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Es grünt so grün: So werden Konflikte beim Urban Gardening vermieden

Veröffentlicht am 08.09.2020 von Sigrid Kneist

Die Yorckstraße ist nun wahrlich nicht für ihre Attraktivität bekannt. Die sie überquerenden Brücken sind zwar legendär und viel geliebt, bestechen aber auch nicht gerade durch Schönheit und verstärken den Eindruck, den man auf der stark befahrenen Straße ohnehin hat. Die Yorckstraße ist vor allem eine Durchgangsverbindung von West nach Ost und umgekehrt; aufhalten möchte man sich dort nicht. Viel Verkehr, viel Lärm, viel Grau.

Gelb, rot, rosa. Deswegen fallen an ihrem westlichen Ende, an der Einmündung der Bülowstraße die bunten Farbtupfer ganz besonders auf. Beete, die um Bäume gepflanzt sind. Vor allem ein wunderschönes Arrangement lässt einen besonders strahlen. Gelbe, rote, rosa Blüten. Alles wunderschön arrangiert, kein welkes Blatt dazwischen. Eine farbenfrohe Oase mitten in der steinernen Landschaft, in der sich auch Bienen und Hummeln tummeln. Angelegt aber nicht vom Bezirksamt, sondern von einer engagierten Bürgerin. Man merkt diesen Pflanzen sofort an, wie viel Liebe und Arbeit darin steckt. Es wundert nicht, dass die für das bezirkliche Grün zuständige Stadträtin, Christiane Heiß (Grüne), ohne langes Überlegen dieses Beet nennt, wenn man sie nach besonders schönen Beispielen für Urban Gardening und die Bepflanzung von Baumscheiben fragt. 

Bordsteinblumen mussten weichen. Viel Aufregung gab es im Juli hingegen in Schöneberg, wie ich damals berichtete. In der Vorbergstraße hatte ein Anwohner ein Blumenspalier gepflanzt. Unter anderem blühten dort auf mehreren Metern beinahe mannshohe Stockrosen und Sonnenblumen direkt am Bordsteinrand. Und auf einmal war alles weg. Eine Firma hatte im Auftrag des Bezirksamts sämtliche Pflanzen entfernt.

Warum war das nötig? Warum konnten die Pflanzen nicht bleiben,  anders als Blumen auf Baumscheiben? In erster Linie sei es darum gegangen, dass der ohnehin schmale Gehweg immer enger wurde und die Pflanzen die Fußgänger behinderten, sagt Heiß. Zudem habe der Anwohner am Rande des Bürgersteigs Pflastersteine herausgenommen, um seine Pflanzen dort besser einsetzen zu können. Dadurch sei auch die Standfestigkeit der dortigen Poller gefährdet gewesen. Man habe bereits im vergangenen Jahr mit dem Mann geredet, dieser habe aber nicht von seinen Pflanzungen lassen wollen. Dies sei also ein anderer Fall.

Richtig gärtnern. Damit Straßengärtner nicht ebenfalls eines Tages die böse Überraschung machen, dass ihre Anspflanzungen und andere Arrangements bei Baumscheiben beim Straßen- und Grünflächenamt auf wenig Gegenliebe stoßen und deswegen entfernt werden, hat das Amt auf seiner Internetseite Tipps zum richtigen Bepflanzen der Baumscheiben zusammengestellt. Denn man könne dabei auch einiges falsch machen, sagt Stadträtin Heiß. Wenn man beispielsweise Erde oder Rindenmulch auf der festen Scheibe anhäufelt, kann das ihren Angaben zufolge dazu führen, dass sich Feuchtigkeit an der Rinde sammelt. Die Folge: Pilzbefall. Auch die Auswahl der Pflanzen ist wichtig: Efeu, wie er beispielsweise derzeit bei Baumscheiben am Bayerischen Platz gepflanzt wird, kann als Bodendecker in Ordnung sein, in einer anderen Art aber als sich am Baum hoch rankende Pflanze hingegen problematisch. Zu den Hinweisen des Bezirksamts gehört: nicht zu tief graben, keine Pflanzen auswählen, die höher 50 Zentimeter wachsen, keine Rankhilfen an den Bäumen anbringen. Nicht gestattet ist auch, kleine Zäune und Bänkchen dort zu errichten. 

Ganz wichtig ist Heiß aber auch, dass eine Art Pflegevereinbarung unterschrieben wird. In dieser kann man angeben, welche Baumscheibe man wie bepflanzen möchte. Der Vordruck dazu findet sich ebenfalls bei den Tipps. “Wir brauchen Verträge”, sagt Heiß. Das sei aber auch im Sinne der gärtnernden Anwohner. Denn immer wieder kommt es auch zu Nachbarschaftsstreitigkeiten, wer sich um welche Baumscheibe kümmern möchte. Heiß berichtet von einem Fall im Schöneberger Norden, bei dem zwei Nachbarn um eine Baumscheibe konkurrierten. Die Lösung war, dass sie es abwechselnd machen konnten. Der eine war in einem geraden Jahr dran, der andere im ungeraden.

Nur wenig Mttel. Damit es an Straßen schön blühen kann, ist bürgerschaftliches Engagement beinahe unverzichtbar. Denn für das sogenannte Straßenbegleitgrün – dabei handelt es etwa um die begrünten Mittelstreifen oder Ränder der Bürgersteige –  ist der Etat im Bezirkshaushalt sehr gering. “Es ist ein bisschen unser Stiefkind”, sagt Heiß. 73 Cent pro Quadratmeter stünden pro Jahr zur Verfügung. “Das reicht mehr oder weniger für einmal Mähen im Jahr”, sagt Heiß. Und auch da gebe es immer wieder Konflikte, wenn im Sommer das Grün dann beschnitten werde. Den Naturschützern sei es zu früh; die Samen seien dann noch nicht ausgereift. Und den Verkehrsexperten sei es zu spät, da das Grün schon zu hoch gewachsen und die Sicht und damit die Verkehrssicherheit beeinträchtige.

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