Nachbarschaft

Veröffentlicht am 25.01.2024 von Boris Buchholz

Am Sonntag demonstrierten über 100.000 Menschen vor dem Berliner Reichstag für die Demokratie und gegen Rechtsextremismus. Eine von ihnen war Wanda Hummel aus Zehlendorf, wir begegneten uns auf der Rückfahrt in der S-Bahn. Zwei Plakate hatte sie in den Händen, ihre Kinder saßen auf der Nachbarbank. Ihr Beruf passt zum Anliegen, für eine demokratische und menschenfreundliche Gesellschaft zu werben: Sie arbeitet für das Zentrum für Internationale Friedenseinsätze der Bundesrepublik Deutschland. Ein Interview zwischen Zehlendorf und Wannsee.

Frau Hummel, Sie waren eben auf der Demonstration gegen Rechtsextremismus. Was steht auf Ihren Plakaten?
Wir haben zwei Plakate dabei. Eines haben heute die Kinder gemacht, da steht „Bunt statt braun“ drauf. Und auf dem zweiten steht: „Für Risiken und Nebenwirkungen wählen Sie Nazis oder Faschisten.“

Warum war es für Sie heute wichtig, zur Demo zu gehen?
Natürlich haben uns die Recherchen, die von Correctiv veröffentlicht wurden, noch einmal aufgerüttelt. Und wir fanden es echt wichtig, dass wir nicht die schweigende Mehrheit sind. Wir wollten unseren Kindern später nicht erklären müssen, dass wir nichts gemacht haben. Es ist wie beim Klimawandel, wenn der Kipppunkt kommt – man muss vorher etwas tun. Wir müssen jetzt aufstehen, um zu sagen: Wir sind auch hier und wir haben eben nicht die Meinung, die kolportiert wurde.

Sie sprachen eben von ihren Kindern. Mit vielen Kindern waren Sie auf der Demo?
Wir sind mit Freunden unterwegs und waren jetzt mit fünf Kindern demonstrieren. Davon sind zwei unsere eigenen.

Ist es eine gute Idee, die Kinder zum Protest mitzunehmen?
Ja, unbedingt. Ich finde das total wichtig, damit sie sehen, dass man auf die Straße gehen kann – und zwar für etwas Gutes. Dass sie wissen, dass man in einer Demokratie aufstehen und seine Meinung nach außen tragen kann. Manchmal können Demonstrationen mit vielen Menschen, Sprechchören oder Traktorenlärm ja auch beängstigend sein. Aber sie haben heute gesehen – auch auf unseren Schultern –, dass vor dem Reichstag viele Menschen und auch viele Familien da waren und eine ganz tolle Stimmung herrschte. Das bringt ihnen das Verständnis dafür, dass wir alle gemeinsam dafür einstehen, dass jede und jeder in der Gesellschaft seinen Platz hat.

Wie alt sind Ihre Kinder?
Vier und sieben.

Was für ein Gefühl gibt es Ihnen, dass eben 100.000 Menschen auf den Beinen waren?
Das finde ich super. Es war auch wirklich eine schöne Stimmung, ganz friedlich und wohlwollend. Auch jedes Alter war vertreten. Allerdings hätte ich erwartet, dass sogar noch mehr Leute kommen – einfach angesichts dessen, was andere Städte hinbekommen haben. Aber es war ein guter Start.