Nachbarschaft

Veröffentlicht am 30.09.2021 von Boris Buchholz

Seit gut zwei Jahren ist die Steglitz-Zehlendorferin Lena Sophie Stein Bibliothekarin an der Gottfred-Benn-Stadtbücherei hinter dem Rathaus Zehlendorf. Das Revier der 25-Jährigen ist die Kinder- und Jugendbibliothek im ersten Stock – jetzt haben sie und ihre Kolleginnen und Kollegen ein Riesen-Projekt gestartet. Im Tagesspiegel-Gespräch verrät Buchexpertin Stein, um was es geht.

Frau Stein, Sie wollen mit Kindern und Jugendlichen einen Bücherturm erlesen – um was genau geht es? „Wir wollen so viele Bücher lesen, wie der Kirchturm der Pauluskirche hoch ist. Das Projekt „Bücherturm“ soll die Kinder, von Leseanfängern und Leseanfängerinnen bis erfahrene Lesende um die 13 Jahre, zum Lesen animieren, ähnlich wie der jährlich stattfindende Sommerleseclub. Die Kinderbuchautorin Ursel Scheffler hat dieses Projekt ins Leben gerufen. Das Schöne an dem Projekt „Bücherturm“ ist, dass die Kinder anhand der Höhe ihres Bücherturmes sehen können, wie viel sie gemeinsam gelesen haben. Außerdem bieten wir basteln – pandemiebedingt „to go“ – an: Die Kinder können sich Ausmalbilder, Rätsel und eine Bastelmotivation mit nach Hause nehmen.“

Der Kirchturm der Pauluskirche ist 58,5 Meter hoch, der Buchrücken eines normalen Taschenbuches ist um die 18 Zentimeter hoch und ein bis 1,5 Zentimeter breit. Wird für den Turm die Rückenbreite oder -höhe gemessen? „Für den Turm werden die Bücher an der Rückenbreite gemessen. Kinderbücher können auch dicker als 1,5 cm sein, zum Beispiel sind die Bücher der „Schule der Magischen Tiere“ von Margit Auer circa drei Zentimeter breit und „Tintenblut“ von Cornelia Funke sogar 5,5 Zentimeter.“

Also müssten um die 4.000 Bücher entliehen und gelesen werden? Bis wann soll denn das Kreut auf dem Kirchturm erreicht sein? „Es gibt für das Projekt keine zeitliche Beschränkung. Der Starttermin ist der 1. Oktober und dann wird so lange gelesen, bis wir die Turmspitze erreicht haben.“

Kann jedes Buch, auch Comics oder Lexika, in den Turm gelesen werden – und gilt vorlesen auch? „Jedes gelesene Buch zählt, egal ob Sachbuch, Comic, Roman oder Bilderbuch. Wenn die Bücher vorgelesen werden, zählt das auch, weil Kinder vom Vorlesen sehr profitieren. Denn Kindern, denen regelmäßig vorgelesen wird, erlangen unter anderem zeitiger einen großen Wortschatz und lernen auch leichter lesen, was dem Output des Projektes auch zugutekommen würde. Filme, Hörbücher und Spiele zählen aber nicht.“

Schirmherrin des Turmprojekts ist die Autorin Ute Krause. Wie kam es zu dem Kontakt? „Wir haben Frau Krause, die ja auch in Zehlendorf lebt, angefragt und sie hat zugesagt. Außerdem wird Frau Krause am 3. November um 16.30 Uhr in der Gottfried-Benn-Bibliothek lesen. Zur Lesung sind alle Interessierten herzlich eingeladen.“

Man könnte denken, Sie brauchen in Zeiten von Netflix, TikTok und Youtube mehr junge Kundschaft. Wie stark ist denn die Kinderbücherei nachgefragt? „Aktuell nutzen etwa 8.000 Kinder und Jugendliche aktiv die Gottfried-Benn-Bibliothek. Und diesen Nutzerinnen und Nutzer können wir im Kindereich etwa 27.700 Medien – das heißt Bücher, CDs und DVDs, aber auch Spiele, Tonies und verschieden Hörstifte – zur Verfügung stellen.“

Was reizte Sie denn daran, sich als junge Bibliothekarin die Kinderabteilung als Arbeitsort auszusuchen? „Kinder sind eine sehr besondere Zielgruppe. Sie sehen die Welt mit ihren Augen und lassen sich ganz schnell mithilfe von Geschichten in eine andere, fantasievolle Welt mitnehmen. Mit Kindern in einer Bibliothek zu arbeiten und diese Welten gemeinsam zu entdecken, macht großen Spaß.“

