Namen & Neues

Als die sowjetischen Panzer nach Lichtenrade rollten

Veröffentlicht am 21.04.2020 von Sigrid Kneist

Die Datenlage ist nicht ganz klar. Am 22. April 1945 soll die Rote Armee den südlichen Stadtrand Berlins erreicht und einen Tag später mit dem Einmarsch in Lichtenrade begonnen haben. So schreibt es zumindest 1990 Peter Buchholz in seinem Band „Tempelhof“ zur Geschichte der Berliner Verwaltungsbezirke. Damit wurde auch der damalige Bezirk Tempelhof unmittelbare Kampfzone. Andere Quellen datieren den Einmarsch über die südliche Stadtgrenze auf den 24. April. Vom Süden Lichtenrades aus rückten die Sowjets vor. Nach und nach besetzten sie die Rathäuser und setzten Bürgermeister ein: in Mariendorf am 27. April, in Marienfelde und in Tempelhof am 30. April. In anderen Teilen der Stadt wurde da noch gekämpft.

Durchhalteparolen und Drohungen. Ein wichtiges, symbolträchtiges Gebäude war auch das Druckhaus Tempelhof, das Ullsteinhaus. Dieses besetzten die Sowjets am 27. April. Das Gebäude wurde von der zurückweichenden deutschen Artillerie unter Beschuss genommen und erheblich beschädigt. Am 22. April war dort noch die erste Ausgabe des „Panzerbär“ erschienen – ein nationalsozialistisches Durchhalteblatt. In der zweiten Ausgabe hieß es: „Jeder, der Maßnahmen, die unsere Widerstandskraft schwächen, propagiert oder gar billigt, ist ein Verräter! Er ist augenblicklich zu erschießen oder zu erhängen!“ Nach der Besetzung des Druckhauses wurde die Produktion des Kampfblattes noch einmal in die Kochstraße verlegt, wo am 29. April die letzte Ausgabe erschien.

Kampf um die Yorckbrücken. Dort sowie an der Potsdamer Straße und am Nollendorfplatz kam es zu tagelangenen Kämpfen. An anderen Orten wurde weniger gekämpft. „Etwa am 27. April erschienen dann die ersten russischen Panzer und die ersten Infanteriespitzen in den Schöneberger Straßen. Verhältnismäßig leicht gelang es ihnen, die verschiedenen Panzersperren zu durchbrechen“, hieß es in einem Bericht für die Berliner Stadtchronik, der in der Veröffentlichung „Weiterleben nach dem Krieg. Schöneberg/Friedenau 1945-46“ des Bezirksamts Schöneberg zitiert wird. Friedenau wurde am 27. April besetzt; das Rathaus Schöneberg eroberte die sowjetische Armee am 29. April.

Ein bedeutender historischer Ort im Bezirk ist das Gebäude im Schulenburgring 2 – unweit vom Flughafen Tempelhof. In der dortigen Erdgeschosswohnung unterzeichnete der militärische Befehlshaber Berlins, General Helmut Weidling, am 2. Mai die bedingungslose Kapitulationserklärung der Stadt Berlin. gedenktafeln-in-berlin.de

Auszüge aus dem Tagebuch des späteren Tagesspiegel-Gründers Erik Reger gibt’s übrigens bei Twitter. Hier der Beitrag vom 21. April 1945, es geht um den „Danse macabre der Propaganda“: twitter.de – Text: Sigrid Kneist

+++ Dieser Text stammt aus dem Leute-Newsletter für Tempelhof-Schöneberg vom Tagesspiegel. In voller Länge unter leute.tagesspiegel.de

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