Namen & Neues

Online-Tagebuch der Johanna-Eck-Schule: So ergeht's dem Schulleiter

Veröffentlicht am 31.03.2020 von Sigrid Kneist

Seit gut zwei Wochen ist die Tempelhofer Sekundarschule so wie alle anderen Berliner Schulen geschlossen. Wir können seither mit Hilfe ihres Verwaltungsleiters Axel Jürs Einblick in das Online Tagebuch „Johanna@Home“ nehmen.

Schulleiter Engin Çatik hat in dieser Woche dort einen Eintrag hinterlassen: „Das Schulleiter-Büro ist in diesen Tagen soviel ruhiger als sonst. Und es ist ähnlich wie zu Hause: Machen die Kinder Radau, ist man leicht mal genervt; sind sie ein paar Tage auf Reisen (zu Verwandten oder mit der Kita), fehlt einem ihr Lärm auch irgendwie und die Stille hat etwas Beklemmendes, Aggressives. So widersprüchlich es klingen mag: Es ist eine Stille, die einen sozusagen anbrüllt. Oha, erwischt: Ich sitze also im Schulleiterzimmer und bin gerade gar nicht „Çatik@Home“. Ist aber alles eine Frage der Perspektive: Meine Frau nennt das Schulleiter-Büro mein „zweites Zuhause“ und würde diesen Eintrag insoweit als authentisch  durchgehen lassen; zumal ich in diesen Corona-Wochen genauso viel für die Schule da bin, wie sonst (meine Frau behauptet: eher mehr…). Tatsächlich hat der eigene Blick aber natürlich mehr Gelegenheit,  häufiger mal über Tellerrand des eigenen Schulalltags hinauszuschweifen:

Bei allen Schwierigkeiten, vor die Schulen in den „Corona-Wochen“ gestellt sind, ergeben sich aus Solidarität zwischen Grundschulen und weiterführenden Schulen auch Chancen der gegenseitigen praktischen Unterstützung und auch der Wertschätzung der Arbeit, die auf der jeweils anderen Seite geleistet wird: Wir wurden als Oberschule gerade daran erinnert, dass Grundschulen ihre Schüler*innen in der sogenannten Wochenplan-Arbeit im selbstständigen Lernen exzellent trainieren – was für unsere Kids jetzt nützlich und verstärkt gefragt ist. Und wir haben einige Expertise im Unterrichten mit außerschulischen und berufsbezogenen Quellen. 

Meine Rektorin-Kollegin Alberta Bonacci an der Finow-Grundschule hat eine tolle Checkliste für ihr Kollegium entwickelt – für die Eigenorganisation eines erfolgreichen „Homeschoolings“ ihrer Schüler*innen -, die ich als Schulleiter der Johanna fast unverändert für unser Kollegium – zur Qualitätssicherung unseres Home-Learning – nutzen kann. Chapeau! Und wir konnten uns umgekehrt mit Know-How zum „Lernraum Berlin“ und der Umsetzung unseres Home-Learning revanchieren. Diese Anfänge einer engeren Kooperation werden wir ganz sicher ausbauen, wenn der „Corona-Stress“ vorbei ist, im jeweils eigenen und eben auch gegenseitigen professionellen Interesse. Und allemal im Interesse der Kinder,  für deren Bildungserfolg wir letztlich eine gemeinsame Verantwortung tragen: wenn auch in aufeinanderfolgenden Jahren.

Mehr Verzahnung. Eltern haben nach meiner Wahrnehmung sowieso noch nie verstanden, warum es oft so wenig gegenseitiges Interesse und Rückkopplung zwischen denen gibt, die sich zu unterschiedlichen Zeiten um die Bildung und Erziehung der gleichen Schüler*innen kümmern, also den Grundschulen und den weiterführenden Schulen. Auch als Vater von zwei Jungs möchte ich doch, dass meine Kinder später nicht nur ihr Grundschulwissen, sondern auch die dort erlernten Arbeitstechniken an der weiterführenden Schule mit Freude und Erfolg anwenden und nutzen können. Für mich als Schulleiter einer künftigen Gemeinschaftsschule steht das ganz oben auf der Agenda der Schulentwicklung. Wenn unsere Johanna eine Primarstufe haben wird, sollen die Eltern darauf vertrauen können, dass alle Lehrkräfte Hand in Hand und mit gegenseitiger Wertschätzung an einer bruchlosen Bildungslaufbahn ihrer Kinder arbeiten – von der Einschulung bis zum Schulabschluss, sei das der MSA oder das Abitur. 

