Nachbarschaft

Veröffentlicht am 18.03.2021 von Boris Buchholz

Seit einem Jahr ist Steglitz-Zehlendorf Ranger-Gebiet: 2020 starteten der Senat und die Stiftung Naturschutz Berlin das Pilotprojekt „Stadtnatur-Ranger“. Seit fast einem Jahr beobachten der Umweltwissenschaftler Bennet Buhrke, 26, und die Landschaftsplanerin Nathalie Bunke, 55, die Flora und Fauna im Südwesten. Für die Rangerin liegt die Arbeit sogar gleich vor ihrer Haustür: Nathalie Bunke lebt in Lankwitz.

Frau Bunke, beim Wort Ranger denke ich an Lassie und Flipper, an die Serengeti und Gorillas im Nebel. Warum braucht es Ranger in der Großstadt? Den klassischen Ranger mit Hut verortet man tatsächlich eher in der Wildnis als in einer Großstadt wie Berlin. Da sich aber die Artenvielfalt mehr und mehr in die städtischen Räume verlagert, gibt es jetzt auch hier einen Bedarf an Rangerinnen und Rangern – eben die Stadtnatur-Ranger. Stadtnatur ist für mich die große Vielfalt an Flora und Fauna, die es in urbanen Räumen zu bestaunen gibt. Dabei fasziniert mich besonders die Anpassungsfähigkeit, mit der Tiere und Pflanzen diese Räume für sich erobern und die es möglich macht, Wildtiere auch aus ungewohnter Nähe beobachten zu können.

Pflanzen, Tiere – und wie passen Menschen in Ihr Arbeitsfeld? Wir wollen den Menschen diese Schönheit näher bringen – zum Schutz und zur Erhaltung der Stadtnatur. Mit Kindern und Erwachsenen unsere Natur zu entdecken, macht mir Spaß. Mit all dem kann ich mich identifizieren und all das macht meinen Traumberuf aus. Wir tragen übrigens keinen typischen Rangerhut – der ist ziemlich unpraktisch [sie lacht] und Lassie heißt bei uns Oskar – mein Terrier.

Ganz konkret: Was haben Sie die letzten Tage in Steglitz-Zehlendorf getrieben? Wir waren mit der Kontrolle von Kleingewässern in Parkanlagen beschäftigt, haben Habichtshorste gesichtet und mit unterschiedlichen Akteuren Absprachen für ein Projekt der Biotoppflege zur Förderung der Biodiversität getroffen.

Als Rangerin kartieren Sie Tier- und Pflanzenwelt im Südwesten. Welche aktuellen Veränderungen bemerken Sie im Bezirk? Wir beobachten mit Sorge die sinkenden Wasserstände in vielen Kleingewässern über die letzten Jahre. Damit gehen auch die Lebensräume und Fortpflanzungsgebiete für Frösche, Kröten und Molche verloren. Viele Bäume an Straßenrändern und in Parks geben ein ähnlich trauriges Bild ab, sie leiden stark unter den trockenen Sommern der letzten Jahre. Gleichzeitig scheinen sich einige Tier- und Pflanzenarten wie zum Beispiel der Biber gut an die sich ständig verändernden Lebensbedingungen in Städten anzupassen und weitere Lebensräume für sich zu erschließen. Das ist faszinierend zu beobachten.

Füchse, Eichhörnchen, Wildschweine: Welche Wildtiere haben Sie im Bezirk bisher angetroffen und wie können Sie als Rangerin dafür sorgen, dass die städtische Artenvielfalt erhalten bleibt? Steglitz-Zehlendorf bietet viel Wasser und Wald, da begegnet man neben den üblichen Verdächtigen wie Füchsen, Rehen und Wildschweinen auch mal Waschbären, Sperbern, Wanderfalken, Zauneidechsen oder Grasfröschen. An der Havel oder dem Teltowkanal tummeln sich neben den Kormoranen auch mal Zwergtaucher und Gänsesäger. Herzklopfen verursachen allerdings immer wieder der Biber oder Eisvögel an Orten, wo man sie nicht vermutet. Wir versuchen durch Bürgergespräche und mit Führungen über die Lebensweise unserer tierischen Nachbarn zu informieren. Nicht jeder Fuchs, der am helllichten Tag durch einen Garten läuft, ist krank. Er hat einfach keine Angst vor uns und verbindet Menschen schlichtweg mit Futter. Mit unserer Arbeit können wir dabei helfen, die Lebensräume unserer Tiere und Pflanzen zu erhalten und sie an ausgewählten Standorten durch die richtige Pflege noch lebenswerter zu machen.

