Nachbarschaft

Veröffentlicht am 02.06.2022 von Boris Buchholz

Ein Auto nach dem anderen rollte am Tag vor Himmelfahrt auf den Schulhof des Willi-Graf-Gymnasiums am Ostpreußendamm: Was sonst verboten ist, war vergangene Woche unumgänglich. Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte des Goethe-, des Lilienthal- und des Willi-Graf-Gymnasiums hatten eine Spendenaktion für die Ukraine gestartet, 97 Kisten wurden schließlich gepackt, mit Listen bestückt und beschriftet. Jetzt ging es darum, die Spendenkartons zum gemeinnützigen Verein Ukraine-Hilfe in der Nathanael-Kirche am Grazer Platz zu bringen. Schließlich waren alle Kisten verstaut, eine Kolonne mit Eltern hinter den Steuern machte sich auf den Weg.

Dass es in all dem Trubel dennoch gelang, ein Gespräch mit Martha (17) vom Goethe-Gymnasium und Jaron (16) und Sven (16) vom Willi-Graf-Gymnasium sowie Kevin Leinenbach, Lehrer am Willi-Graf-Gymnasium, zu organisieren, ist das Verdienst von Julia Müller. Sie begleitete als Elternteil das Projekt für den Förderverein des Willi-Graf-Gymnasiums – ihr gilt ein großer Dank. Im Interview erklären die Schülerin und die beiden Schüler, wie es zur gemeinsamen Spendenaktion der drei Schulen gekommen ist.

Martha, Jaron, Sven, warum ist es aus eurer Sicht so wichtig, den Menschen in der Ukraine zu helfen?
Martha
: Zu helfen halten wir für selbstverständlich.
Jaron: Es sind Menschen wie wir und es wäre verwerflich, nicht zu helfen.
Martha: Im umgekehrten Fall würde ich es auch schön finden, wenn mir jemand hilft. Ich mag es, Dinge zu organisieren. Dieser Anlass ist nicht sehr schön, aber es ist eine gute Gelegenheit, um etwas zu tun.
Jaron: Der Krieg kam nicht überraschend. Putin hatte ja schon lange gedroht. Und der Krieg führt zu Aktivitäten. Und es ist einfacher, mit anderen Leuten zusammen etwas zu tun. Das ist wirkungsvoller.

Wie kam es zu der Sachspendenaktion?
Martha: Ich habe darüber von Jaron erfahren. Wir Schüler haben uns von Schule zu Schule selber informiert.
Jaron: Gleich nach Kriegsausbruch wollten wir Schüler etwas tun und unser Schulsprecher Jona ging zum Schulleiter. Daraus entstand am Willi sehr früh eine Willi-hilft-Gruppe, in der jetzt 15 Leute sind. Das sind Schüler, Lehrer, Eltern, der Schulleiter, die Schulsozialarbeiter und der Förderverein. Diese Gruppe organisiert die Hilfe. Wir haben eine Chat-Gruppe und treffen uns regelmäßig zu Zoom-Konferenzen. Gleich nach Kriegsausbruch hatten wir schon einmal zum Spenden aufgerufen. Da kamen in ganz kurzer Zeit 56 Kartons mit Sachspenden zusammen.

Hattet ihr auch mal die Idee, Geld zu sammeln und zu spenden?
Jaron: Haben wir gemacht, Geld wurde an der Schule auch gesammelt. 5000 Euro haben wir dann dem Roten Kreuz überwiesen. Danach folgte eine Aktion „Weiße Rosen für die Ukraine“.

Weiße Rosen?
Jaron: Die Weiße Rose ist ja unser Schulwappen. [Schulnamensgeber Willi Graf war Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, die Red.] Wir haben im März weiße Rosen gegen eine freiwillige Spende auf dem Kranoldmarkt in Lichterfelde-Ost verteilt. In drei Stunden haben wir 300 Rosen verteilt und dafür 2300 Euro gespendet bekommen. Dazu kamen Spenden von Eltern und Lehrern. In den ersten drei März-Wochen haben wir vom Willi mehr als 11.500 Euro gesammelt. Der Großteil wurde an den Verein Ukraine-Hilfe Berlin überwiesen. Und jetzt wollten wir einen ganzen Lkw mit Sachspenden füllen. Da kam uns die Idee, auch die Partnerschulen anzusprechen.

Woher wusstet ihr, was benötigt wird?
Jaron: Da haben wir uns an die Listen der Ukraine-Hilfe Berlin gehalten. Auf ihrer Homepage stehen immer die aktualisierten Listen, was gerade gebraucht wird. Und da wir einen Lehrer haben, der enge Kontakte über seine Familie zur Ukraine hat, haben wir hier auch immer aktuelle Infos bekommen. Die Listen haben wir dann an die anderen Schulen weitergeleitet.

Und, wie erfolgreich war das Sammeln? Wie viele Kartons wurden gepackt?
Martha: Insgesamt sind 97 Kartons von allen drei Schulen zusammengekommen: 35 Kartons haben wir vom Lilienthal gezählt, 27 vom Goethe und noch einmal 35 vom Willi-Graf. Dazu kamen noch Spenden von Isomatten, Rollatoren und Krücken.
Jaron: Die ukrainischen Schüler vom Willi-Graf-Gymnasium haben auf dem Hof noch geholfen, alle Kartons zweisprachig – in Deutsch und Ukrainisch – zu beschriften.
Martha: Leider haben wir noch keine ukrainische Klasse bei uns am Goethe. Wir hätten gerne eine, aber die vorgesehene Lehrerin ist wieder abgesprungen.

