Namen & Neues
Gewerbe, Handwerk, Wohnungen
Veröffentlicht am 28.07.2020 von Sigrid Kneist
Im Südwesten Tempelhofs entsteht ein neues Stadtquartier. Der Investor Reinhold Semer, Eigentümer der Baumarktkette Hellweg, will mit seiner Firma “RS GmbH & Co. Immobilien II KG” das rund zehn Hektar große Areal, das sich zwischen der Trasse der S-Bahn-Linie 2, der Röblingstraße und der Attilastraße entlang zieht, entwickeln. Bisher steht auf dem Gelände vor allem ein Hellweg-Baumarkt, der dann weichen muss. Die Röblingstraße ist auf ihrer westlichen Seite durch vereinzelte Gewerbebauten geprägt – unter anderem einen Discounter und eine Autowaschanlage – , auf der anderen Straßenseite liegen ein Friedhof und der Zugang zur Siedlung Marienhöhe mit der gleichnamigen Parkanlage.
Der Blick von der Attilastraße auf die Planungen für die Marienhöfe. Modell:Collignon-Architektur
Aus Atti wird Marienhöfe. Zunächst lief das Bauprojekt unter dem Arbeitstitel “Atti”; inzwischen firmiert das Vorhaben unter dem Namen “Marienhöfe”. Die Planungen hat das Berliner Büro Collignon-Architektur übernommen. Rund 20 Gebäude sollen auf dem Areal entstehen, das ungefähr je zur Hälfte für Wohnungen sowie für Gewerbe genutzt werden soll. Hinzu kommen größere Grün- und Erholungsflächen. Der nördliche Teil ist für die Wohnbebauung vorgesehen. Einige hundert Wohneinheiten sollen dort entstehen. Wie viele genau, lässt sich nach Auskunft von Susanne Collignon noch nicht sagen. Man sei mit den Planungen erst am Anfang. Bei der Vorstellung des Projekts im Stadtentwicklungsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schöneberg im vergangenen Monat hieß es, dass darunter 30 Prozent für Menschen mit Wohnberechtigungsschein reserviert sein sollen.
Flüchtlinge, Kinder, Senioren. Direkt an der Röblingstraße wird eine modulare Unterkunft für Flüchtlinge, eine sogenannte MUF, gebaut. Lange hatte der Bezirk in den vergangenen Jahren nach einem Standort dafür gesucht. Sollte der Bedarf an Wohnungen für Flüchtlinge sinken, könnte das Gebäude in ein normales Wohnhaus umgewandelt werden. Ein Seniorenpflegeheim und eine Kita für knapp 60 Kinder sind ebenfalls in der Planung. Ein Schulgebäude hingegen findet keinen Platz. Dies hatte die Bürgerinitiative Marienhöhe vorgeschlagen. Sie kämpft für die nahe gelegene Kleingartenkolonie Eschenallee, die einem Schulbau weichen soll.
Raum fürs Handwerk. Im Süden schließt sich gewerbliche Nutzung an: Büros, Gastronomie, Geschäfte, medizinische Einrichtungen, ein Innovationszentrum. Auch ein Hotel ist geplant. Der Baustadtrat des Bezirks, Jörn Oltmann (Grüne), ist besonders von den Planungen für ein sogenanntes Handwerkerhaus angetan. “Das wird in Berlin einmalig”, sagt Oltmann. In dem mehrstöckigen Gebäude mit rund 10.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche sollen kleine Handwerksbetriebe Räume finden, deren Miete vom Investor bezuschusst wird und die ab acht Euro pro Quadratmeter betragen soll. Wichtig ist Oltmann zudem, dass öffentliche Fuß- und Radwege durch das neue Viertel führen. Für Autos sind 480 Stellplätze geplant, für Fahrräder die doppelte Zahl.
Neue Viertel im Bezirk. Die Marienhöfe gehören zu den großen Stadtquartieren, die in Tempelhof-Schöneberg entstehen. Schon ziemlich weit gediehen ist die “Schöneberger Linse” direkt am Bahnhof Südkreuz. Auch dort ist ein Mix aus Wohnungsbau und Gewerbe vorherrschend. Über 1100 Wohnungen werden gebaut; die ersten sind bereits vermietet. Zusätzlich entstehen große Bürokomplexe, die von bekannten Unternehmen genutzt werden. Beispielsweise zieht Vattenfall mit seiner Zentrale dorthin, auch das Deutsche Institut für Luft- und Raumfahrt wird sich ansiedeln. Die BSR baut ebenfalls ein großes Gebäude. Das zweite Vorhaben ist die Friedenauer Höhe, ein Wohnquartier: Dort sollen rund 1500 Wohnungen gebaut werden. Während die Arbeiten für die öffentlich geförderten Wohnungen auf dem Areal, das sich von der Schöneberger Hauptstraße entlang der Stadtautobahn- und S-Bahntrasse erstreckt, planmäßig verlaufen, ist der größere Teil des Projekts – wie im Frühjahr berichtet – wegen Vermarktungsproblemen ins Stocken geraten.
Bereits gebaut. Ein weiteres nicht ganz so großes Quartier ist in den vergangenen Jahren an der Yorckstraße/Bautzener Straße in Schöneberg entstanden. Auch hier war es Investor Reinhold Semer, der das Projekt entwickelte und ebenfalls mit dem Büro Collignon-Architektur realisierte. An dem klotzartigen Bau zur Yorckstraße hin, in dem ein Fitnessstudio untergebracht ist, entzündete sich einige städtebauliche Kritik. Einige Beobachter erinnert es an einen Hochbunker oder an ein Lagerhaus. Das Quartier an sich erhielt jedoch von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen die höchste Auszeichnung. Sehr zur Freude des Bezirks hat sich Semer zudem bereit erklärt, die Kosten für den noch fehlenden Anschluss der Yorckbrücke 5 auf Kreuzberger Seite zu übernehmen. Dort endet der bekannte Brückenbau mehr oder weniger auf Höhe des Daches eines Biomarkts, so dass eine Rampe gebaut werden muss. Auf Schöneberger Seite hingegen ist der Anschluss bereits fertig. Die Brücke selber, die von Radfahrern und Fußgängern genutzt werden soll, wurde im vergangenen Jahr erneut ausgehängt, um grundlegend saniert zu werden. Semer plant zudem ein weiteres Projekt im Bezirk: In Mariendorf soll eine inklusive Wohnananlage mit rund 200 Wohnheinheiten entstehen.
Die Meinung der Bürger ist gefragt. Für die Marienhöfe wird Mitte August die Phase der Bürgerbeteiligung starten. Der Infocontainer des Bezirks, der sogenannte Stadtbaukasten, wird auf dem Areal aufgestellt. Er soll zentraler Anlaufpunkt für Bürger sein, die sich über das Projekt informieren möchten. Am 15. August findet dort die erste Informationsveranstaltung statt. Im kommenden Jahr sollen die Bebauungsplanentwürfe ausliegen. Baustadtrat Oltmann liegt viel an einem breiten Beteiligungsverfahren. Auch um gemeinsam mit den Bürgern “die öffentlichen Grün- und Freiflächen zu entwickeln und auszugestalten”.
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