Was liegt nach Ihrer Ansicht in Steglitz-Zehlendorf im Argen, wo kann der Bezirk besser werden? Wie? Wir arbeiten sehr gut mit der Unteren Naturschutzbehörde, dem Straßen- und Grünflächenamt und anderen Akteuren zusammen und versuchen mit unserer Arbeit die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter so gut es geht mit unserem Fachwissen zu unterstützen. Es ist immer wieder toll zu hören, wie sehr unsere Arbeit hier geschätzt wird.

Das beantwortet noch nicht die Frage, was nicht nicht so gut läuft. Zum Beispiel wurden in der Leonorenstraße für den Bau einer Flüchtlingsunterkunft – vielleicht unnötig – Bäume gefällt. Am Dahlemer Weg soll das nach Willen des Senats wieder geschehen … Kein Mensch sollte glücklich darüber sein, dass Lebensräume für Tiere oder Pflanzen zerstört werden. Die Entscheidung allerdings, ob solche Bauvorhaben nötig sind, liegt in der Hand von Politik und Behörden. Wir können in dieser Diskussion für die Natur nur mit unserem naturschutzfachlichen Wissen unterstützend tätig werden. Zum Beispiel wenn es gilt, gefährdete Tier- und Pflanzenarten nachzuweisen und diese Informationen an die zuständigen Stellen weiterzuleiten.

Die Aufklärung der Bevölkerung ist ein wichtiger Bestandteil Ihrer Arbeit. Wie läuft das in der Praxis? Die Öffentlichkeitsarbeit ist tatsächlich ein wesentlicher Baustein unserer Arbeit. Auf unseren Gebietsbegehungen kommen wir mit vielen Menschen zu unterschiedlichen Themen rund um die Berliner Stadtnatur ins Gespräch. Für den Langen Tag der Stadtnatur am 12. und 13. Juni haben wir bereits mehrere Führungen für Familien und Naturfreunde vorbereitet. Wir werden mit dem Steglitzer Kleingartenverband Informationsveranstaltungen durchführen und – wenn es Corona erlaubt – auch Rangersprechstunden im Bezirk durchführen.

Rangersprechstunden, was ist das? Wir informieren dann vor Ort, warum man besser keine Füchse füttern sollte, woran man erkennt, dass man Fledermäuse im Dachboden hat oder welche Blütenpflanzen besonders insektenfreundlich sind. Unser Herzensprojekt, die Ausbildung von Junior Rangern, liegt momentan auf Eis, da wir derzeit keinen Kontakt zu Schulen und Familien aufbauen können. Wir überlegen aber derzeit, am Girls-&-Boys-Day mit mehreren Rangerteams in Berlin teilzunehmen, um unseren tollen Beruf vorstellen zu können.

Mit Rangern verbinde ich auch immer einen strengen Blick: Stellen Sie Umweltsünder, zum Beispiel wenn Sie jemanden im Grunewald eine Kippe in die Büsche werfen sehen, zur Rede? [Lacht] Bevor der Wald brennt, sprechen wir die Leute natürlich an.

Wie beeinflusst die Pandemie Ihre Arbeit? Kartierungen, Begehungen und Landschaftspflegeeinsätze können wir nach wie vor durchführen, reale Treffen mit anderen Akteuren sind derzeit schwierig bis unmöglich. Auch die Bildungsarbeit liegt weitestgehend auf Eis. Am meisten macht uns jedoch zu schaffen, dass wir unsere Kolleginnen und Kollegen aus dem Stadtnatur-Ranger Projekt nur in kleinen Gruppen real treffen können. Hier sind wir allerdings täglich im digitalen Austausch. Ein mickriger Trost, aber immerhin.

Zum Schluss: Was sind Ihre Lieblingsorte im Bezirk? An der Havel gibt es tolle Buchten, der alte Müllberg am Griebnitzsee bietet einen fantastischen Weitblick aber auch innerstädtische Grünflächen wie die Rehwiese oder der Dreipfuhlpark bieten so manche Überraschung. Jede Jahreszeit hat ihren Reiz, aber unschlagbar ist immer der frühe Morgen, wenn die Sonne aufgeht.

  • Aktionen und Führungen der Stadtnatur-Ranger Bennet Buhrke und Nathalie Bunke sind – sobald die Pandemie es wieder zulässt – im Umweltkalender abrufbar.

Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@tagesspiegel.de

Text: Boris Buchholz
Foto: Privat / Stadtnatur-Ranger
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  • „Wir beobachten mit Sorge die sinkenden Wasserstände in vielen Kleingewässern“: Seit einem Jahr streifen Stadtnatur-Ranger durch den Südwesten – mit Oskar, dem Terrier
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