Namen & Neues

Online-Tagebuch der Johanna-Eck-Schule: Es geht wieder los

Veröffentlicht am 28.04.2020 von Sigrid Kneist

Sechs Wochen war die Schule geschlossen; jetzt wurde sie langsam Schritt für Schritt für die ersten Schüler wieder geöffnet. Im Online-Tagebuch der Tempelhofer Schule geht es heute darum, wie der erste Tag so verlief. Mit Unterstützung von Verwaltungsleiter Axel Jürs dürfen wir wieder Einblick nehmen.

„Diese Woche ist es für unseren zehnten Jahrgang so weit. Dabei spielt für die Jugendlichen kaum noch eine Rolle, dass sie eigentlich wegen ihrer MSA-Prüfungen – die inzwischen abgesagt sind – als erste „zurückgerufen“ wurden. Schon telefonische Anfragen, in denen nachgefragt wurde („Bleibt es dabei?“, „Dürfen wir Montag wirklich zur Schule kommen?“), ob es tatsächlich losgeht mit der Öffnung der Schulen, zeigten uns: Alle freuen sich auf allmähliche Rückkehr zur Normalität, mag sie auch nur in Zwischenschritten erreichbar sein. Schüler und Schülerinnen vermelden inzwischen, dass sie sogar schultypische Sanktionen vermissen: „Frau A. lässt nie locker, wenn sie es wichtig findet, dass wir etwas Bestimmtes lernen. Im Home-Learning reicht es bei meiner Mutter schon, wenn ich sage, dass ich es später mache. Erwachsene müssen aber manchmal unnachgiebig sein, damit wir dranbleiben!“

Der Start am Montag.  Nach Tagen der Vorbereitung auf unser ‚Präsenz-Lernen‘, wie wir den stufenweisen Wiedereinstieg in den Unterricht nennen, trudeln bereits ab 7.15 Uhr die ersten Schüler/innen ein und zeigen eine Kombi aus Coolness und Aufmerksamkeit; sie weisen sich gegenseitig auf  die in den Schließungswochen erlernten Corona-Routinen hin: „Abstand, Alter! Warste die letzten Wochen nicht draußen?“ Gibt‘s auch in der Mädchen-Mädchen-Version –  an der Desinfektionssäule im Eingangsfoyer:  „Ist Deine Haut auch so rau vom dauernden Desinfizieren?“ „Aber sowas von…! Meine Mutter nimmt sogar schon Fußcreme für die Hände, weil die billiger ist, obwohl mehr Wirkstoff gegen Trockenheit drin ist.“

Die ersten Stunden wird „geimpft“. Die wegen Abstandsregeln in vier kleine Lerngruppen aufgeteilten Klassen besprechen die einzuhaltenden Hygieneregeln. Diese werden weitgehend ohne längliche Diskussionen akzeptiert. Ein Schüler, der sein Handy nicht am Lehrertisch ablegen will, ist überrascht, dass – wie in den normalen Schulwochen auch –  jemand aus der Verwaltung kommt, um das Handy einzuziehen. Später will er es im Sekretariat abholen, was aber mit der vorgeschrieben „Einbahnstraßen-Regelung“ vom einzigen Eingang zum einzigen Ausgang kollidiert. Also bekommt er vor seinem Klassenzimmer erklärt, dass seine Mutter schon telefonisch darüber informiert wurde, dass wegen der Wiederholung sein Handy nur noch an sie als Erziehungsberechtigte ausgehändigt wird. Der Schüler F. wird ob dieser Nachricht etwas blass. Sein Verhandlungsversuch – „Ich dachte nicht, dass das jetzt auch so wie sonst geregelt ist“ – lässt schmunzeln, was der Schüler – wegen der Corona-Maske seines Gegenüber leider nicht wahrnehmen kann.

Auf dem Flur werden Infos ausgetauscht: „Wir sind die einzige Klasse, bei der Klassenlehrer nicht da ist.“ „Der hat Asthma! Willst Du etwa, dass jemand Herrn K. vielleicht ansteckt?“ Oder auch:  „Gehört Herr J. nicht zur Risikogruppe?“„Ja, bestimmt! Der ist todsicher über 60. Aber ich glaube, er kann eigentlich gar nicht ohne Schule. Es gibt für Leute wie ihn aber irgendeine Regelung, nach der die Oldies sich trotzdem zum Dienst melden können. Wir müssen eben ein bisschen auf ihn aufpassen.“ 

Bei Schichtwechsel zwischen Früh-und Spät-Lerngruppen (8-11 Uhr und 12-15 Uhr) kommt eine Schülerin ins Sekretariat, um sich eine Maske für die Rückfahrt mit der S-Bahn abzuholen, und merkt das Fehlverhalten einer Fluraufsicht an: „Frau S. müssen Sie unsere Corona-Regeln nochmal erklären, die hat aus Versehen zwei Mädchen gleichzeitig in die Mädchen-Toiletten gelassen. Vielleicht, weil es mehrere Kabinen gibt.“

„Corona ist doof.“ Leider fällt aufgrund der eingeschränkten Bewegungsfreiheit der sonst übliche Besuch des „Schulsonnenscheins“ im Sekretariat aus. Die Schülerin M., die an normalen Schultagen niemals vergisst, im Sekretariat einen schönen Tag zu wünschen, folgt brav den Pfeilen zum Ausgang; aber nicht ohne ihrer Lehrerin Grüße an die Sekretärin aufzutragen. Als Inklusionskind hat sie ein besonderes Faible für Rituale, die ihr Sicherheit geben. Manchmal wünschte man sich, dass die Inklusions-Kids mit Förderstatus geistiger Entwicklung, die fast nie gegen Regeln verstoßen, zwischendurch mal eine „vergessen“. Keine Chance! Statt eben schnell zum Sekretariat zu huschen, lässt sie über ihre Lehrerin ausrichten: „Ihr fehlt mir, und Corona ist doof!“

Die ersten sechs Folgen aus dem Online-Tagebuch der vergangenen Wochen können Sie hier nachlesen: „Wie zum Kuckuck sind die ins Gebäude reingekommen?“„Bleib sauber, Johanna!“, „So ergeht’s dem Schulleiter“„Schon wieder quadratische Funktionen“„Danke heißt auf Polnisch Dziękuję“ und „Vorbereitungen für die Rückkehr“. Mein Kollege Frank Bachner hat sich am Montag auch angeschaut, wie es in der Johanna-Eck-Schule an diesem ersten Tag so lief. Lesen Sie hier seinen Bericht.