Intro

von Sigrid Kneist

Veröffentlicht am 26.03.2019

diese Diskussion stand schon ganz zu Beginn meiner journalistischen Karriere auf der politischen Tagesordnung. Allerdings wurde 1987, als ich mein Volontariat beim Tagesspiegel begann, unter völlig anderen politischen Voraussetzungen über den Schichauweg und die Erhaltung der Marienfelder Feldmark gesprochen und gestritten.

Lange war das Thema aus der überregionalen Wahrnehmung verschwunden, regional in Marienfelde und Lichtenrade verstummten die Stimmen natürlich nicht. Aber in der vergangenen Woche ploppte die politische Diskussion wieder auf. Die SPD brachte einen Antrag in die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) ein: Der Schichauweg soll nach Westen hin eine Verlängerung finden, um eine Verbindung zur B 101 südlich der Stadtgrenze zu schaffen. Damit könnte das Gewerbegebiet Motzener Straße besser verkehrlich angebunden werden. Das Land Berlin solle entsprechende Sondierungen mit Brandenburg aufnehmen.

Die Marienfelder und Lichtenrader wissen es, eine solche Strecke würde durch die Marienfelder Feldmark führen, eine der letzten nicht bebauten Ackerflächen im Süden Berlins. Noch vor zwei Jahren beschloss die BVV, dass das Gelände Naturschutzgebiet werden soll und das Bezirksamt einen entsprechenden Antrag bei der Senatsumweltverwaltung stellt. Das erklärte damals auch Umweltstadtrat Oliver Schworck (SPD). Das Unternehmensnetzwerk Motzener Straße spricht sich für eine solche Straßenverbindung schon seit längerem aus, da die Anbindungsprobleme des Gewerbegebiets offensichtlich seien. Die Unternehmer-Initiative stieß im Bezirk in den letzten Jahren auf Ablehnung. „Wir setzen uns dafür ein, dass dieser Vorschlag unter Einbeziehung aller Interessen diskutiert wird“, heißt es jetzt  in einer Stellungnahme des Netzwerks. „Wir erwarten, dass die Straßenführung in Abstimmung mit dem Landkreis Teltow-Fläming naturverträglich gestaltet werden kann – ohne Beeinträchtigung der Feldmark.“

Der Interessenskonflikt mit schützenswerten Naturflächen ist der SPD klar. Im Antrag heißt es deswegen: „Die Straße soll eng am örtlichen Bedarf dimensioniert werden und keine weiträumigen Verkehre zusätzlich anziehen. Die Belange des Natur- und Landschaftsschutzes (Mauerstreifen, Feldmark) sollen bei der Projektierung von vornherein besonders berücksichtigt werden.“ Darauf verweisen die Sozialdemokraten auch in einem offenen Brief an die Bürgerinitiative, mit der sie in einen Dialog treten wollen.

Bei den Parteien im Bezirk macht vor allem die CDU gegen den Vorstoß der Sozialdemokraten mobil: „Eine Stichstraße bedeutet deutlich mehr Autos und insbesondere Güterkraftverkehr. Das heißt mehr Lärm, Feinstaub und Stickoxide“, sagt der aus Lichtenrade stammende CDU-Bundestagsabgeordnete Jan-Marco Luczak. „Die Feldmark ist aber ein wertvoller Lebensraum für Tiere und seltene Pflanzen. Sie dient vielen Menschen in Lichtenrade und Marienfelde als Naherholungsgebiet. Diese grüne Idylle darf nicht zerstört werden!“

Die Grünen-Fraktion in der BVV spricht sich ebenfalls gegen die Straßenbaupläne und für eine Erhaltung der Feldmark aus. „Mit einer solchen Straße werden die vorhandenen Probleme des Wirtschaftsverkehrs nicht gelöst, sondern nur anders verteilt“, heißt es in einer Erklärung. Die vorhandenen Probleme beträfen den gesamten Süden des Bezirks mit den beiden Bundesstraßen 101 und 96 und den West-Ost-Verbindungen zwischen diesen beiden Trassen: „Daher lassen sich die Probleme nur im Kontext lösen, nicht mit der Ausweitung des Straßenangebots an einer einzelnen Stelle.“ Der Linken-Abgeordnete Harald Gindra sieht noch viele unbeantwortete Fragen: „Für mich hat erst die Debatte richtig begonnen.“ Womit er recht haben dürfte.

So, und jetzt noch schnell einen Exkurs in die Vergangenheit. In den achtziger Jahren war an der Stelle nämlich von der Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl (CDU) ein neuer Grenzübergang zur DDR geplant worden. Aber es regte sich Protest dagegen von der Bürgerinitiative „Rettet die Marienfelder Feldmark“. Der Tagessspiegel berichtete am 16. Mai 1989: „Die Bürgerinitiative „Rettet die Marienfelder Feldmark“ hat an Erich Honecker und den Bonner Kanzleramtsminister Rudolf Seiters appelliert, den geplanten „Südübergang“ zu verlegen – aus Naturschutzgründen. Der Grenzübergang soll am Schichauweg entstehen. Honecker wird darüber hinaus gebeten, den Kontakt zu Gleichgesinnten aus Mahlow und Großbeeren herzustellen, damit man sich gemeinsam und grenzüberschreitend für „die letzten Reste der Natur am Rande der Großstadt Berlin“ einsetzen könne.“

Der damalige rot-grüne Senat beschäftigte sich eingehend mit dem Thema; es wurde Bestandteil der Koalitionsvereinbarungen, wie sich der heutige Grünen-Europaabgeordnete und damalige Verkehrsexperte der Fraktion, Michael Cramer, erinnert. Im Tagesspiegel stand damals, dass sich Rot-Grün auf Nachverhandlungen mit der DDR geeinigt habe. Ein halbes Jahr später waren die Planungen für einen Grenzübergang mit dem Fall der Mauer ohnehin obsolet.

Sigrid Kneist arbeitet seit 1990 als Redakteurin in der Berlin-Redaktion des Tagesspiegels. Vor 20 Jahren hätte sie sich nicht vorstellen können, dass sie ein Jahr später aus dem Kreuzberger Graefekiez nach Mariendorf ziehen und dort bis heute bleiben würde. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihr bitte eine E-Mail an leute-s.kneist@tagesspiegel.de

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