Intro

von Judith Langowski

Veröffentlicht am 27.02.2018

da sag noch einer, die Bezirksverordneten seien nicht kreativ. Am vergangenen Mittwoch mussten sie eine Lösung finden, um die monatliche öffentliche Bezirksverordnetenversammlung im Rathaus Schöneberg möglich zu machen – denn: die Mikrofonanlage fiel aus. Eine Stunde lang tüftelten Stadträte, Verordnete und Techniker des Rathauses, bis schließlich eine mobile Anlage und Mikrofon in den Saal gerollt wurden. “Jetzt fangen die Stadträte an zu rappen”, raunte eine Frau neben mir. Das fiel leider aus – lag es an der Akustik?

Die Sitzung fand statt, wenn auch verkürzt. Zwischenzeitlich hatte sich der Ältestenrat versammelt, die Beschlussliste wurde von den Verordneten abgesegnet (dazu mehr in den verschiedenen Rubriken weiter unten). Auf große Anfragen und die meisten Tagesordnungspunkte verzichteten die Verordneten. Die Einwohner*innen, die sich eingefunden und eine Stunde gewartet hatten, um ihre Fragen der BVV zu stellen, sollten aber nicht umsonst gekommen sein. Zu ihren Themen später mehr.

Der erste Tagesordnungspunkt war aber der verwunderlichste und ehrlichste der gesamten Versammlung: Karsten Franck, Fraktionsvorsitzender der AfD in der BVV Tempelhof-Schöneberg, betrat das kleine Podium und sprach in das Mikrofon. Er sprach die Bezirksverordneten an, jedoch nicht in seinem Namen, sondern in dem seines Kollegen, des Verordneten Nico Wittmann. Dieser bat die Verordneten, ihn “ab sofort ausschließlich mit “Herr Wittmann”” anzusprechen und auch schriftlich den männlichen Namen “Nico Wittmann” zu benutzen. Das war früher anders: Geboren war Wittmann nämlich als Nina, ihm wurde bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugeordnet. Nun machte Nico Wittmann auch öffentlich, in der großen Runde der Bezirksverordneten bekannt: “Ich bin transsexuell und das nicht erst seit gestern.” Franck trug die Rede vor, da Wittmann verhindert war. In der Rede sprach Wittmann auch davon, wie schwer ihm “dieser Umstand” psychisch zusetzte und bat die Versammlung, seine Ausfallzeiten daher zu entschuldigen.

In unserer Gesellschaft, wo der Ausdruck, man fühle sich nicht dem Geschlecht zugehörig, das einem oder einer bei der Geburt zugeordnet wurde, immer noch für großes Unverständnis sorgt, ist es ein mutiger Schritt von Wittmann, dies öffentlich bekannt zu machen. Die Tatsache, dass die AfD-Fraktion die persönlichen Umstände ihres Mitglieds toleriert und akzeptiert, sollte im ersten Moment nicht verwundern. Schließlich betrifft Transsexualität viele Menschen in Deutschland und nun auch 1/6 der AfD-Fraktion in der BVV Tempelhof-Schöneberg. Die Geschlechterrollen, die uns ab der Geburt antrainiert werden, zu hinterfragen und zu überwinden ist mutig.

Doch so ganz akzeptiert ist der Umstand wohl nicht: Auf der Webseite der AfD-Fraktion steht noch immer der Name “Nina Wittmann”. Und in der Öffentlichkeit poltert die Partei gegen “Genderwahn” und sexuelle Vielfalt. Die Berliner AfD kritisiert zum Beispiel scharf einen Leitfaden für Kindertagesstätten, darüber, wie Kinder an Fragen über Geschlecht und Sexualität herangeführt werden können, und möchte stattdessen am „traditionellen Familienbild“ festhalten. Nur: da dieses Familienbild zwar „traditionell“ aber nicht naturgegeben ist, können oder wollen da nicht alle mitmachen. Hätte es diesen Leitfaden schon in der Zeit gegeben, als Wittmann einen Kindergarten oder die Schule besuchte, würden die psychischen Folgen des “Umstands” für ihn vielleicht weniger gravierend ausfallen. Vielleicht kann, wenn früh damit angefangen wird, auch Kindern schon gezeigt werden, dass die Regeln, nach denen wir uns “als Mann” oder “als Frau” fühlen, auch nur von uns, als Gesellschaft, aufgestellt wurden – und deshalb gebogen und gebrochen werden können.

Judith Langowski ist Redakteurin der Leute-Newsletter. Kritik, Anregungen und Wünsche bitte per Twitter oder an leute-j.langowski@tagesspiegel.de.

Anzeige