Nachbarschaft

Veröffentlicht am 23.12.2020 von Boris Buchholz

Mit künstlichen Armen und Beinen, mit Orthesen und Prothesen kennt sich Klaus Dittmer, 79, aus – und er besitzt Hunderte von ihnen: Der Zehlendorfer ist Orthopädiemechanik-Meister, gelernt hat er seinen Beruf in den 1960er Jahren im Oskar-Helene-Heim. Die Geschichte seines Fachs begeisterte ihn so, dass er zu sammeln begann. Nach dem Verkauf seines Betriebes wurde die Leidenschaft sogar noch größer. Objekte aus seiner Sammlung wurden zuletzt im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden gezeigt – doch über 800 Objekte hat er noch eingelagert. Gerne würde er sie aus dem Keller holen.

Herr Dittmer, was fasziniert Sie denn so an künstlichen Gliedmaßen, an Korsetts, Bandagen und Einlagen? Fast jedes Objekt wurde individuell gefertigt. Es zeigt die Handschrift des Technikers, wie er auf die Besonderheiten einer Erkrankung oder die Stellung eines Amputationsstumpfes eingegangen ist. Gleichzeitig wird der Blick auf ein persönliches Schicksal gerichtet, weil mit der gefertigten technischen Hilfe neuer Lebensmut erzeugt wird.

Lebensmut? Bitte erklären Sie das. Die amputierten Männer der Kriegsgeneration waren glücklich, überlebt zu haben. Die Prothese war für sie das „kleinere Übel“. Auch gab es den Wunsch einer Patientin, mit der Prothese und deren elegant gestalteter Wade wenigstens ein schönes Bein zu haben. Dazu muss man wissen: Im Allgemeinen sollte die Außenform einer Prothese dem noch vorhandenen realen Bein entsprechen …

Was waren denn Ihre schönsten Orthopädie-Erlebnisse? Es gab viele schöne Momente. Und auch ganz andere Anlässe als rein medizinische, um Hilfsmittel zu fertigen. So wurden von uns für Günter Lamprecht als Franz Biberkopf in Döblins „Berlin Alexanderplatz“ eine Armbandage und ein Schulterausgleichspolster gefertigt, um eine Armamputation glaubhaft zu machen. Auch unsere Fertigung eines Hessing-Korsetts für Klaus Maria Brandauer für den Film „Mario und der Zauberer“ nach Thomas Mann und eines Lederkorsetts für Dieter Hallervorden, mit dem er wie von Zauberhand an einem Telefonhörerkabel hängt.

Kommen wir zur Sammelei: Wie hat diese Leidenschaft begonnen? Bereits in meiner Ausbildung im Oskar-Helene-Heim faszinierten mich die technischen Details von Prothesenfüßen und Kniegelenken. Auch die Orthesen-Hüftabduktionsgelenken, die ich auch selbst zu fertigen hatte, sowie die Mechanik von Kunsthänden wie der Fischerhand – die mit allen Fingern greift  – taten es mir an.

Ist auch Ihre Wohnung ein orthopädiemechanisches Museum – und was sagt Ihre Familie dazu? Es reicht, dass Fotos, technische Beschreibungen und Dokumente zu technischen Hilfsmittel in vielen Ordnern mein Büro füllen, ohne den häuslichen Frieden allzu sehr zu stören – mehr geht nicht, ohne Grenzen zu sprengen.

Jetzt lagern 800 Objekte in einem Kellergeschoss eines Altersheims: Warum sollen sie da nicht einfach bleiben? Mein jetziges Lager kann nur einen Teil der leicht transportablen Objekte aufnehmen. Historische Rollstühle können dort nicht untergebracht werden; für Fertigungsmaschinen ist unsere Garage zweckentfremdet. Zwar sind alle Objekte in einem System erfasst, aber die Konsequenz aus dieser beengten, unüberschaubaren Unterbringung ist, dass so kein Museum für eine Ausleihe Zugriff haben kann. Selbst Anfragen zum Ausleihen von Objekten können nicht ausgeführt werden.

Lieber Herr Dittmer, es ist Weihnachten, Zeit der Hoffnung: Was wünschen Sie sich für das neue Jahr? Bezogen auf meine Sammlung ist der Wunsch für das neue Jahr, eine übersichtliche Unterbringung meiner Sammlung zur Geschichte der technischen Orthopädie zu finden. Meine Hoffnung ist, dass dann unter anderem das Berliner Medizinhistorische Museum der Charité auch zu diesem Fundus Zugang haben kann.

Reden wir Tacheles: Wieviele Quadratmeter Lager wünschen Sie sich zu Weihnachten – vielleicht kann ja der eine Leser oder die andere Leserin aushelfen? Es wäre wunderbar, wenn mir jemand 75 bis 100 Quadratmeter anböte. Falls es noch circa 30 Quadratmeter zusätzlich für eine kleine Dauerausstellung zum Beispiel für den „Tag des offenen Denkmals“ gäbe, wäre es optimal.

Foto: privat

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@tagesspiegel.de

 

Dieser Beitrag stammt aus dem Tagesspiegel-Newsletter für Steglitz-Zehlendorf. Die Newsletter für alle 12 Berliner Bezirke gibt es kostenlos und in voller Länge hier: leute.tagesspiegel.de

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