Intro

von Sigrid Kneist

Veröffentlicht am 02.05.2018

keine Sternstunde des politischen Journalismus, aber eins der seit Jahrzehnten unvergessenen Interviews. Eine halbe Minute müht sich 1972 der politische Korrespondent Friedrich Nowottny, später WDR-Intendant, ab, Willy Brandt eine vernünftige Antwort abzuringen. Das einzige, was er vom Bundeskanzler zu hören bekommt, ist zweimal ja, einmal nein und einmal doch. Die Fragen waren nicht gut gestellt. Jeder Journalismusanfänger weiß, dass man am besten so fragt, dass sie eben nicht mit ja oder nein, sondern inhaltlich beantwortet werden müssen. Das gleiche gilt für parlamentarische Anfragen oder Anfragen der Bezirksverordneten. Oft beschleicht einen das Gefühl, dass die Befragten bei Auskunftsbegehren der Opposition jede Schwäche der Frage ausnutzen, um so nichtssagend wie möglich antworten zu können. Was für eine Verschwendung von Ressourcen! Und dass vielleicht auch interessierte Bürger ein Interesse haben könnten, scheint den Antwortenden schon gar nicht in den Sinn zu kommen.

Ein Beispiel dafür ist die Antwort des Schulstadtrats Oliver Schworck (SPD) auf eine Kleine Anfrage der FDP-Verordneten Dagmar Lipper zu Extremismus an Schulen. Sie wollte unter anderem wissen, an welchen Schulen es Fälle von Antisemitismus gab. Lapidare Antwort: „Es gab Fälle an einzelnen Schulen“. Sie fragte außerdem, welche Schulen ihren Eingang während des Unterrichts sichern. Anwort: „07G01, 07K10 Schultür verschlossen, Einlass nur durch Klingeln“.  Auf keinen Fall zu viel verraten. Übrigens hinter den Ziffer-Buchstaben-Kombinationen verbergen sich die Spreewald-Grundschule in Schöneberg und die Friedrich-Bergius-Sekundarschule in Friedenau.

Leider kann ich die Antwort wie üblich hier nicht verlinken, da das Programm des Bezirks das nicht zulässt.

Sigrid Kneist arbeitet seit 1990 als Redakteurin in der Berlin-Redaktion des Tagesspiegels. Vor 20 Jahren hätte sie sich nicht vorstellen können, dass sie ein Jahr später aus dem Kreuzberger Graefekiez nach Mariendorf ziehen und dort bis heute bleiben würde. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihr bitte eine E-Mail an leute-s.kneist@tagesspiegel.de

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