Nachbarschaft

Veröffentlicht am 18.01.2024 von Boris Buchholz

Seit 2023 ist sie Mitglied der Seniorenvertretung Steglitz-Zehlendorf: Nora Eckert ist 69, lebt in Lankwitz und ist als Autorin und Aktivistin tätig. Die Seniorenvertretung ist nicht ihr einziger ehrenamtlicher Job, sie sitzt im Vorstand des Bundesverbands Trans – queere Themen und Menschen in Steglitz-Zehlendorf sichtbar zu machen, sind ihr ein Anliegen. Wenn sie nicht gerade in politischen Gremien mitwirkt, ist sie entweder in der Berliner Philharmonie („mein zweites Zuhause“) oder in der Schorfheide („mein bevorzugtes Auslaufgebiet“) zu finden. Für sie gilt das elfte Gebot: „Gehe nie ohne Buch aus dem Haus.“

Frau Eckert, Sie wollen die queere Community im Berliner Südwesten sichtbarer machen. Ist Ihnen das schon gelungen?
Da stehen wir noch am Anfang, und eine Menge Arbeit wartet auf uns. Gefreut habe ich mich, dass ich mit diesem Vorhaben offene Türen beim Vorstand der Seniorenvertretung eingerannt bin. Wir wollen im Juni eine öffentliche Veranstaltung zum Thema Queer und Alter durchführen und bis dahin auch Klarheit haben, welche Schritte wir in Richtung Sichtbarkeit von LSBTIQ* unternehmen können.

Schöneberg ist als Regenbogenbezirk bekannt, in Steglitz-Zehlendorf gibt es kaum Angebote für trans, schwule und lesbische Menschen. Ist das ein Problem?
Solange queere Menschen mobil sind und sich andernorts nach Treffpunkten umschauen können, fällt das fehlende Angebot vielleicht noch nicht so ins Gewicht. Aber für ältere queere Menschen, die im Kiez bleiben wollen oder müssen, für die sollten wir ein Angebot schaffen.

Man könnte ja auch sagen, dass sich in einer Stadt die Aufgaben verteilen – Steglitz-Zehlendorf hat eine große Musikschule, der Nachbarbezirk eine ausgelassene Partyszene …
Natürlich ist Aufgabenteilung unter den Bezirken möglich und von Fall zu Fall vielleicht auch realistisch, aber andererseits gibt es in Steglitz-Zehlendorf Freizeit- und Begegnungsstätten, die man ebenso für LSBTIQ* bespielen könnte. Ich denke, das Publikum kommt mit dem Angebot.

Apropos Partyszene: Mit dem Begriff „queer“ werden oft junge Leute verbunden. Gehen die älteren Queeren etwas in der öffentlichen Wahrnehmung unter?
Mit Sicherheit ist das so. Es hat auch geschichtliche und biografische Hintergründe. Ältere Schwule und Lesben und ebenso trans*Personen kommen ja aus rechtlosen Zeiten. Als sie jung waren, wurden sie kriminalisiert und im Alltagsleben nicht selten diskriminiert und benachteiligt. Oft war nur das sogenannte „Leben im Schrank“ möglich, also versteckt, nicht sichtbar zu leben. Das kann ein Grund sein, in dieser Unsichtbarkeit geblieben zu sein. Aber die Menschen gibt es – und es sind nicht wenige.

In einem Interview im Sommer sagten Sie im Tagesspiegel, dass viele ältere Queere mit dem Begriff queer nichts anfangen könnten. Warum nicht?
Queer ist tatsächlich ein relativ neuer Begriff und bezeichnet Menschen aus dem LSBTI-Spektrum. Er wird mehr mit Jugendkultur in Verbindung gebracht, aber ich persönlich finde ihn praktikabler als das LSBTI. Ältere Menschen bleiben da eher bei ihren gewohnten Bezeichnungen: homosexuell oder schwul und lesbisch.

Wie sähe denn eine queere Seniorenpolitik im Bezirk aus?
Das wäre eine Politik, die queere Menschen bei allen relevanten Fragen mitdenkt – also wo es um Freizeitangebote und gesellschaftliche Teilhabe geht, wo es um Einrichtungen der Altenhilfe bis hin zum Thema Pflege geht. Sichtbarkeit, wie ich sie verstehe, heißt ja nicht, dass sich die Menschen in einem Dauerouting befinden, sich dauernd erklären müssen, sondern dass sie ganz einfach und selbstverständlich mitgedacht werden.

Was wünschen Sie sich von Ihren Mit-Seniorenvertreterinnen und -vertretern?
Dass sie alle mit im Boot sind.

Und wie müsste sich die Seniorenvertretung aufstellen, um die queeren Älteren besser mitzudenken?
Sie müsste es als Querschnittsthema annehmen und überall dort, wo nötig, Überzeugungsarbeit leisten, beispielsweise spezifische Freizeitangebote ins Programm zu nehmen. Zwei Beispiele: In der Freizeitstätte Süd am Teltower Damm gibt es schon länger einen schwul-lesbischen Stammtisch. Einen solchen Stammtisch gibt es inzwischen auch im Maria-Rimkus-Haus in Lankwitz. Davon könnte es im Bezirk mehr geben und vor allem sollten die Einrichtungen unterstützt werden, das Angebot auch bekanntzumachen.

Was ist wichtiger: fixe Anlaufpunkte für queere Menschen oder viele Veranstaltungen, die für alle offenstehen?
Feste Treffpunkte wären auf jeden Fall ein sinnvoller Anfang. Daraus könnte sich weiterer Bedarf entwickeln. Wir müssen herausfinden: Welche Bedürfnisse gibt es, welche Aktivitäten sind erwünscht und möglich? Dazu soll auch die Veranstaltung im Juni dienen.

Braucht es in Steglitz-Zehlendorf zum Beispiel ein Senioren-Wohnprojekt speziell für Menschen unter dem Regenbogen?
Das wäre natürlich eine wunderbare Sache. Aber eine Seniorenvertretung kann das nicht leisten. Wie die Wohnprojekte der Schwulenberatung und von Rad und Tat zeigen, ist es wahnsinnig kompliziert, bis eine solche Initiative Wirklichkeit wird.

„Ich kenne im Bezirk nichts, wo man sich als queerer Mensch treffen könnte“, sagte eine Lichterfelder Schülerin im vergangenen Jahr dem Tagesspiegel. Haben Sie vielleicht einen Tipp?
Also, außer den beiden genannten Stammtischen in Zehlendorf und Lankwitz, die allerdings ältere Menschen als Zielgruppe haben, kenne ich auch nichts.

Queerfeindlichkeit ist in Berlin ein großes Thema: Wie erleben Sie die Situation in Steglitz-Zehlendorf?
Ich persönlich fühle mich sicher. Und das Problem liegt auch nicht bei der Mehrheitsgesellschaft. Die ist mehrheitlich aufgeschlossen. Es sind Einzelne oder Gruppen, von denen Queerfeindlichkeit ausgeht. Zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, kann am Ende nicht verhindert werden. Entscheidend ist dabei, wie solidarisch sich die anderen in bestimmten Situationen verhalten.

  • Fotos: Meike Kenn / Cathrin Bach
  • Welche Nachbarin, welchen Nachbarn sollen wir vorstellen? Senden Sie Ihre Vorschläge gerne an boris.buchholz@tagesspiegel.de.