Namen & Neues

Corona-Tagebuch der Johanna-Eck-Schule: Klassenfotomontage und Rechnen mit der Pandemie

Veröffentlicht am 16.06.2020 von Sigrid Kneist

Dieses so ungewöhnliche Schuljahr geht allmählich dem Ende entgegen; Donnerstag in einer Woche beginnen die Sommerferien. Seit Beginn der Corona-Pandemie durften wir mit Hilfe von Verwaltungsleiter Axel Jürs Einblick in das Online-Tagebuch der Tempelhofer Sekundarschule nehmen. Diesmal erfahren wird, dass man die Corona-Wochen auch unter dem Gesichtspunkt der Relativitätstheorie sehen kann

Corona-Wissenschaft. „Selbst die Corona-Wochen gehen, wenn man sich daran gewöhnt hat, irgendwann relativ schnell vorbei“, stellt Schülerin E. fest. „Hängt bestimmt damit zusammen, dass wir schon seit Anfang Mai an unserer Schule alle wieder jeden Tag Unterricht haben“, sagt ein anderer Schüler zum Phänomen der Zeitausdehnung, die auch in Einsteins Relativitätstheorie eine wichtige Rolle spielt. Seinem Freund ist diese mathematisch-physikalische Diskussion einen Kalauer zur Bruchrechnung wert, der sich auf die gedrittelten Klassen bezieht: „Corona ist gleich JES durch 3“, stellt er seine eigene Formel auf und findet sie mindestens so cool wie Einsteins ‘E=mc²‘.  

Pandemie als angewandte Mathematik: Eine Mitschülerin verweist auf den echten mathematischen Zusammenhang zwischen Pandemie und Mathematik, der in ihrem Matheunterricht behandelt wurde: „Also, ich habe zum ersten Mal kapiert, was eine exponentielle Steigung ist, und dass man solche Rechnungen wirklich zu etwas gebrauchen kann. Den R-Quotienten kann ich jetzt auch selbst ausrechnen.“ 

Fußball und Klassenfrequenzen. Ein Fußballfan hält es eher mit der Sportsprache: „Jedenfalls hat unsere JES bei den Corona-Wochen schon letzte Woche wieder ausgeglichen – 6:6.“ Als die anderen fragend schauen, sagt er: „Na ist doch klar: Sechs Wochen Corona-Unterricht zu sechs Wochen Home-Learning. Für die 10. Klassen sogar schon sieben Wochen.“ Ein anderer grinst: “Genau, und bis zum Schlusspfiff des Schuljahres liegen wir 9:6 vorne.“ In den Kernfächern hätten sie übrigens trotz weniger Unterrichtsstunden gar nicht weniger gelernt, sagt Schülerin E.: „In den kleinen Gruppen sind wir viel schneller und besser vorangekommen. Eigentlich sollten die Gruppen immer so klein sein, dann muss man ja einfach mitmachen und jeder kommt auch mit.“ „Träum‘ weiter!“, beschließt ein Schüler die Debatte über Schul-Utopien und optimale Klassenfrequenzen. Er muss jetzt als Nr. 12 seiner Klasse zum Schulfotografen, der nicht abbestellt wurde, aber natürlich keine Klassenfotos vor Ort macht. 

Klassenfoto als Montage. Dass es dieses Jahr kein echtes Klassenfoto geben kann, findet Schüler F. schade, hat aber gleich einen Lösungsvorschlag: „Kann der Fotograf unsere einzelnen Dreiviertel-Portraits nicht zu einem Klassenfoto montieren?“ Er kann und er wird; und fotografiert dafür auch noch extra die Klassenlehrer*innen. „Mega!“ sagt F. und bittet darum, direkt neben seine Lieblingslehrerin montiert zu werden. Ansonsten ist er hochzufrieden, dass er nach den Sommerferien einen neuen Ausweis bekommen wird: „Letztes Jahr hatte ich noch das totale Babyface!“, begründet er, warum er kein Interesse hat, den alten, noch bis Silvester gültigen Ausweis bei sich zu tragen. „Und die neuen siebten wollen doch bestimmt auch Ausweise von ihrer neuen Schule“, sagt er: „Ich war jedenfalls vor zwei Jahren megastolz auf meinen neuen JES-Ausweis!“

Ausweisfotos und Aberglaube. Seine Mitschülerin sagt, nicht überall werde darauf Rücksicht genommen, dass Jugendliche ungerne Uraltfotos von sich im Umlauf wissen:  „Meine Cousine geht auf eine Schule, wo die im November fotografiert werden und dann im Juli erst ihre Ausweise für das ganze nächste Schuljahr – mit diesen ollen Fotos – bekommen. Wie uncool ist das denn?“ „Krass, das ist ja voll letztes Jahrhundert“, sagt ihre Freundin. Sie ist Nummer 14 – eigentlich wäre sie Nr. 13, aber der Fotograf wollte dem Aberglauben keine Chance geben. „Wie jetzt? Ich denk‘ ich bin die 14!“, protestiert sie. „Keene Bange“, beruhigt sie ein Junge, Sicherheitsabstand haltend: „Bei mir biste auf alle Fälle sowieso die Nummer 1!“

Die 13 (!) vorangegangenen Folgen aus dem Online-Tagebuch können Sie hier nachlesen: „Wie zum Kuckuck sind die ins Gebäude reingekommen?“„Bleib sauber, Johanna!“, „So ergeht’s dem Schulleiter“„Schon wieder quadratische Funktionen“„Danke heißt auf Polnisch Dziękuję“„Vorbereitungen für die Rückkehr“ und „Es geht wieder los“ „Masken to go“„Alle wieder da“, „Der ungeliebte Brückentag“„Warum nicht auch am Samstag?“„Alle begannen, in fremden Sprachen zu reden“ und „Endlich mal wieder Spanisch und Französisch“.