Intro

von Sigrid Kneist

Veröffentlicht am 25.05.2021

in Sachen Straßenumbenennungen ist in der Bezirksverordnetenversammlung in den vergangenen Monaten vieles, fast alles schiefgelaufen. Das Vorgehen der Fraktionen zeugt nicht von einem professionellen Politikstil. Seit Grüne, CDU und FDP Anfang Januar die Umbenennung des Kaiser-Wilhelm-Platzes in Richard-von-Weizsäcker-Platz durchgedrückt haben, ist über dieses Thema keine sachliche Diskussion in der BVV mehr möglich. Die Sozialdemokratinnen und -demokraten sind in einem Kampfmodus, der oftmals im Ton der Sache nicht gerecht wird.

Vage Beteiligung gefordert. Allerdings haben auch die drei Fraktionen ihr durchaus berechtigtes Anliegen, den ehemaligen Bundespräsidenten im Stadtbild zu ehren, reichlich ungeschickt vorangebracht. Sie beschlossen mit ihrer BVV-Mehrheit flott die Umbenennung des Platzes, im gleichen Atemzug aber auch, dass die Bürger angemessen beteiligt werden sollen. Aber woran? An der Anzahl der Straßenschilder, der Höhe der Anbringung, dem Design? Am Namen ja nun nicht mehr, der ist schon entschieden. Mehr zum Thema Richard-von-Weizsäcker-Platz lesen Sie unter Namen und Neues.

Ein Eklat. Aber diese Pannen und Streitereien erscheinen nebensächlich, wenn man sich die Haltung und den Redebeitrag der AfD-Fraktion in einem anderen Fall anschaut. Die Fraktionen von SPD und Linken hatten beantragt, der Grünanlage an der Apostel-Paulus-Straße, von Anwohnern Maikäferplatz genannt, einen offiziellen Namen zu geben. Der Vorschlag: „Mali-und-Igel-Platz“, nach den Betreiberinnen eines in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts berühmten lesbischen Clubs gleichen Namens. Amalie Rothaug und Elsa Conrad – Mali und Igel waren ihre Spitznamen – wurden von den Nationalsozialisten verfolgt, der Club geschlossen (mehr dazu unter „Namen und Neues“). Für den AfD-Verordneten Lothar Mundt, einen promovierten Literaturwissenschaftler, gehört die Initiative von SPD und Linken „zu den fragwürdigen Straßenbenennungsanträgen, mit denen bestimmte politische Gruppeninteressen“ durchgesetzt werden sollen.

Kein Missverständnis, bewusste Argumentation. Er begründet die Ablehnung des Antrags durch seine Fraktion unter anderem so: „Dass das Lokal von den Nationalsozialisten geschlossen wurde und seine Inhaberinnen politisch und rassisch verfolgt wurden, rechtfertigt unseres Erachtens noch keine Straßen- oder Platzbenennung.“ An dieser Aussage gibt es nichts misszuverstehen, wie es der AfD-Fraktionsvorsitzende Karsten Franck wenig später relativieren wollte. Diese Aussage ist abscheulich und wird auch nicht weniger schlimm durch den AfD-Vorschlag, am ehemaligen Ort des Damenclubs mit einer Gedenktafel an den Beginn der lesbischen Subkultur zu erinnern. Die FDP-Bezirksverordnete Dagmar Lipper nannte den Vorschlag „unredlich“, da es das Gebäude gar nicht mehr gebe.

Die Folge. Die Grünen, die zunächst eine Überweisung des Themas in den Kulturausschuss beantragt, bei der Abstimmung darüber aber aus Versehen dagegen gestimmt hatten, unterstützten anschließend ebenso wie die FDP den Antrag der SPD und der Linken. Die Grünfläche wird künftig den Namen „Mali-und-Igel-Platz“ tragen. Eine verdiente Ehrung, wenn auch spät, für die Vorkämpferinnen der lesbischen (Sub-)Kultur.

Sigrid Kneist arbeitet seit 1990 als Redakteurin in der Berlin-Redaktion des Tagesspiegels und lebt seit Mitte der neunziger Jahre in  Mariendorf. Wenn Sie Anregungen, Kritik, Wünsche, Tipps haben, schreiben Sie ihr bitte eine E-Mail an leute-s.kneist@tagesspiegel.de