Nachbarschaft

Veröffentlicht am 22.07.2021 von Carlotta Cölln

Patriot, aber im NS-Widerstand, emotional aufbrausend und rational denkend. Erich Fellgiebel war eine vielschichtige Persönlichkeit. Seine Enkelin Barbara Fellgiebel erinnert an ihren Großvater, den sie niemals kennen lernen konnte. Sie ist aus Schweden gekommen, um bei der Gedenkveranstaltung für Fellgiebel zu sprechen. Vor 77 Jahren war Erich Fellgiebel maßgeblich am Umsturzversuch des 20. Juli 1944 beteiligt. Anlässlich des Jahrestags fand diesen Mittwoch eine öffentliche Gedenkveranstaltung in Erich Fellgiebels ehemaligem Wohnhaus in der Wrangelstraße statt.

Seine kritische Haltung gegenüber Hitler verbarg Fellgiebel kaum, man müsse auch mal seinen Kopf riskieren, wie er es ausdrückte. Er konnte sich einiges leisten – Fellgiebel war für Hitler unverzichtbar, er hatte den Nachrichtendienst revolutioniert. Er wollte, dass Deutschland mit der modernsten Kommunikationstechnik ausgestattet ist. Nachrichten konnten auch über weite Strecken übermittelt werden, jeder Panzer zum Beispiel war mit einem eigenen Funkgerät ausgestattet. Als Verantwortlicher besaß er die uneingeschränkte Befehlsgewalt über alle Nachrichtendienste des Heeres. Hitler duldete ihn aus diesem Grund, veranlasste allerdings, niemals mit ihm in einem Raum sein zu müssen. Einmal gab er zu, dass Fellgiebel niemals ein Fehler unterlaufe und nur bei ihm stets alles klappe.

Dabei bediente sich Fellgiebel in seiner hohen Position eines quasi-modernen, für die NS-Ideologie untypischen Führungsstils. So wollte er, dass seine Befehle verstanden, nicht bloß blind ausgeführt wurden. Rein menschlich galt er als umgänglich und fair. Beispielsweise sei er einen relativ langen Weg zurückgefahren, um sich bei einem Untergebenen zu entschuldigen, den er fälschlicherweise zusammengefaltet hatte, erzählt seine Enkelin. Trotz Fellgiebels Vaterlandsliebe, oder vielleicht sogar wegen dieser, habe er immer mehr Abstand zur NS-Ideologie und Hitler genommen. Bei dem Attentat war er dafür verantwortlich, die Funkverbindung kurzzeitig zu kappen. Er musste allerdings mit ansehen, wie Hitler überlebte und wurde noch am gleichen Tag verhaftet. Unter Folter habe er weder Informationen, noch Namen preisgegeben. Sechs Wochen nach seiner Festnahme und täglicher Folter wurde er gehängt. Seine Enkel hat er nie kennengelernt. Auch nicht Barbara und Amelie Fellgiebel, die Töchter seines ältesten Sohns aus erster Ehe.

Den Namen Fellgiebel haben beide behalten, sonst hätten sie auch nicht geheiratet erklärt Barbara mit einem Augenzwinkern.  Den Kontakt zu ihrem Großvater hätte es nur über ein Foto gegeben, erinnert sich ihre Schwester. Der Vater habe aber häufig über ihn erzählt. Barbara Fellgiebel hat es sich zur Aufgabe gemacht mehr über ihren Großvater zu erfahren: ihn kennen zu lernen. „Das ist so, als würde ich eine Biografie über einen mir gänzlich unbekannten Menschen schreiben“, die persönliche Verbindung habe sich erst später so richtig erschlossen. Zum Beispiel habe sie ihm zugeschriebene Charakterzüge bei sich selbst entdeckt. Durchsetzungsvermögen und Uneitelkeit, zählt sie auf.

Mittlerweile kennt sie etliche Anekdoten – wie, dass ihr Großvater stets kaltes Essen aß, da er so viel redete, bis es kalt wurde – und teilt diese mit der Welt. Sie hält Vorträge auf Deutsch, aber auch auf Englisch und Schwedisch. „Ich war erstaunt wie ahnungslos die Leute waren, und wie nach wie vor die Auffassung besteht, dass es in Deutschland keinen Widerstand gegeben hätte.“ Das Sprechen über den Krieg rühre auch Menschen, teilweise sogar zu Tränen. „Viele Menschen merken dann oft, wie glücklich sie sich schätzen können, so sicher, privilegiert oder auch frei aufgewachsen zu sein“, sagt Barbara Fellgiebel. Sie selbst findet ihre Freiheit im Garten: „Wenn ich in den Garten gehe, ist der Tag halb vorbei.“

Foto: Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf

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