Namen & Neues

Figuren an der Kanzel: Deutsche Mutter, SA-Mann und Wehrmachtssoldat

Veröffentlicht am 14.11.2023 von Sigrid Kneist

Die Martin-Luther-Gedächtniskirche in Mariendorf ist einzigartig in Deutschland. Nirgendwo in einem Gotteshaus ist heute noch so sichtbar, wie stark der Einfluss des Nationalsozialismus in der Evangelischen Kirche war. Bei der Grundsteinlegung 1933 waren SA-Männer in Uniform zugegen, bei der Einweihung des Baus mit einem gewaltigen Triumphbogen wurden 1935 nicht nur Kirchen-, sondern auch Nazilieder gesungen. „Die Martin-Luther-Gedächtniskirche ist gewissermaßen ein ideologisch aufgeladenes, hochgradig NS-belastetes Gesamtkunstwerk“, schreibt Beate Rossié in ihrem Buch „Kirchenbau in Berlin 1933 – 1945“.

Beispiele für die NS-Kunst im Kirchenbau. Nationalsozialistische Emblematik, die wie selbstverständlich in die Symbolwelt des Christentums oder Abbildungen des Gemeindelebens integriert wurde, ist in dem Mariendorfer Bau erhalten geblieben, lediglich verbotene Zeichen wie das Hakenkreuz wurden nach dem Krieg getilgt. An der hölzernen Kanzel findet man die Abbildungen eines Wehrmachtssoldaten und einer deutschen Mutter sowie eines SA-Manns, vermutlich in einer idealisierten Darstellung Horst Wessels, wie Rossié schreibt. Auch am Taufbecken sind Abbildungen eines SA-Manns und einer deutschen Mutter zu finden. Ein Leuchter hat die Form eines Eisernen Kreuzes. Und Christus am Kreuz ist keineswegs leidend, sondern in heroischer Pose, mit muskulösem Oberkörper und gerecktem Kinn abgebildet. Selbst die Orgel hat eine NS-Geschichte: Sie erklang beim Nürnberger Reichsparteitag der NSDAP 1935, bevor sie in die Mariendorfer Kirche eingebaut wurde.

Kann man in einer solchen Kirche Gottesdienste feiern? Das ist eine Frage, die die Berliner Evangelische Kirche schon seit vielen Jahren immer wieder beschäftigt. Zurzeit lautet die Antwort nein. Vorläufig zumindest. Ausschlaggebend dafür ist ein Kirchengesetz, das die Landeskirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) im Frühjahr 2022 verabschiedet hat. Darin geht es um den „Umgang mit Darstellungen, die von judenfeindlichem, rassistischem und nationalsozialistischem Gedankengut geprägt sind“. Mit diesem sollen die Gemeinden auch in Absprache mit der Landeskirche aufgefordert werden, sich damit auseinanderzusetzen und zu handeln. NS-Symbole finden sich nicht nur in Mariendorf. Einige Kilometer weiter nördlich gibt es beispielsweise in der Tempelhofer Glaubenskirche eine Orgel, bei der Orgelpfeifen ein Porträt Adolf Hitlers sowie die Jahreszahl 1933 zeigen. 2021 wurde in Rudow eine Kirchenglocke mit Reichsadler und Hakenkreuz ausgehängt und in ein Museum gebracht.

Die Situation in Mariendorf. Die Mariendorfer Gemeinde hat in den letzten Jahren die Kirche vor allem für große Gottesdienste genutzt, etwa zu Weihnachten oder bei Konfirmationen, wenn viele Besucherinnen und Besucher erwartet wurden. Die Gemeinde sah darin in der Vergangenheit kein Problem, da sie sich ausführlich und offensiv mit ihrer Vergangenheit auseinandergesetzt habe und auch zu diesem schweren Erbe stehe. Seit 2003 steht in der Kirche zudem ein Nagelkreuz, gestaltet aus Dachnägeln der von den Nazis zerbombten Kathedrale von Coventry. Weltweit gelte das Nagelkreuz „als Symbol für Versöhnung und den Dialog zwischen Menschen verschiedenster Nationen“, heißt es auf der Homepage der Gemeinde. An jedem vierten Freitag im Monat findet in der Martin-Luther-Gedächtniskirche eine Nagelkreuzandacht statt. mariendorf-evangelisch.de

Die Bewertung der Landeskirche. Das Konsistorium, die Verwaltungsbehörde der Landeskirche, war hingegen Anfang des Jahres der Auffassung, dass es mit dem neuen Kirchengesetz Handlungsbedarf in Mariendorf gibt. Im Mariendorfer Gemeindebrief sprach man anschließend im April von einem „Gottesdienstverbot“ für die Kirche, das das Konsistorium ausgesprochen habe. Gleichwohl konnten Konfirmationsgottesdienste auch in diesem Frühling und ein großer Abschiedsgottesdienst für einen langjährigen Gemeindepfarrer stattfinden. Danach blieb die Tür für Gottesdienste allerdings geschlossen. Inzwischen formuliert die Gemeinde vorsichtiger. Im Herbst hieß es im Gemeindebrief, dass die Kirche nicht zur Verfügung steht. Weder Landeskirche noch Gemeinde äußern sich derzeit dazu, wie es konkret weitergehen soll. Man befinde sich derzeit in einem Mediationsprozess, dessen Ergebnisse erst im kommenden Jahr vorliegen.

In der Gemeinde wird der Wunsch weiterhin bestehen, auch künftig die Kirche für Gottesdienste nutzen zu können. Diese Hoffnung könnte sich sogar aus dem Kirchengesetz selber speisen. Denn dort heißt es im Paragraf 3 lediglich, dass „ein liturgischer Gebrauch von beweglichen Sachen“ mit Darstellungen judenfeindlichen, rassistischen und nationalsozialistischen Gedankenguts ausgeschlossen ist. Einen Taufstein kann man wegschieben, ein Kreuz abhängen. Aber was macht man mit einer ganzen Kirche? – Fotos: Thilo Rückeis