Nachbarschaft

Veröffentlicht am 22.04.2021 von Boris Buchholz

Ulrike Plückhahn, 30, ist seit zwölf Jahren Reitlehrerin auf der Zehlendorfer Winnebago-Ranch – sie schätzt, dass sie mehr als 600 Kindern das Reiten beigebracht hat. Die Ranch selber gehört Detlef Voigt, 67, er betreibt sie seit 31 Jahren. Ende April stellt die Winnebago-Ranch den Reitunterricht ein, den bisher zwei Reitlehrerinnen anbieten. Ab Mai wird nur noch Krümelreiten, also Reitstunden für die Jüngsten, möglich sein. Von ehemals fünf Pferden stehen in diesem Corona-April nur noch drei auf den Paddocks und in den Ställen.

Frau Plückhahn, Herr Voigt, warum wird der Schulbetrieb auf der Winnebago-Ranch eingestellt?

Detlef Voigt: Es trägt sich einfach nicht mehr. Durch die Corona-Auflagen mussten die Gruppen kleiner werden, es dürfen nur noch wenige Kinder gleichzeitig reiten. Oder im Lockdown auch gar keine. Dadurch sind die Einnahmen nicht mehr gesichert. Aber die Tiere essen jeden Tag. Hinzukommt, dass drei der fünf Pferde alt sind und auf die Rentnerweide dürfen. Ich hätte sie ersetzen müssen – das ist ohne die Sicherheit, dass Unterricht stattfinden kann, nicht machbar. Die Anschaffung wäre vielleicht noch möglich gewesen, aber ich hätte den laufenden Unterhalt nicht finanzieren können. Deshalb stehen aktuell nur noch zwei Schulpferde zur Verfügung.

Corona hat Sie schlimm erwischt …

Ulrike Plückhahn: Damit alle davon leben können, braucht man viele Reitschüler, die man auf zwei Pferden nicht mehr unterrichten kann. Es ist ein Dilemma.

Detlef Voigt: Vor Corona hatten wir pro Monat 60 feste Reitschüler …

Ulrike Plückhahn: Und neue Pferde zu kaufen, wäre bei der ungewissen Lage ein zu großes Risiko. Im April arbeite ich so gut wie ehrenamtlich, die wenigsten bezahlen das noch, was ich jetzt mache. Im März war das ähnlich. Aber dafür waren Schüler darunter, die zum Beispiel den Januar bezahlt haben, obwohl wir im Lockdown nichts anbieten durften.

Wie war denn das erste Corona-Jahr für Sie?

Ulrike Plückhahn: Wir haben massive Einbußen gehabt. Wir hatten teilweise Monate, in denen nur zehn Prozent der Einnahmen da waren. Das war extrem wenig.

Detlef Voigt: Im letzten Jahr ist die Hälfte der Kinder abgesprungen.

Hätten Ihnen nicht die Familien Ihrer Reitkinder geholfen?

Ulrike Plückhahn: Einen Spendenaufruf haben wir nicht machen wollen, weil wir nicht wissen, wie es weitergeht. Die Spender hätten in die Ranch investiert, damit es weitergeht. Wäre dann Reiten für die Kinder für ein halbes Jahr nicht erlaubt gewesen, ergäbe sich ein unangenehmes Gefühl, so als ob wir in der Schuld der Spender stehen würden. Wir wussten und wissen überhaupt nicht, wann wir was wie anbieten dürfen, da kann man nicht planen.

Was kommt jetzt?

Ulrike Plückhahn: Ich bin nicht nur Pferdefachwirtin und Pferdemanagerin, sondern auch Erzieherin. Ich habe allerdings nie als Erzieherin gearbeitet, weil ich hier meinen Traum gelebt habe. Aber jetzt werde ich an eine Kita gehen und dort sicherlich auch einen Traum daraus machen. Eigentlich hatte ich die Erzieherinnenausbildung gemacht, weil ich Reiten und Pädagogik verbinden wollte. Jetzt ist alles anders gekommen.

Und wie können Sie die Winnebago-Ranch selber retten?

Detlef Voigt: Nur indem ich das System verändere und Einstellpferde aufnehme. Damit kann ich das Grundstück retten, was ich liebe – ich will das im Alter nicht aufgeben und werde, so lange es geht, weitermachen. Zwei meiner alten Pferde, Curly und Hansi, sind jetzt gut untergebracht. Curly ist bei einer Bekannten, Hansi läuft auf einem Seniorendomizil für Pferde mit anderen alten Pferden über die Wiese. Das dritte alte Pferd, Bobby, werde ich behalten: Er ist krank, hat einen Senkrücken, keine Zähne mehr, ihn werde ich hier pflegen.

Bleiben noch die beiden aktiven Schulpferde …

Detlef Voigt: Entweder es kann noch mit der anderen Reitlehrerin Krümelreiten angeboten werden oder ich muss auch Nele und Scarla verkaufen. Je nachdem was mit den beiden passiert, brauche ich zwischen zwei und fünf Einstellpferde. Sicher ist für mich nur: Das hier wird Pferdeort bleiben.

Wie traurig sind Sie über das Ende der Reitschule?

Ulrike Plückhahn: Ich glaube, ich habe im Februar acht Kilo zugenommen – so traurig macht mich das. Ich erlebe schlaflose Nächte und Migräneattacken. Dass es so jetzt aufhört, so abrupt, und ohne, dass ich einen anderen Vertrag unterzeichnet habe … Aber ich bin guter Dinge, ich habe etwas in Aussicht.

Detlef Voigt: Ich werde den täglichen Reitunterricht vermissen. Seitdem ich die Winnebago-Ranch eröffnet habe, müssen hier so zwei- oder dreitausend Kinder reiten gelernt haben – ich habe sie nie gezählt. Heute besuchen mich 30-Jährige, die früher hier geritten sind; die haben jetzt selber Kinder.

Ich habe mich etwas umgehört: Einige Kinder und Jugendliche, die hier reiten, sind schon sehr traurig, dass der Unterricht nicht mehr weitergeht und dass sie „ihre“ Pferde nicht mehr sehen können …

Ulrike Plückhahn: Wir sind alle miteinander traurig. Aber irgendwann habe ich beschlossen, dass ich nicht mehr traurig bin – es hat ein bisschen geholfen. Eine Sache endet, eine andere wird beginnen. Es bringt nichts, sich deshalb immer weiter mies zu fühlen. Mir ist ein runder Abschied wichtig. Mir bedeutet es viel, dass die beiden alten Pferde jetzt ein super Leben haben, es ist ein Pferde-Deluxe-Rentnerdasein.

Und wie gestaltet sich der Abschied von den Kindern und Jugendlichen?

Ulrike Plückhahn: Die Kinder sind so liebenswerte, freundliche Seelen – sie werden einen neuen Ort finden, an denen sie bleiben mögen. Ich weiß, dass auf einigen Reiterhöfen ein rauerer Ton herrscht als hier bei uns. Ich habe das erlebt; das ist etwas, wovor ich alle beschützen will. Auf der anderen Seite bin ich mir sicher, dass die Reitschüler neue Orte und Dinge für sich entdecken werden. Die, die mit dem Herzen am Reiten hängen, die werden auch immer den Kontakt zu Pferden haben.

  • Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@tagesspiegel.de

 

Text & Foto: Boris Buchholz
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