Namen & Neues

„Was tun Investoren für den Kiez?“ - Sony soll sich sozial engagieren

Veröffentlicht am 05.11.2019 von Judith Langowski

„Was tun Investoren für den Kiez?“ – Sony soll sich sozial in Berlin engagieren. Schon im März wurde es angekündigt: Die deutsche Sony Music-Zentrale zieht in die Bülowstraße. Noch immer sorgt das Thema für Diskussion, denn den Umzug begleitet nicht nur Freude, sondern auch Sorge vor zunehmender Gentrifizierung. In der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) am vergangenen Mittwoch sorgte ein Antrag der Grünen für Diskussion: Die Fraktion fordert das Bezirksamt zur Kontaktaufnahme mit Sony auf, um über mögliche Wege eines sozial-kulturellen Engagements des neuen Nachbarn zu beraten. Insbesondere die Unterstützung von Jugendprojekten solle zu einem erfolgreichen Miteinander von Konzern und Anwohner*innen beitragen. Während die AfD-Fraktion den Antrag strikt ablehnte, rief Bezirksstadtrat Jörn Oltmann (Grüne) zur Kooperation auf: „Sony soll sich unvoreingenommen auf den Kiez einlassen.“

Dieser Neubau entsteht in Berlin, direkt am U-Bahnhof Bülowstraße in Schöneberg.

Auch der Präventionsrat Schöneberger Norden soll in die Gespräche mit eingebunden werden. Der beschäftigte sich bereits im März mit der Frage, wie eine Zusammenarbeit mit dem Großkonzern aussehen könnte: Regine Wosnitza (IG Potsdamer Straße) schlug dabei vor, Sony könne sich am Ausbau des Bunkers in der Pallasstraße zum Kultur- und Jugendzentrum beteiligen.

Im August feierte Sony Music auf der Baustelle in der Bülowstraße das Richtfest für die neue Zentrale, die Mitte 2020 bezogen werden soll. Auf sieben gläsernen Neubauetagen sollen hier künftig 300 Mitarbeiter die Geschäfte des Musikkonzerns abwickeln – in unmittelbarer Nähe zu Straßenstrich und Sex-Shops. Anwohner*innen zeigen sich besorgt um die Folgen der Gentrifizierung, fürchten Mieterhöhungen, Verdrängung, Rausschmiss. Wie profitiert der Kiez? Angesichts einer Kinderarmutsquote von 60 Prozent im Schöneberger Norden sei es wichtig, dass Sony sich seiner Umgebung bewusst sei, so Jörn Oltmann. Soziale Projekte könnten dabei helfen, das Viertel zu stärken.

Das alte Gebäude ist längst abgerissen – hier ein Bild aus dem Frühjahr 2019.

Wie geht’s weiter? Der Antrag der Grünen wurde zunächst in den Wirtschaftsausschuss der BVV überwiesen, wo über konkrete Formen des Kontakts mit dem Musikkonzern beraten werden soll. Oltmann versichert derweil ein zügiges Vorgehen: Ein erstes Gespräch mit Sony habe bereits stattgefunden, ein zweites sei noch in diesem Jahr angesetzt. Konkrete Ideen für unterstützenswerte Projekte gebe es seitens des Bezirks allerdings noch nicht – Art und Ausmaß des möglichen Engagements habe man bislang absichtlich offen gelassen, jegliche Zusammenarbeit müsse auf Freiwilligkeit beruhen.

Sony selbst wollte sich auf unsere Anfrage hin nicht zum erwünschten sozialen Einsatz äußern. In einer Pressemitteilung von März 2019 heißt es lediglich, Sony freue sich, „in eine der lebendigsten und begehrtesten Gegenden der Stadt“ zu ziehen und erhoffe sich „Zugang zu kreativen Subkulturen“. Chief Financial Officer Philipp von Esebeck äußerte sich im taz-Interview im Juni jedoch zurückhaltend zur sozialen Zusammenarbeit: Sony sei zum Gespräch bereit, aber würde „jetzt nicht Proberäume für Jugendliche einrichten können“.

Zumindest die Jugendlichen des Potse-/Drugstore-Kollektivs in der Potsdamer Straße lehnen dies ohnehin strikt ab: „Sony Music ist das Gegenteil von selbstverwalteter Kultur und Musik. Wir werden uns nicht zum sozialen Aushängeschild eines kommerziellen Musikgiganten machen lassen.“ – Text: Lotte Buschenhagen.

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Diesen Text haben wir dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg entnommen. Den Newsletter gibt es in voller Länge und kostenlos unter leute.tagesspiegel.de.
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Zur Autorin: Lotte Buschenhagen ist Praktikantin bei Tagesspiegel „Leute“ und „Checkpoint“ und lebt in Friedenau.

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