Doch dann scheint sich mit steigendem Alter der Kinder die Lust aufs Lesen manches Mal zu verflüchtigen. Woran liegt das – und wie kann die Lese-Lust aufrechterhalten werden? „Wenn die Welt für die Kinder größer wird, gibt es auch immer mehr interessante Angebote. Die Motivation am Lesen kann durch gute Bücher sowie diverse Angebote und Anreize, wie zum Beispiel ein solches Projekt, den Sommerleseclub mit der tollen Abschlussparty oder interessanten Lesungen wieder gestärkt werden. Das klappt nicht bei allen Kindern, aber viele finden ja im Erwachsenenalter dann wieder zum Lesen und in die Bibliothek zurück.“

Geben Sie mir bitte einige Buchtipps: Was sind denn bei Ihnen die Top-5 Ausleih-Renner? „Sehr beliebt sind Comic-Romane, wie zum Beispiel „Mein Lotta-Leben“ von Alice Pantermüller oder „Gregs Tagebuch“ von Jeff Kinney. Weiterhin sehr begehrt und ständig ausgeliehen sind Fantasy-Romane wie „Harry Potter“ von Joanne K. Rowling und „Warrior Cats“ von Erin Hunter. Bei den jüngeren Kindern sind immer noch die Bücher von Julia Boehme wie zum Beispiel „Conni“, die Reihe „Tafiti“ und „Beast Quest“ von Adam Blade nachgefragt. Auch immer beliebter werden Bücher zu Themen wie Nachhaltigkeit und Vielfalt in der Gesellschaft wie zum Beispiel LGBTQI+, Rassismus und Gleichstellung.“

Lesen Mädchen anderes als Jungen? „Ja, Mädchen lesen anders als Jungen. Doch die Interessen verschwimmen immer mehr. Auch bei unseren Lesungen und anderen Veranstaltungen sind die Teilnehmendenzahlen der verschiedenen Geschlechter meist ausgewogen.“

Sie sprachen gerade von Veranstaltungen: Bibliotheken wandeln sich mehr und mehr zu Kommunikationsorten und Treffpunkten. Wie wird wohl die Kinderabteilung in zehn Jahren aussehen? „Die Kinderabteilung des Gottfried-Benn-Bibliothek sollte dann mehr Aufenthaltsplätze bieten: Nicht nur für die Kinder zum Lernen, sondern auch für die Eltern und Großeltern zum Vorlesen, für Spielenachmittage und Elterngruppen und viele weitere Angebote. Wir werden auch in zehn Jahren noch physische Medien anbieten, doch ein wesentlicher Schwerpunkt sollte der Aufenthalt, die Bibliothek als Dritter Ort neben Schule und Zuhause werden. Außerdem sollten wir im Kinderbereich auch mehr auf die Digitalisierung der Gesellschaft eingehen und bereits kleinen Kindern Programmier-Workshops, Roboter-Treffs und Ähnliches anbieten können.“

Zur Zeit wird der Neubau des Rathauses Zehlendorf diskutiert; in den städtebaulichen Entwürfen wird Ihre Bibliothek in den Rathauskomplex integriert. Welche Vorteile – und welche Nachteile – hätte das? „Das ist schwer abzuschätzen, denn es ist ja wirklich ganz in der Nähe. Auf jeden Fall freue ich mich über eine schöne, helle und große neue Kinderbibliothek.“

Was ja etwas fies ist: Erwachsene dürfen anscheinend beim Kirchturmlesen nicht mitmachen. Kommt nach dem Kirchturm- das Kreisel-Projekt – für alle Altersklassen? „Das Projekt „Bücherturm“ ist ein erster Versuch. Und wenn es gut läuft und Interesse bei allen Altersklassen besteht, könnten wir einen weiteren Durchlauf mit Allen starten.“

Was könnten Sie denn beisteuern, was lesen Sie gerade? „Wissen wuchern lassen. Ein Handbuch zum Lernen in urbanen Gärten“, das Buch ist herausgegeben von Severin Halder. Das sind zwei Zentimeter Rückendicke.“

  • Wer soll hier als nächstes vorgestellt werden? Sie selbst? Jemand, den Sie kennen? Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge unter: boris.buchholz@tagesspiegel.de