Nachbarschaft

Veröffentlicht am 29.04.2021 von Boris Buchholz

Viele ältere Menschen haben Platz in ihrer Wohnung oder ihrem Haus: Die Kinder sind ausgezogen, die Enkel nur selten zu Gast. Auf der anderen Seite suchen viele junge Leute eine bezahlbare Bleibe. Die studierte Politikwissenschaftlerin Anastasia Krasnoperova, 27, und Olga Miakotnikova, 26, sie hat einen Master in Anglophone Modernities in Literature and Culture, haben ein Unternehmen gegründet, um junge Wohnungssuchende und ältere Privatvermieter zusammenzubringen. Es heißt Großjungig AI und ist eine Ausgründung der Freien Universität: Der Firmensitz ist die Start-up-Villa der FU Berlin in der Altensteinstraße 40, die beiden Unternehmerinnen leben in Lankwitz. Anastasia Krasnoperova stellte sich den Fragen des Tagesspiegels.

Frau Krasnoperova, Sie haben eine Börse für generationenübergreifendes Wohnen gegründet. Wie kamen Sie auf die Geschäftsidee? Ich habe in den USA bei der Non-Profit-Organisation Atlanta Council on International Relations gearbeitet und habe dort viele Senioren kennengelernt. Einige von ihnen sind zu guten Freunden geworden und halfen mir, als ich mein Traineeprogramm bei Apple anfing. Ich möchte, dass möglichst viele junge Leute so einen Mentor und eine Art zweite Familie bekommen. Zudem kann man dank generationenübergreifenden Wohnens zwei soziale Probleme auf einmal angehen: die Einsamkeit unter Senioren und den Mangel an bezahlbareren Unterkünften.

Bei Großjungig gilt auch „Soziales statt Bares“: Was müssen junge Leute als Gegenleistung für ihr Zimmer tun? Die Mieten sind bei uns um circa 20 Prozent günstiger als marktüblich, aber man wohnt nicht gratis. Das stellt sicher, dass die jungen und die älteren Menschen eine Beziehung haben, die durch den Mietvertrag, den sie miteinander unterschreiben, geregelt wird. Aus Erfahrung wissen wir, dass diese gemeinsam getroffene Vereinbarung beiden Parteien hilft, sich verantwortlich für die Wohnsituation und das Miteinander zu fühlen, da niemand etwas umsonst macht. Bei dieser kostengünstigen Unterkunft ist Hilfe und Sozialisierung enthalten, zum Beispiel Einkaufen gehen, Arzneimittel abholen, zusammen Kochen oder Backen, Tee und Kaffee trinken, Brettspiele spielen oder ganz konkret Hilfe mit der Digitalisierung.

Also ist es von Vorteil bei der Zimmersuche, wenn ich mit meinem Smartphone gut umgehen kann? Viele Seniorinnen und Senioren sind nicht komplett digitalisiert. Aus unseren Erhebungen wissen wir aber, dass der allergrößte Teil von ihnen sich gern mehr damit auseinandersetzen möchte – und sei es bloß, um unseren zunehmend digitalisierten Alltag besser bewältigen zu können. Sie wünschen sich aber Unterstützung dabei durch Andere, die sich besser auskennen und ihnen konkrete Antworten auf ihre Fragen liefern können. Was bei uns dagegen nicht verlangt wird, ist gesundheitliche Pflege, da wir dies als professionelle Arbeit auffassen und nicht als Unterstützung.

Was unterscheidet Großjungig von Ihren Mitbewerbern? Uns ist es sehr wichtig, dass alte genauso wie junge Leute als gleichrangige Partner miteinander leben, und nicht etwa als die helfende Kraft einerseits und der oder die „Bedürftige“ andererseits. Außerdem wird bei der Konkurrenz noch alles manuell gemacht, was sich negativ auf die Skalierbarkeit auswirkt, weil sie nur eine begrenzte Anzahl der Anfragen bearbeiten können.

Sie setzen also Software für die Vermittlung ein? Wir setzen Künstliche Intelligenz, also KI, ein. Durch die Unterstützung der KI werden wir die besten „Mitwohnermatches“ finden, was die Dauer des Zusammenlebens deutlich erhöhen und die Atmosphäre insgesamt verbessern wird. Natürlich wird KI auch ermöglichen, unsere Idee in mehreren Städten bundesweit und auch international umzusetzen.

Das heißt, der Computer sucht aus, wer zu wem passt? Genau, das ist die Idee — momentan entwickelt unser Development Team die Plattform und die KI-Algorithmen. Da dies ordentlich gemacht werden muss und viel Zeit in Anspruch nimmt, verbinden im Moment noch unsere Teammitglieder die Kunden per Hand. Um unsere Dienstleistungen einem größeren Kundenkreis zur Verfügung stellen zu können, brauchen wir unbedingt diese KI-Kapazitäten, die die Entscheidungen treffen werden. Im Moment testen wir unsere Algorithmen, die die Verträglichkeit von jungen und älteren Menschen analysieren. Wir fügen jetzt weitere Variablen zu dem Algorithmus hinzu, um bessere Voraussagbarkeit zu erreichen. Mit jedem weiteren Kunden lernt der Algorithmus, daher ist es für uns so wichtig, mehr Kunden zu bekommen.

