Nachbarschaft

Veröffentlicht am 18.02.2021 von Boris Buchholz

Seit 32 Jahren steht an der Ecke von Machnower und Camphausenstraße ein Zeitungskiosk. Er ist eine Institution und ein Treffpunkt in der Nachbarschaft rund um das Zehlendorfer Helios-Klinikum Emil von Behring. Inhaber Wolfgang Wichert zählt jetzt 63 Lenze – und denkt über das Aufhören nach. Sein Nachfolger steht fest: Thomas Gohr, 40, gehört schon seit 20 Jahren zum Kioskpersonal, seit vier Jahren ist er der Geschäftsführer und schmeißt den Laden, äh, den Kiosk. „Ich halte mich schon bei vielen Sachen raus“, sagt Wolfgang Wichert.

Herr Gohr, bei Ihnen gibt es nicht nur Zeitungen und Zigaretten. Was noch? Süßwaren, Getränke, heißen Kaffee, Zeitschriften, heute gefüllte Pfannkuchen, morgens Brötchen, Blumenerde, Eis, Rätselhefte, Comics, Milch. Wir sind zur Zeit eine der wenigen Verkaufsstellen, bei denen Sie Blumen kaufen können.

Freuen Sie sich darauf, wenn Sie hier bald allein das Sagen haben? Ja, schon. Die Vielfalt an Kunden, man ist immer an der frischen Luft, nette Gespräche – die Arbeit macht einfach Spaß. Ich erlebe mit, wie Kunden älter werden oder wie sie aufwachsen und dann ihre Eltern besuchen. Ich kenne viele von klein auf. Allerdings ist es manchmal schwierig, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel: Was soll ich für Blumen einkaufen? Es ist kalt – hält die Ware in den Lagerräumen durch? Kommt sie beim Kunden an? Oder: Wie viele Zigaretten bestellst du vor Feiertagen? Da muss man aufpassen, auch wegen der Einbrüche. In den letzten beiden Jahren hatten wir zwei schwere Einbrüche, da belief sich der Schaden schnell mal auf 10.000 Euro. Das ist für ein Unternehmen wie uns gefährlich.

Es ist zudem ein Knochenjob, Sie müssen früh aufstehen. Aber daran gewöhnt man sich, um Fünf geht es los. Ich bin in der Regel sehr ausgeglichen.

Das merke ich, Sie wirken sehr ruhig. Als ich am Telefon den Termin vereinbarte, hörte ich, wie Herr Wichert eine Kundin mit Namen ansprach und sie beriet – es wirkte sehr vertraut. Ist der Kiosk der Anker im Kiez? Ja, das stimmt, das höre ich von vielen. Er ist und bleibt ein Anlaufpunkt. Es ist in der Pandemie allerdings etwas schwieriger geworden, man kann nicht mehr so lange verweilen, Gespräche werden kurz gehalten. Gerade Ältere finden es gut, dass alles bei uns an der frischen Luft ist und sie den anderen Kunden nicht zu nahe kommen. Der Vorteil für uns und unsere Besucher: Man kennt sich über die Jahre, es gibt einen festen Kundenstamm – die kommen wieder und nehmen in der Regel immer das gleiche.

Sie sind Kiezbeobachter: Was hat Sie in der letzten Zeit bewegt? Im Moment sterben viele von unseren Stammkunden, altersbedingt, nicht wegen Corona. Ein Nachbar, der uns immer geholfen hat, weil ihm zu Hause die Decke auf den Kopf fiel, ist an einem schweren Schlaganfall gestorben. Eine andere Geschichte geschah im Herbst: Ich habe in der Nachbarschaft ein älteres Paar zu wohnen und die Frau war unterwegs. Während sie weg war, ist er gestürzt und hatte sich den Kopf aufgeschlagen. Passanten hatten gerufen, und wir kannten die Kunden ja, da sind wir hin und haben die Feuerwehr geholt. Später hat sich die Ehefrau bei uns bedankt, weil wir so schnell reagiert hätten. Man hilft sich in der Nachbarschaft – auch letztens beim Tragen von größeren Paketen zum Beispiel.

Ist diese Freundlichkeit normal? Bei mir? Das hat man so in die Wiege gelegt bekommen. Zu uns kommen ja auch viele Kunden, die zum Krankenhaus gehen. Gerade bei denen, die dort neu anfangen, gibt es welche, die den Mund nicht aufkriegen. Aber man kann sie sich dann ja so erziehen. Ich habe es so kennengelernt, dass man grüßt und gegrüßt wird – gerade wenn man hier jeden Tag ist und die Leute dann öfters sieht.

Seit „Bettys Diagnose“ weiß ich: Der Kiosk vor dem Krankenhaus ist das eigentliche soziale Zentrum der Klinik, hier trifft man sich, egal ob Patient oder Verwaltungschefin… Wir haben schon einige Kunden aus dem Behring, es ist ja auch ein großes Haus. Manche Mitarbeiter oder Patienten wollen auch einfach mal etwas anderes sehen als die Cafeteria. Oder sie haben die Essenszeiten verpasst und haben Hunger. Die Cafeteria hat ganz schön abgebaut: Wer Zeitungen oder Eis will, kommt zu uns. Übrigens: Wir haben auch eine Betty, das passt; sie arbeitet im Krankenhaus als Physiotherapeutin, sehr freundlich. Im Sommer war sie oft hier, jetzt aber ist schon eine Weile nicht mehr vorbei gekommen – wir wollen mal hoffen, dass nichts passiert ist.

Also „Behrings Diagnose“? Ja, schon, Chefärzte und Professoren kommen auch. Gerade morgens, wenn sie zum Dienst gehen, dann holen sie noch ein Sträußchen oder eine Zeitung. Aber großartige Gespräche mit ihnen habe ich noch nicht beobachten können, sie sind immer sehr in Eile. Bei anderen Kunden kommt das vor. Da werden Telefonnummern ausgetauscht, weil man beim Zeitschriftenkauf gemeinsame Interessen festgestellt hat. Das kommt besonders bei Sammelwerken vor: „Sie kaufen das auch?“ Oder die Kunden geben sich gegenseitig Tipps: „Lesen Sie mal diesen Artikel in der Zeitung.“

Wir sind hier im tiefsten bürgerlichen Zehlendorf: Welche Tageszeitung verkaufen Sie denn täglich am meisten? Es ist schon „Bild“ und „B.Z.“. Und dann kommen „Tagesspiegel“ und „Morgenpost“.

Text und Foto: Boris Buchholz
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