Kiezkamera

Veröffentlicht am 26.10.2021 von Sigrid Kneist

Kunst vor dem Abriss. Dieses großflächige Porträt auf dem ehemaligen AOK-Gebäude an der Pallasstraße/Gleditschstraße entstand in der vergangenen Woche. Anwohner – einer von ihnen schickte mir das Foto – fragten sich, wen das Wandgemälde wohl darstellen soll. Wie mir die Eigentümerin des Grundstücks, die Immobilienentwicklungsfirma Diamona & Harnisch, mitteilte, entstand das Porträt im Rahmen der Aktion „Augen auf Beton“.

Mit diesem stadtweiten Kunstprojekt soll den vielen verschiedenen Menschen, die das neue Berlin bauen und hier auf den zahlreichen Baustellen arbeiten, ein Gesicht gegeben werden. Porträts sind auf Planen an den Bauzäunen und auf Häuserfassaden an etlichen Standorten in der Stadt zu sehen. Auf der Homepage von „Augen auf Beton“, kann man sehen, wer diese Männer und Frauen sind. In Videos erzählen sie, wo sie herkommen, was sie machen, erlebt haben und wie sie ihren Beruf sehen. Immer wieder sollen in Pop-up-Aktionen neue Porträts in der Öffentlichkeit zu sehen sein.

Das Bild in Schöneberg. Es zeigt den aus Albanien stammenden Industriemechaniker Mirian M. Der heute 34-Jährige musste im Alter von zehn Jahren während des albanischen Bürgerkriegs mit seiner Familie nach Griechenland fliehen. Von seinen damaligen Erlebnissen – Tote auf den Straßen, überall Menschen mit Kalaschnikows – erzählt er im Video. In Griechenland fand die Familie Zuflucht, aber seine Kindheit war vorbei, er arbeitete für wenig Geld, gab alles für die Familie und die Ausbildung seiner Schwestern ab. 2012 kam M. nach Deutschland.

Seine Arbeit. Er fand schnell eine Arbeit auf dem Bau, schloss in wenigen Jahren zwei Ausbildungen ab, die eine zum Industriemechaniker, die andere zum Fachmonteur. Ob M. irgendwann wieder nach Albanien zurückgeht, weiß er nicht. Jetzt empfindet er Deutschland als seine Heimat, hier lebt er mit seiner Familie. Er will „dem Land, das ihm nicht nur eine Heimat, sondern eine Perspektive und zwei Ausbildung ermöglicht hat, das zurückgeben, was es in ihn investiert hat. Mit ganzem Herzen – und Gefühl“, heißt es bei Augen auf Beton. Alles über das Projekt erfahren Sie auf augenaufbeton.berlin. M.s Video können Sie hier auf Youtube sehen.

Wie lange bleibt das Bild? Laut D & H soll das Porträt bis zum Abriss des Gebäudes zu sehen sein. Das Unternehmen plant dort ein großes Wohnprojekt namens „Am Winterfeldt“, über das ich bereits mehrfach berichtet habe, zuletzt im August. Inzwischen gibt es dort eine neue Entwicklung: Wie mir eine Sprecherin der Senatsbauverwaltung heute mitteilte, hat die Senatsverwaltung jetzt im Zuge eines Widerspruchsverfahrens eine Baugenehmigung für das Bauvorhaben erteilt. Der Bezirk hatte diese im vergangenen Jahr unter anderem versagt, da er das Projekt für überdimensioniert hält. Die Bauherrin möchte 22.000 Quadratmeter Geschossfläche bauen, der Bezirk hielt nur 17.000 für genehmigungsfähig. Diamona & Harnisch legten Widerspruch bei der Senatsverwaltung ein. Deren jetzige Entscheidung liegt laut Baustadtrat Jörn Oltmann (Grüne) im Bezirk noch nicht vor.

Bewertung des Bezirks. „Ich halte diese Entscheidung aus städtebaulicher Sicht und vor allem aus sozialen Gründen für unverträglich“, sagt Oltmann. Der Bezirk könne jetzt aber nichts mehr gegen dieses Vorhaben unternehmen. Bei einer Ausschusssitzung im Mai hatte Investor Alexander Harnisch unter anderem angeboten, einem Projekt des Bezirks einen Gewerberaum zu einer erschwinglichen Miete bereitzustellen, wenn das Bezirksamt im Gegenzug das Projekt in der beantragten Größenordnung bewilligt. Oltmann lehnte damals unter Verweis auf das Baurecht ab. Er habe null Spielraum: „Mir sind die Hände gebunden.“  Aber an dieses Angebot könne man jetzt mal erinnern, sagte Oltmann. Der Kiez dort im Schöneberger Norden brauche einen niedrigschwelligen Treffpunkt, eine Bibliothek mit einem angeschlossene Café wäre dort durchaus passend.