Intro

von Sigrid Kneist

Veröffentlicht am 12.06.2018

in seiner Sitzung in der vergangenen Woche hat sich der Rat für deutsche Rechtschreibung noch nicht auf eine Empfehlung für eine geschlechtergerechte Sprache einigen können. Frühestens im November soll es jetzt eine Entscheidung geben, ob Genderstern oder Gender-Gap, liebe Leser*innen oder liebe Leser_innen, amtlich werden können. Unser Bezirksamt versucht bereits seit einiger Zeit, in Veröffentlichungen ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass bei Geschlechtern nicht nur nach „Mann“ und „Frau“ unterschieden werden kann, und nutzt deswegen den Gender-Gap, um wirklich alle Menschen ansprechen zu können. Politisch ein wichtiges Anliegen, das ich auch unterstütze.

Ich persönlich halte beim Schreiben jedoch nicht so viel von Genderstern oder -Gap. Mein Hauptkritikpunkt ist vor allem, dass dadurch Frauen – nunmal mehr als die Hälfte der Bevölkerung – zu einem Anhängsel degradiert werden, das nicht einmal mehr mit dem Wortstamm direkt verbunden ist. Außerdem erscheint mir der Genderstern als Bezeichnung für ein weder als Mann noch als Frau definiertes Geschlecht nicht passend, es hat etwas von einem Maskottchen. Den Gap finde ich noch unpassender, da er durch den Unterstrich einfach eine Lücke bezeichnet. Außerdem ist der Begriff Gender-Gap nicht eindeutig: In der Ökonomie wird so der Einkommensunterschied zwischen Mann und Frau benannt. Wie schwer es ist, das auch vom Bundesverfassungsgericht geforderte dritte Geschlecht zu benennen, wurde jetzt beim Gesetzentwurf des Bundesinnenministeriums deutlich. Dort hießen die drei Geschlechter: Mann, Frau, weiteres. Kritik an diesem dürftigen Vorschlag ließ nicht auf sich warten, wie mein Kollege Tilmann Warnecke schreibt.

Weder Stern noch Gap lassen sich sprechen. Die kurze Pause, die manche zwischen „Leser“ und „innen“ – um beim Beispiel zu bleiben – einlegen, ist kaum wahrzunehmen. Und wenn doch, klingt es für mich komisch, manchmal klingt es fast wie eine Ortsangabe. Die Leser innen – „und was ist mit denen außen?“, könnte man da fragen. Aber viel wesentlicher ist auch dabei, dass die Lücke die weibliche Endung vom Wortstamm trennt (siehe oben).

Seit mehr als 30 Jahren beschäftige ich mich immer wieder mit dem Thema. Eigentlich gibt es für mich nur eine geschlechtergerechte Form: Das ist die weibliche, sie vereint nämlich alle Formen. Ich verwende sie hier dennoch nicht, da die Sprachentwicklung nicht so weit ist, dass unmissverständlich wäre, dass alle Geschlechter gemeint sind. Als Journalistin ist mir an einer klaren Sprache und an Verständlichkeit gelegen, auch wenn es manchmal unbefriedigend ist.

Sigrid Kneist arbeitet seit 1990 als Redakteurin in der Berlin-Redaktion des Tagesspiegels. Vor 20 Jahren hätte sie sich nicht vorstellen können, dass sie ein Jahr später aus dem Kreuzberger Graefekiez nach Mariendorf ziehen und dort bis heute bleiben würde. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihr bitte eine E-Mail an leute-s.kneist@tagesspiegel.de

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