleiben. Es sollte Sanktionsmaßnahmen geben, wenn Schüler wiederholt keine Maske oder die Maske falsch tragen. Es sollte immer die Möglichkeit geben, freiwillig schulisch angeleitet zu Hause zu lernen. Die Schulen sollten dafür auch ausreichend digitalisiert sein.

Inwieweit teilen Ihre Eltern, Mitschüler und Lehrer Ihre Sorgen – und wie reagieren die schulischen Gremien und andere Schulen?
Annika: An andere Schulen sind wir noch nicht gekommen; jedoch ist Zuspruch von Schülern und Eltern da. Unsere Schulleitung hat sich auch auf ein Gespräch mit uns eingelassen und uns auch bei den meisten Dingen Recht gegeben.
Sönke: Weil Mitschüler und Lehrer unserer Meinung waren, sind wir ja überhaupt erst auf die Idee gekommen, uns an die Medien zu wenden. Es gibt zahlreiche Lehrer, die sich nicht mehr von ihrem Arbeitgeber geschützt fühlen und auch Schüler sehen es als irrational an, Schulen mit Präsenzunterricht laufen zu lassen. An unserer Schule mussten zum Beispiel mehr als ein ganzer Jahrgang und einige Lehrer gleichzeitig in Quarantäne. Wir haben uns mit dieser Thematik an die Vorsitzenden des Landesschülerausschusses gewandt, sie haben aber nicht auf uns reagiert. Meine Eltern haben oft gesagt, dass man doch recht leicht digitalen Unterricht durchsetzen können müsste. Dabei wussten sie und glaubten mir nicht, wie umständlich das an den Schulen aktuell ist…

Es ist ja bald Weihnachten – was sind Ihre drei größten Wünsche?
Annika: Eine gesunde Familie. Gesunde Freunde. Das restliche Geld für ein iPad, damit ich schneller von zu Hause arbeiten kann.
Sönke: Ich wünsche mir, dass in meinem Umfeld niemand Corona bekommt. Ich wünsche mir, dass mehr Leute die aktuelle Situation akzeptieren und dementsprechend solidarisch handeln und wir vielleicht so im kommenden Sommer zu unseren normalen Leben zurückkehren können.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@tagesspiegel.de

 

Dieser Beitrag stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf. Die Newsletter für alle 12 Berliner Bezirke gibt es kostenlos und in voller Länge hier: leute.tagesspiegel.de

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