Nachbarschaft

Veröffentlicht am 11.02.2021 von Boris Buchholz

Hausärztinnen und Hausärzte haben in der Markelstraße 61 schon fast zwanzig Jahre ihren Sitz. Doch erst seit der Pandemie steht im Hof des Hauses ein schwarzer Container. Wer den Verdacht hat, an einer Infektion erkrankt zu sein, wird dort behandelt. Seit 2010 praktiziert Ärztin Veronika Rufer, 50, in Zehlendorf aufgewachsen, in der „Hausarztpraxis Steglitz“. Vier Ärztinnen und Ärzten betreiben die Praxis, gemeinsam haben sie sie zu einer Corona-Schwerpunktpraxis weiterentwickelt.

Frau Rufer, wie voll ist es diese Tage bei Ihnen in der Markelstraße? Zu Beginn der Pandemie kamen weniger Patienten zu Kontroll- und Vorsorgeuntersuchungen, da die Angst bestand und allgemein noch besteht, sich in der Arztpraxis mit Covid-19 zu infizieren. Aus ärztlicher Sicht ist das besorgniserregend, da Vorsorge sowie Labor- oder EKG-Kontrollen häufig Schlimmeres verhindern können. Teilweise kamen unsere Patienten mit lebensbedrohlichen Symptomen erst „als es gar nicht mehr ging“. Zum Beispiel sind Hautkrebsuntersuchungen nach Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung allein zwischen März und Mai um zwei Drittel zurückgegangen. Im Sommer hat es auch bei uns eine langsame Erholung der Zahlen gegeben, aber noch keinen Nachholeffekt. Wir hoffen, dass unsere Patienten die für sie wichtigen Untersuchungen wieder vollständig wahrnehmen.

Also haben Sie für die Corona-Behandlungen und -Tests einen schwarzen Container in den Hof gestellt … um die uns anvertrauten Patienten weiterhin gut behandeln zu können und zum Schutz unseres Personals. Im Frühsommer entschlossen wir uns, Menschen mit jeglichen Infektzeichen nur noch außerhalb der Praxisräume, in einem eigens dafür in den Hinterhof gelieferten Container zu untersuchen. Als Corona-Schwerpunktpraxis können wir unabhängig vom Praxisbetrieb dort nicht nur Abstriche machen, sondern auch untersuchen und behandeln. Die Termine sind online buchbar, Wartezeiten entstehen kaum, es gibt ein kleines Zelt mit Stühlen falls man kurz warten muss. Der Container ist voll ausgestattet mit Computer, Heizung, Liege, Sauerstoffmessung und so weiter. Nur bei Minus 20 Grad kommt das Konzept an seine Grenzen.

Wird die Containerlösung von Ihren Patientinnen und Patienten angenommen? Ja. Allerdings haben die Menschen im Moment wieder spürbar mehr Angst wegen der Virusmutationen. Wir hoffen, dass mit der räumlichen Trennung die notwendigen Vorsorge- und Kontroll-Untersuchungen wieder wahrgenommen werden.

Nicht nur der Container ist eine Neuerung in der Pandemie, Sie haben auch ein Rezepttelefon. Was ist das? Die Pandemie hat uns notgedrungen auch zu weiteren Angeboten geführt: Wegen der völligen Überlastung unserer medizinischen Fachangestellten, die Unglaubliches geleistet haben und denen wir Ärzte mehr als dankbar sind, haben wir eine Telefonanlage implementiert, über die auch Rezepte mittels Anrufbeantworter bestellt werden können. Die Termine für Vorsorgen, Kontrollen, Neupatienten und zum Corona-PCR- oder Schnelltest sind nun alle auch online buchbar. Und wir Ärztinnen und Ärzte bieten auch eine Videosprechstunde an, das wird sehr gut angenommen.