Krise als Chance der Schulentwicklung? Im Schulhof-Slang unserer Schüler*innen gesprochen müsste ich wohl sagen: “…aber sowas von!“ Etwas formeller: Die Corona-Wochen sind Chance und Aufforderung, Schule neu zu denken. Nicht der Anlass, aber die Aufgabe macht mir große Freude!“ 

Kommunikation mit dem Sekretariat. Manche Schüler kontaktieren die Schule zwischendrin auch mal per E-Mail oder Telefon. Schüler R. meldet sich per E-Mail beim Sekretariat: „Hallo, Frau I.! Leider ist ja die Schule zu und ich kann für ein paar Wochen nicht selber ins Sekretariat kommen. Aber das hier muss ich Ihnen unbedingt erzählen, deshalb schreibe ich Ihnen: Heute war ich für meinen Vater bei seinem Hausarzt, ein Rezept für seine Salbe holen. Als ich ankam, war ich total gestresst: Mega viele Leute warteten da schon. Aber als ich vor der Schnitte an dem Praxistresen stand, der so ähnlich aussieht wie Ihrer im Sekretariat, habe ich aus Reflex die Höflichkeitsregeln, die in unserem Schulsekretariat gelten, angewendet: Ich habe mein Base-Cap abgenommen, „Guten Tag“ gesagt und voll höflich gefragt: „Ich möchte bitte ein Rezept abholen, für die Salbe meines Vaters, dauert das lange?“

Und wissen Sie, was die Schnitte am Tresen mir geantwortet hat? „Eigentlich muss man dafür vorher anrufen, aber für so einen freundlichen jungen Mann mit so guten Manieren (?, R.) schaue ich gerne mal nach, ob der Herr Doktor zwischendurch ein Rezept unterschreiben kann.“ Krass, oder? Highfive von R.“

Antwort Sekretariat an Schüler R. (ebenfalls per Mail): „Lieber R.! Das freut uns wirklich, dass Du auch außerhalb der Schule gute Erfahrungen mit Höflichkeit machst. Und was noch viel „krasser“ ist: Höflichkeit funktioniert fast überall. Einfach weiter ausprobieren; wir wünschen viel Erfolg! Und, apropos Höflichkeit und Manieren (!): Bist Du sicher, dass die nette Assistentin am Praxistresen, die Dir eben zwischendurch das vom Arzt unterschriebene Rezept besorgt hat, wirklich Frau „Schnitte“ heißt… ?! Freundliche Grüße aus Deinem Schul-Sekretariat“

Telefonat einer Schülerin mit dem Sekretariat: Anruferin: „Oh, ich dachte gar nicht, dass Sie da sind. Hier ist E. aus der Klasse (X.1).“ Sekretariat: „Und warum hast Du angerufen, wenn du dachtest, dass niemand da ist?“ Anruferin: „Ich habe mit meiner Mutter gewettet. Sie war ganz sicher, dass Sie da sind – und jetzt habe ich die Wette verloren. Mist!“ Sekretariat: „Was war denn der Wetteinsatz?“ Anruferin: „Für mich: Zweimal den Küchen-Boden wischen. Für meine Mutter: Zwei Monate Netflix.“ Sekretariat: „Na, dann: Glückwunsch an deine Mutter und Dir viel Erfolg beim Wischen! …Und nicht die Ecken vergessen!“

Die beiden ersten Einträge aus dem Online-Tagebuch der vergangenen Woche können Sie hier nachlesen: „Wie zum Kuckuck sind die ins Gebäude reingekommen?“ und „Bleib sauber, Johanna!“