Namen & Neues

Weizsäcker, Bowie und die Frauen: Schwierige Straßenbenennungen

Veröffentlicht am 06.04.2021 von Sigrid Kneist

Bei dem in Berlin stets konfliktträchtigen Thema Straßenbenennungen tun sich im Bezirk die verschiedensten politischen Allianzen auf. Da streiten mal Grüne, CDU und FDP gemeinsam, dann kämpft die SPD vergleichsweise alleine, und im nächsten Fall treten SPD, Grüne und Linke gegen CDU, FDP und AfD an. Dröseln wir das Ganze mal auf.

Worum geht es? Fangen wir mit der Umbenennung des Kaiser-Wilhelm-Platzes in Richard-von-Weizsäcker-Platz an. Hier hatten Grüne, CDU und FDP im Januar einen gemeinsamen Antrag in der Bezirksverordnetenversammlung durchgesetzt, dass der Platz nach dem einstigen CDU-Bundespräsidenten und ehemaligen Regierenden Bürgermeister benannt werden sollte. Die Sozialdemokraten lehnten dies strikt ab, da es die Verabredung gibt und auch das Straßengesetz es vorsieht, Straßen vorrangig nach Frauen zu benennen. Der Sozialdemokrat Michael Biel, Kandidat bei der Abgeordnetenhauswahl für Schöneberg-Süd, hat deswegen 3000 Flugblätter im Kiez verteilt, verklebt und die Anwohner zu Stellungnahmen aufgefordert.

So waren die Reaktionen. Auf den verschiedensten Kanälen – Facebook, Twitter, Mail, WhatsApp – hätten ihm Menschen geantwortet, sagt Biel. Rund 300 Stellungnahmen habe er erhalten. Die überwiegende Mehrheit habe sich schockiert gezeigt, dass die drei Fraktionen die Umbenennung des Platzes beschlossen hätten, ohne vorher die Anwohnenden zu beteiligen. Eine knappe Mehrheit habe sich hingegen für eine Benennung nach einer Frau mit Schöneberg-Bezug ausgesprochen. Einige der genannten Namen zeigt er hier auf Facebook, bekannte Frauen wie Annedore Leber oder Annemarie Renger sind dabei.

Aber auch eher Unbekannte wie die Widerstandskämpferin Hedwig Porschütz, an die in der Feurigstraße eine Gedenktafel erinnert. Bei ihr tun sich einige mit dem Gedenken etwas schwerer, da sie zum Ende der zwanziger Jahre zeitweise der Prostitution nachging. 40 Prozent der bei Biel eingegangenen Rückmeldungen signalisierten, gar keine Umbenennung des Platzes zu wollen. Andere nannten als Kompromissvorschlag David Bowie. Zu dem komme ich hier später.

Das tut sich bei den Frauen. Die Sozialdemokraten hatten im Februar Anträge zur Ehrung von fünf Frauen eingebracht: Der Verbindungsweg zwischen Monumenten- und Geßlerstraße soll nach der Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin Audre Lorde benannt werden, die Straße 229 in Mariendorf nach der Tänzerin Ingrid Raabe, ein Teilstück der Marienfelder Allee nach der Zahnärztin und Frauenrechtlerin Elvira Castner, eine Grünfläche am Innsbrucker Platz nach der Juristin Erna Proskauer sowie ein Platz an der Gleditschstraße nach der Historikerin Reingard Jäkl.

Alle wollen Lorde. Das Vorhaben, Audre Lorde zu würdigen, hängt jetzt auch davon ab, wie es im Nachbarbezirk Friedrichshain-Kreuzberg weitergeht. Dort gibt es schon seit zwei Jahren einen Beschluss, eine Straße nach ihr zu benennen. Dort wurden 2600 Anwohnerinnen und Anwohner in Abschnitten der Adalbertstraße, der Admiralstraße, der nördlichen Manteuffelstraße und im nördlichen Abschnitt der Wrangelstraße angeschrieben, wie meine Kollegin Nele Jensch berichtete. Wenn in Friedrichshain-Kreuzberg schnell eine Entscheidung fällt, will die hiesige SPD ihren Antrag zurückziehen. Ansonsten ist das Thema in der Bezirksverordnetenversammlung bis August vertagt. Bis dahin sollen die Vorschläge geprüft  und der Frauenbeirat um Stellungnahme gebeten werden.

Enttäuschung bei der SPD. „Aus verletzter männlicher Eitelkeit werden nun Hürden für die Benennungen von Straßen und Wegen nach Frauen aufgebaut, die es bisher in dieser Form gegenüber männlichen Benennungen nicht gab. Wir merken, dass mit zweierlei Maß gemessen wird“, sagt die Fraktionsvorsitzende Marijke Höppner. „Während Männern zuletzt im Schnellverfahren Benennungen per Beschluss ermöglicht wurden, wird den Frauen durch Sonderprüfungen ihre Kompetenz aberkannt.“ Höppner führt dieses Verfahren auf Verärgerung bei Grünen, CDU und FDP zurück, weil die Sozialdemokraten gegen die Weizsäcker-Benennung aktiv wurden. Demgegenüber hört man bei Grünen und CDU vielfach, dass bei den Sozialdemokraten die Ablehnung des Weizsäcker-Platzes einen ganz anderen Grund habe: Diese sei darauf zurückzuführen, dass die SPD sich in den vergangenen Jahren mehrfach nicht mit dem Vorschlag durchsetzen konnte, einen Saal im Rathaus nach dem früheren Bezirksbürgermeister Alfred Gleitze zu benennen. In dem Zusammenhang hätten Frauennamen nie eine Rolle gespielt. Eigentlich gibt es im Bezirk die Verabredung, sich bei Benennungen möglichst zu verständigen, damit die zu Ehrenden nicht beschädigt werden.

Und was ist nun mit David Bowie? Wir erinnern uns: Hier hatte die CDU im Januar den Antrag eingebracht, die Kreuzung Grunewaldstraße / Langenscheidtstraße / Hauptstraße nach ihm zu benennen, wahlweise eine kleine Grünlage. Bowie hatte zwischen 1976 und 1978 nicht weit entfernt davon in der Hauptstraße 155 gelebt. Im Kulturausschuss stimmten jetzt nur CDU, FDP und AfD für die Würdigung Bowies an dieser Stelle, SPD, Grüne und Linke, damit die Mehrheit, dagegen.
Foto: Bertram von Boxberg

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