Dass Sie mit Ihrem Konzept junge Leute ansprechen, verstehe ich. Wie interessiert sind die älteren Menschen an Ihrem Konzept? Ältere Menschen bekommen Gesellschaft und Unterstützung im Alltag und haben mehr Kontakt zu jungen Menschen, was sich einhundert Prozent der von uns befragten Senioren regelmäßig wünschen. Wo können junge Leute mit älteren Menschen so leicht und ohne Hürden in Kontakt kommen? Eigentlich nirgendwo. Diese Spaltung zwischen den Generationen wird sich leider nicht von selbst lösen, sie wird noch zunehmen. An der Stelle bieten wir einen Ansatz zum ganz konkreten Ausgleich. Und natürlich bekommen die Senioren auch Geld für die Vermietung oder Untervermietung ihrer Zimmer. Vielen älteren Menschen reicht ihre gesetzliche Altersvorsorge nicht für ein gutes Leben. Mit uns können sie sich leicht ein paar hundert Euro im Monat dazuverdienen – und sie tun dabei noch etwas Gutes, insbesondere in Städten mit angespanntem Mietmarkt.

Jetzt mal konkret: Wie viele junge Leute wohnen bereits bei wie vielen Großjungig-Vermietern? Wir stehen ganz am Anfang unseres Weges. Aktuell haben wir die ersten Kunden, die zusammenleben, insgesamt sind es noch weniger als 100. Genaueres dürfen wir aus geschäftlichen Gründen nicht verraten.

Und wie sind die Erfahrungen? Der Großteil ist zufrieden, Mieter und Vermieter verbringen viel Zeit zusammen und sind auch zu Freunden geworden. Manche feiern Feiertage zusammen und sprechen zum Teil schon wie Großeltern und Enkelkinder miteinander. Es gibt aber auch einzelne Fälle, bei denen das Zusammenleben nicht gepasst hat. Dabei spielen häufig Gewohnheiten eine Rolle, die erst während des Zusammenlebens ersichtlich werden. Wir merken, wie überaus wichtig eine gute Kommunikation auf Augenhöhe von Beginn an ist. Der mit Abstand häufigste Grund für ein gescheitertes Zusammenleben ist, dass die Kunden ihre Erwartungen und Präferenzen nicht klar von Anfang an kommuniziert haben. Wir lernen sehr viel aus solchen Fällen und verbessern dadurch stetig unseren Service. Und ganz wichtig: Wir unterstützen die Mitwohnenden auch während des Zusammenlebens und sind mit professioneller Hilfe zur Stelle, falls Konflikte entstehen.

Auf Ihrer Website wurde ich nicht fündig: Wie finanziert sich Großjungig? Das Kernteam von Großjungig AI bekommt seit dem 1. Januar 2021 das Berliner Startup Stipendium der Berliner Universitäten. Zusätzlich dazu haben wir mittlerweile viele ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die an unsere Mission glauben, und uns mit ihrer Leidenschaft und ihren Fähigkeiten unterstützen. Wir haben großes Glück, es sind bereits jetzt mehr als 20 Menschen, darunter auch zwei erfahrene Tech-Mentoren. Ein großer Dank geht auch an Frau Haase, unsere Mentorin an der FU Berlin, die mit uns seit mehreren Monaten arbeitet. Im März 2021 haben wir außerdem unsere erste private Investition bekommen, die wir für Marketing und Kundenakquise verwenden.

Müssen Mieter oder Vermieter eine Provision bezahlen? Mieter zahlen nach erfolgreicher Vermittlung ab Tag des Einzugs eine monatliche Gebühr von 10 Prozent der Warmmiete. Senioren zahlen für das Einstellen des Angebots einmalig 50 Euro.

Für junge Leute ist der Mietwohnungsmarkt in Berlin ein Desaster. Ist Großjungig AI auch ein politisches Statement? Wir möchten mit Großjungig zeigen, dass man es besser machen und dieses Problem auf einem innovativen Weg adressiert werden kann. Wir sind fest überzeugt, dass unsere Mission der Gesellschaft tatsächlich helfen kann. Großjungig AI ist nicht per se politisch – allerdings habe ich dank meines Studiums in Politikwissenschaft das Gefühl bekommen: Wenn man wirklich etwas bewegen will, ist es besser, es als Unternehmen zu machen; Politik ist für mich zu langsam. Wir lösen unsere Probleme, indem wir sie identifizieren und dann anpacken. Bei Großjungig AI machen wird das, indem wir Generationen einander näherbringen – immer eine Person nach der anderen.

  • Text: Boris Buchholz
  • Foto: privat
  • Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@tagesspiegel.de

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