Sport

Veröffentlicht am 21.01.2020 von Sigrid Kneist

Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus. Diese Phänomene trifft man auch auf den Sportplätzen. Wie reagieren die Verbände? Was kann man dagegen tun? Eine Position von Gerd Thomas, dem Vorsitzenden des Schöneberger Fußballvereins FC Internationale:

Diskriminierungen sind im Fußball alltäglich. Ob nun Hertha- oder BVB-Fans den Mäzen von Hoffenheim, Dietmar Hopp, beleidigen oder gar als Zielscheibe darstellen, ob bei Länderspielen deutsche Nationalspieler wie Leroy Sané rassistisch beleidigt werden, oder ob „Jude“ bei Amateurspielern als Schimpfwort benutzt wird. Auch Homophobie, Sexismus oder Behindertenfeindlichkeit gehören auf dem Fußballplatz – wie auch auf dem Schulhof – zum normalen Sprachgebrauch. Folgen hat dieses oftmals strafrelevante Verhalten leider fast nie. Die Verbände versichern in glatt gebürsteten Kampagnen gern ihr Engagement gegen Diskriminierung, im Alltag hört man von DFB und Berliner Fußballverband (BFV) nicht einmal ein Statement zu den rassistischen Anfeindungen gegen den Berliner Nationalspielers Antonio Rüdiger.

Das laute Schweigen des DFB. Dabei wären klare Positionen und das Ahnden strafbaren Verhaltens nötig, so wie jüngst im Basketball geschehen: Beim Spiel Alba Berlin gegen Bayern München wird ein Spieler von Bayern rassistisch beleidigt; andere Fans melden den Vorfall dem Sicherheitsdienst, gegen einen 18-Jährigen wird nun ermittelt. Vom neuen DFB-Vizepräsidenten Günter Distelrath, unter anderem zuständig für Anti-Diskriminierung und Integration, hat man seit dessen Amtsantritt im September noch nichts gehört. Das laute Schweigen des DFB und seiner Landesverbände dürfte die Rassisten und Antisemiten auf den Plätzen nur ermuntern, ihr fieses Treiben zu forcieren. Vor allem den Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV), in dem auch der Berliner Fußballverband (BFV) an wichtigen Schaltstellen sitzt, scheinen offensichtlich rechtsextreme Umtriebe und diskriminierendes Verhalten von Fans und Spielern wenig zu interessieren. Mit Wegsehen und Relativierungen wird man das Klima und den Ruf des Fußballs aber nicht verbessern.

Fußball verbindet. So lautet ein gern zitierter Slogan. Um dieses Motto durchsetzen zu können, müssten Vereine, die sich für vielfältigen und diskriminierungsfreien Sport einsetzen, deutlich besser unterstützt werden. Es gibt durchaus eine Reihe von Clubs und Aktiven, die sich offen gegen Rechtsextreme und Rassisten stellen, nicht nur beim FC Internationale, wo wir gerade „25 Jahre No Racism“ gefeiert haben. Die meisten Ehrenamtler sind aber im Alltag mit den stetig zunehmenden Belastungen schon jetzt komplett überfordert. Gern behaupten interessierte Kreise, Politik hätte im Sport nichts zu suchen. Das Gegenteil ist der Fall. Insbesondere die Massensportart Fußball ist hochpolitisch. Denn hier könnten viele Ideen für ein respektvolles Zusammenleben entwickelt und gelehrt werden. Der Fußball könnte die Plattform schlechthin sein, um Integration, Vielfalt und Toleranz erfolgreich umzusetzen, nicht zuletzt bei jungen Menschen. Es ist dringend an der Zeit, dass Verbände und Politik die Notwendigkeit zur Unterstützung der aktiven Vereine erkennen.

Ein Netzwerk schaffen. Beim FC Internationale haben wir gerade Überlegungen begonnen, ein antirassistisches Netzwerk von Sportvereinen zu gründen. Ohne Unterstützung von außen, auch mit finanziellen Mitteln, wird dieses Netzwerk vielleicht gar nicht erst auf die Beine kommen. Wir glauben aber fest an die starke Rolle des Sports, um mehr Solidarität und Mitmenschlichkeit umsetzen zu können. Alleine werden wir es allerdings nicht schaffen.

+++ Diesen Artikel haben wir dem Leute-Newsletter für Tempelhof-Schöneberg entnommen. Er ist in dieser Woche ganz dem Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gewidmet. Anmeldung kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de

+++ Hier eine Übersicht über die Themen:

  •  Stolpersteine, Stelen, Ausstellung, Schilder: Die vielfältigen Projekte im Bezirk
  • Das lange Warten auf eine Gedenktafel: Noch immer fehlt die sichtbare Erinnerung an den Seebadgründer Adolf Lewissohn
  • “Erinnerung braucht einen Ort”: Die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete Mechthild Rawert initiierte die Gedenkreihe
  • Uns kriegt ihr nicht“: Die Holocaust-Überlebende Rahel Mann liest zum letzten Mal im Rathaus Schöneberg