Hausärzte sind in der Pandemie wichtige Ansprechpartner. Fühlen Sie sich von Politik, Kassenärztlicher Vereinigung und Verwaltung ausreichend gewertschätzt und versorgt? Die Entscheidung, Corona-Schwerpunktpraxis zu werden, war nicht ganz uneigennützig: Wir dachten, wir können so den Umgang mit Covid-Erkrankten schnell und intensiv mit maximaler Unterstützung der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KV) lernen. Außerdem wollten wir die infektiösen Patienten umfassend und sorgfältig behandeln und nicht nur einen Abstrich machen. Leider mussten wir viele dafür notwendigen Änderungen wie den Container selber finanzieren, auch die Schutzausrüstung wird nicht zu einhundert Prozent erstattet. Bei wegbrechenden Einnahmen zum Beispiel durch unsere Zusatzqualifikationen in der Sport- und Ernährungsmedizin und in Naturheilverfahren, die wir in der Pandemie weniger anbieten können, war das keine leichtes finanzielles Unterfangen. Da hätten wir uns von der KV mehr Unterstützung gewünscht. Hilfreich wären auch konkrete Beispiele gewesen, wie hausärztliche Versorgung organisiert werden könnte. Dass jeder von uns vermeintlich das Rad neu erfindet, ist Kräfte zehrend.

Was ist Ihr größter Wunsch an Gesundheitsminister Jens Spahn? Vom Bundesgesundheitsminister wünschen wir uns, dass vor neuen „Erlassen“ die Fachleute vor Ort gefragt werden, welche Maßnahmen die Arbeit erleichtern oder gegebenenfalls nur verkomplizierten. Ein Paradebeispiel sind die Schnelltests für die Pflegeheime, die ohne durchführendes zusätzliches Personal kaum umsetzbar sind. Die Diskussion um den Bonus von 1000 Euro für Pflegende schmerzte; das ist fehlende Wertschätzung! In der Diskussion der Medien und auch der Politik fehlen unseres Erachtens häufig die wichtigen Themen.

Welche wären das? Statt sich wiederholender „Sind Schulen Treiber der Pandemie“-Diskussionen wünsche ich mir beispielsweise eine breite Debatte über unseren Umgang mit den in Einsamkeit Sterbenden!

Wie gut funktioniert die Zusammenarbeit mit dem bezirklichen Gesundheitsamt? Die Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt beschränkt sich auf Fallmeldungen unsererseits, das geht gut.

Ich vermute, jeder Patient fragt Sie, wann man in Ihrer Praxis geimpft werden kann. Was antworten Sie? Wir wissen nichts, selbst als Corona-Schwerpunktpraxis. Schlau wäre es, die anstehenden Impfungen in der Menge rechtzeitig planen zu können. Wir kennen unsere Patienten mit ihren Vorerkrankungen, doch leider bezieht uns niedergelassene Ärzte niemand in die Planung mit ein. Hoffentlich kommt die Umstellung von den Impfzentren auf uns Hausärzte nicht wieder an einem Freitagnachmittag! Wir wollen die Versorgung unserer anderen Patienten auf keinen Fall wieder gefährdet sehen und auch unser Personal kann nach dem Jahr nicht noch mehr belastet werden.

Und wann werden Sie und ihre Kollegen geimpft? Als Covid-Praxis durften wir letzte Woche unsere Impftermine für März vereinbaren.

Würde Sie es nicht reizen, jetzt Infektionsspezialistin zu sein? Also, Virologin zu sein stelle ich mir im Moment natürlich sehr spannend vor! Aber für die Allgemeinmedizin habe ich mich bewusst entschieden, da ich gerne ein möglich abwechslungsreiches Gebiet in der Medizin haben wollte und die jahrelange Begleitung ganzer Familien sehr befriedigend sein kann. Es nervt mich im Moment auch, dass seit einem Jahr mein eigentlich vielseitiger Job, der professionelle Nähe zulässt, in großen Teilen zu purer Reaktion unter der gebotenen Distanz geworden ist.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@tagesspiegel.de

Text und Foto: Boris Buchholz
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