Wie viele Menschen sind und waren an der Hilfs- und Sammelaktion beteiligt?
Jaron: Vor Ort in der Schule wurden die Sachspenden im Keller gesammelt. Zwei bis drei Schülerinnen und Schüler helfen und sortieren, schreiben Packlisten und beschriften die Kartons. In den großen Pausen ist immer mindestens ein Schüler da, der Spenden entgegengennimmt. Und die Eltern spenden nicht nur, sie sind auch heute hier und fahren die Spenden zum Grazer Platz.
Martha: Bei uns am Goethe läuft die Hilfe über die Schülervertretung und die Courage-AG, die es auch schon vor dem Ukraine-Krieg gegeben hat. In dieser AG bin ich diejenige, die da viel macht. Oft fielen viele Schüler wegen Corona aus. Die Aufrufe zum Sammeln, das Schreiben von E-Mails – das mache ich. Von der Schulleitung kriege ich natürlich Unterstützung, wenn ich darum bitte. Aber es hat schon viel Arbeit gemacht, die vielen Kartons zu sortieren, die Sachspenden durchzuzählen und die Packlisten auszufüllen.

Wie bewertet Ihr denn die Lust der Leute, etwas zu spenden?
Martha: Eine Zeit lang kamen die Spenden nur sehr zögerlich. Seit zwei Wochen habe ich nochmal viel Werbung gemacht. Aber als der Abgabetermin nahte, kam dann ja doch eine ganze Menge von der ganzen Schule zusammen. Vielleicht liegt dieses zögerliche Spenden auch daran, dass wir am Goethe einmal pro Monat eine Spendenaktion an die Berliner Tafel durchführen.
Jaron: Also bei uns war das Sammeln diesmal auch erstmal mit mehr Mühe verbunden als beim ersten Mal bei Kriegsausbruch. Wir haben dann drei Tage vor dem Termin nochmal zum Spenden aufgerufen.
Sven: Ich war erstaunt, wieviel bei so einer Sammelaktion tatsächlich zu tun ist. Bewundert habe ich deshalb unseren Schulsprecher Jona. Er war immer da und hat alles vor Ort sehr gut organisiert.

Was hat Euch bei der Aktion am meisten berührt?
Jaron: Das Sammeln an sich. Die große Hilfe. Es gab Schülerinnen und Schüler, die sonst nicht helfen, die plötzlich geholfen haben.
Sven: Mich beeindruckte, wie groß die Spendenbereitschaft auch von Leuten war, von denen ich es nicht erwartet hätte.
Martha: Bedrückend fand ich Zahnbürsten. Das ist ein absoluter Alltagsgegenstand. Und so etwas soll plötzlich nicht mehr da sein, so dass so etwas gespendet werden muss? Das ging mir plötzlich sehr nah.
Julia Müller: Ich habe vorhin zugeschaut, wie die ukrainischen Schülerinnen und Schüler geholfen haben, die Kisten zu beschriften. Gesucht wurde der passende Begriff für „Verbandsmaterial“. Da ist mir unangenehm bewusst geworden, dass diese Gegenstände in ein Gebiet ein paar hundert Kilometer östlich von uns reisen werden, wo sie in einer realen Kriegssituation benutzt werden. Das hat nichts mit unserer heilen Welt zu tun. Und ist auch etwas anderes als etwas, was man nur auf dem Bildschirm sieht. Und was die Schüler gar nicht wissen: Auf der im Chat Lilli-Willi-Goethe ausgetauschten Sachspendenliste wurde die Position „Leichensäcke“ gestrichen. Das hätte wohl jeden von uns überfordert.

97 Kisten, die gingen alle zur Ukraine-Hilfe?
Jaron: Der gemeinnützige Verein unterstützt die Ukraine seit 2014 mit humanitärer und medizinischer Hilfe. Hier kann man sicher sein, dass die Spenden vor Ort an der richtigen Stelle sicher ankommen.

Und wo genau gehen die Sachspenden in der Ukraine hin?
Kevin Leinenbach: Alle Hygieneartikel gehen nach Kamjanske, einer Stadt in der Region Dnipropetrowsk. Dort kommen viele Binnenflüchtlinge an, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind. Der Kontakt zur dortigen Caritas kam über eine Mutter einer unserer Willkommensschüler zustande. Drei unserer Willkommensschüler kommen aus der Region Dnipropetrowsk. Dort hatte man zunächst nur Bedarf an Hygieneartikeln gemeldet, aber eventuell lassen sich auch noch mehr unserer Spenden dort unterbringen. Das Kriegsgeschehen ist ja sehr dynamisch, deshalb schaut die Ukraine-Hilfe auch immer, dass die übrigen Spenden dorthin kommen, wo sie gerade am meisten gebraucht werden.

Ich vermute, jetzt muss erst einmal durchgeatmet werden – oder steht schon die nächste Hilfsaktion für die Ukraine auf dem Plan?
Jaron: Wir planen nochmal eine „Weiße Rosen für die Ukraine“-Aktion. Vielleicht diesmal auf der Schloßstraße, wieder an einem Samstag, damit wir viele Leute ansprechen können.
Martha: Hoffentlich lässt die Spendenbereitschaft nicht nach. Aber der Krieg ist ja noch nicht zu Ende.

  • Fotos: Julia Müller / Rainer Leben
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