Intro

von Sigrid Kneist

Veröffentlicht am 18.12.2018

wenn es um Tiere, um Tierliebe oder – besser – um vermeintliche Tierliebe geht, wird die Diskussion schnell emotional und unsachlich. So wie derzeit in der Debatte um das Damwild-Gehege im Franckepark zu beobachten, zuletzt in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) am vergangenen Mittwoch. Seit sich Bürger gegen die Pläne aussprechen, das Damhirsch-Rudel in ein Wildgehege in Brandenburg umzusiedeln, erheben viele Bezirksverordnete von CDU, FDP und AfD laut ihre Stimme. Die von der Grünen-Stadträtin Christiane Heiß immer wieder vorgetragene Begründung, dass im Franckepark eine artgerechte Haltung und eine Ausweitung des Geheges nicht möglich seien, halten sie entweder in Teilen „objektiv nicht für nachvollziehbar“ (Christan Zander, CDU) oder „für politisch motiviert“ (Karsten Franck, AfD).

Wem allein das Argument, dass die Tiere dort nicht artgerecht gehalten werden, zu schwach oder abstrakt erschien, könnte spätestens bei den Worten des Grünen-Fraktionsvorsitzenden Rainer Penk ins Nachdenken kommen. Penk berichtete von vier Tieren, die seit 2002 durch menschliches Fehlverhalten ums Leben gekommen waren: Ein Hirsch wurde 2002 mit einem Messer attackiert und mit einer Plastiktüte überm Kopf malträtiert. Ein anderes Tier wurde 2004 zu Tode gehetzt – wahrscheinlich durch einen Hund, bei der Obduktion fand man in seinem Magen ein Kilogramm Plastiktüten. Ein Tier wurde 2014 durch einen Hundebiss so schwer verletzt, dass es eingeschläfert werden musste. Ein anderes starb an einer chronischen Entzündung, vermutlich ausgelöst durch im Pansen gefundene Kunststoffteile. Darüber hinaus kommt es immer wieder vor, dass Menschen ins Gehege klettern und die Tiere in Panik versetzen sowie das Gelände mit Abfall vermüllen.

Das sind Tatsachen, die man eigentlich nicht einfach wegdiskutieren kann. Geschieht in der BVV-Debatte aber doch. Dagmar Lipper (FDP) beispielsweise kritisierte, dass „Fakten zum Tierwohl gegen die emotionalen Bedürfnisse“ der Anwohner ausgespielt werden. Man müsse dieses Thema nicht „nach Paragrafen, sondern politisch entscheiden“.

Beschlossen hat die BVV dann einen Antrag der Linken: Bevor eine endgültige Entscheidung umgesetzt wird, muss es auf jeden Fall erst eine Einwohnerversammlung geben, um vielleicht doch noch andere Möglichkeiten auszuloten und dem Informationsbedürfnis gerecht zu werden. Die Kommunikation mit den Bürgern hätte wahrscheinlich besser laufen können/müssen. Die Versammlung wird voraussichtlich im Februar stattfinden. Darüber hinaus wird es eine Infoveranstaltung des Straßen- und Grünflächenamtes zu den vier Parkanlagen in Tempelhof inklusive Rundgang durch Bosepark, Lehnepark, Alter Park und Franckepark geben. Geplant ist diese Veranstaltung für Januar.

Die beste Lösung wäre wohl gewesen, wenn man im Bezirk ein anderes geeignetes Gelände für die Hirsche gefunden hätte. Die Suche der Stadträtin war aber ohne Erfolg.

Sigrid Kneist arbeitet seit 1990 als Redakteurin in der Berlin-Redaktion des Tagesspiegels. Vor 20 Jahren hätte sie sich nicht vorstellen können, dass sie ein Jahr später aus dem Kreuzberger Graefekiez nach Mariendorf ziehen und dort bis heute bleiben würde. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihr bitte eine E-Mail an leute-s.kneist@tagesspiegel.de