Kiezgespräch

Veröffentlicht am 08.01.2019 von Sigrid Kneist

Die Böllerei zum Jahreswechsel war in Berlin meines Erachtens noch nie angenehm. Schon in den Achtzigern empfand ich sie als äußerst bedrohlich; mein Horrorerlebnis hatte ich Mitte der Neunziger, als ich und der Kinderwagen meines gerade ein paar Monate alten Babys am Tag vor Silvester gezielt mit Böllern, den alt bekannten Chinakrachern, beworfen wurden. Die Schutz verheißende Haustür war etliche Meter entfernt. Das Kind war zum Glück schussfest und schlief weiter. Wenigstens das. Standardantwort damals: „Da kannst du nichts machen, ist halt Silvester! Wenn du Angst um dein Kind hast, bleib  zu Hause.“

So halten es auch heute noch etliche Eltern mit kleinen Kindern. Aber inzwischen gibt es zumindest eine Diskussion darum, ob man die Böllerexzesse einfach so hinnehmen muss. Zumal diese weitere Auswüchse angenommen haben: Immer wieder werden Sicherheits- und Rettungskräfte mit Pyrotechnik attackiert. Auch gewöhnliche Passanten und  vorbeifahrende Autos werden Ziel von Feuerwerksraketen.

Einer der Hotspots, an dem sich derartige Aggression entlädt, ist der Bereich rund um die Pallasstraße. Bis zu 150 Personen hatten sich dieses Silvester dort versammelt. Im Polizeibericht hieß es: „Teilweise wurden vorbeifahrende Fahrzeuge und auch Passanten mit Feuerwerkskörpern beschossen. Einsatzkräfte leiteten in diesem Zusammenhang insgesamt 31 Strafermittlungsverfahren unter anderem wegen des Verstoßes gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetzes sowie wegen besonders schweren Landfriedensbruchs ein. 27 Personen wurden hierzu vorübergehend festgenommen und erhielten Platzverweisungen.“ 

Dass es so nicht weitergehen kann, sollte eigentlich klar sein. Aber was tun und wie, darüber gibt es heftige Diskussionen. Die Grünen-Fraktionschefin im Abgeordnetenhaus, Antje Kapek, ist für ein Böllerverbot innerhalb des S-Bahn-Rings. Privates Feuerwerken und Böllern ganz verbieten? Böllerfreie Zonen einrichten wie in Hannover? Für den SPD-BVV-Verordneten in Tempelhof-Schöneberg, Axel Seltz, wiederum ist die Verbotsdiskussion eine „wohlstandsbürgerlich grüne Debatte“. Kurz vor Silvester schrieb er auf Twitter: „Wer proletarische Kultur verachtet, wird zurück verachtet.“ Der Vorsitzende der SPD-BVV-Fraktion Jan Rauchfuß erinnerte an seinen Vorschlag vom Vorjahr: neben dem großen Silvesterfest am Brandenburger Tor, in den 95 weiteren Ortsteilen der Stadt kleine öffentliche Feuerwerke zu veranstalten und dafür den Verkauf von Böllerei an Private zu verbieten.

Zumindest die Vorkommnisse rund um die Pallasstraße werden die kommende BVV beschäftigen: Die CDU bringt einen Antrag ein, dort und am Kaiser-Wilhelm-Platz das private Feuerwerken zu verbieten, da an diesen Orten „die Feierlichkeiten wiederkehrend straßenschlachtähnliche Züge annehmen“.

So oder so, Vorschläge gibt’s. Ich werde das Thema das Jahr über beobachten und schauen, was draus wird, ob Ideen so verpuffen wie Silvesterböller und wir uns nach dem nächsten Jahreswechsel die gleichen Fragen stellen werden wie in diesem Jahr.

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