Namen & Neues
Containerdorf mit Risiken
Veröffentlicht am 25.01.2022 von Sigrid Kneist
Zweieinhalb Jahre lang standen die weißen Wohncontainer, die so genannten Tempohomes, auf dem Vorfeld des einstigen Flughafens Tempelhof leer. Jetzt soll ein Teil der Container wieder genutzt werden, um dort Geflüchtete unterzubringen. Allerdings nur für wenige Monate und nur in einem kleinen, genau begrenzten Teil der Anlage und auch nur für einen eingeschränkten Personenkreis. Das Gesundheitsamt Tempelhof-Schöneberg hat lediglich eine Duldung der Nutzung vom 1. Februar bis 30. April ausgesprochen, dass bis zu 280 Menschen dort vorübergehend einziehen können. Die Erlaubnis gilt nicht für Kinder unter 14 Jahren und Schwangere. Ursprünglich hatten die Tempohomes Kapazitäten für etwa 900 Menschen.
Schadstoffrückstände in den Leitungen. Bereits im März 2020 – zu Beginn der Pandemie – sollten die Tempohomes wieder belegt werden, nachdem Ende 2019 die letzten Geflüchteten aus den Containern ausgezogen waren. Aufgrund des Tempelhof-Gesetzes, das selbst eine temporäre Bebauung eigentlich ausschließt, war nur eine vorübergehende Nutzung möglich. Die Wiederinbetriebnahme scheiterte vor zwei Jahren daran, dass keine hygienisch einwandfreie Wasserversorgung möglich war und Schadstoffrückstände in den oberirdisch verlegten Leitungen gefunden wurden.
Anfrage in der BVV. Man habe die Wasserversorgung für den jetzt nutzbaren Abschnitt von dem übrigen Wasserleitungssystem getrennt, so dass das Gesundheitsamt die Nutzung in diesem Bereich dulden könne, antwortete Bezirksbürgermeister Jörn Oltmann (Grüne) vergangene Woche in der Bezirksverordnetenversammlung auf eine mündliche Anfrage der Linken-Abgeordneten Elisabeth Wissel. Oltmann fand darüber hinaus deutliche Worte: „Empfehlen kann das Gesundheitsamt die Nutzung der Tempohomes aber auch weiterhin nicht.“ Die Risiken ließen sich „aufgrund der negativen technischen Voraussetzungen und der bereits erfolgten Stilllegung der Anlage über einen langen Zeitraum mit den erwartbaren und auch nachweislich eingetretenen negativen Auswirkungen auf die Kontamination des Leitungsnetzes nicht ausräumen“, sagte Oltmann. Eine Ausweitung auf mehr Wohncontainer sei deshalb nicht möglich.
Abhängig von der Wasserqualität. Auch über eine Verlängerung über den 30. April hinaus könne nur nach Untersuchung der Wasserqualität aus Aspekten des Gesundheitsschutzes entschieden werden, sagte Oltmann auf meine Frage. Der Senat werde sich darüber verständigen, ob und in welcher Form die Unterkunft weitergeführt werden kann, teilte ein Sprecher der Integrationsverwaltung mit. Für die Zeit der Nutzung veranschlagt das LAF monatlich Kosten in Höhe von 100.000 Euro für Wachschutz, Strom und Wasser sowie 10.000 Euro für Miete der Container und Leitungen. Hinzu kommen die Aufwendungen für den Betreiber und das Catering, die sich noch nicht beziffern lassen. Lohnen sich diese hohen Kosten für die kurze Zeitdauer der Nutzung? Darüber soll es dem Vernehmen nach unterschiedliche Auffassungen geben. In der Zeit des Leerstands sind dem Land Berlin zudem Kosten in Höhe von 410.000 Euro entstanden.
Wer kommt dorthin? Die Tempohomes werden jetzt nicht als Gemeinschaftsunterkunft genutzt, sondern lediglich als Ankunftszentrum, von dem aus die Menschen dann in Gemeinschaftsunterkünften verteilt werden. Da die Unterbringung von Familien mit Kindern nicht möglich ist, ist damit zu rechnen, dass voraussichtlich überwiegend allein angekommene Männer dort vorübergehend wohnen werden, neben Familien die zweite große Gruppe an Geflüchteten. Das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten äußert sich dazu eher verhalten: „Derzeit lässt sich noch nicht abschätzen, wer zunächst am Columbiadamm für einige Wochen eine erste Zuflucht erhält.“