Kiezgespräch

Veröffentlicht am 30.07.2019 von Sigrid Kneist

Autos gegen Radler gegen Fußgänger. Verkehrsthemen bringen in der Regel viele Reaktionen der Leser – auch hier im Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Selten habe ich aber so viele E-Mails erhalten wie zu meinem Intro der vergangenen Woche, in dem ich über Verdrängungskonflikte zwischen Radfahrern und Fußgängern geschrieben und auf den Tagesspiegel-Beitrag des Fußgänger-Lobbyisten Roland Stimpel (FUSS e.V.) hinwies. Vielen Dank für die vielen Zuschriften; ich kann sie hier nicht alle erwähnen und zitieren.

Bei vielen E-Mails – gerade von Leserinnen – stand der Wunsch „alles, was Räder hat, auf die Fahrbahn, nur Füße auf den Gehweg“ im Vordergrund. Fußgänger, besonders ältere, fühlten sich durch Radler auf dem Gehweg gefährdet. Oftmals verhielten sich Radfahrer einfach rücksichtlos. „Radfahrer die unter Missachtung aller Verkehrsregeln fahren, bedrohen mich zunehmend auf dem Bürgersteig“, schreibt beispielsweise Karin Hupmann. Leserin Gisela Ulmann wünscht sich, dass Radler wenigstens kurz klingeln, wenn sie auf dem Gehweg überholen wollen. Andere wiederum empfinden die Klingelei als Nötigung, ältere Menschen könnten dadurch erschreckt werden und gerade deshalb in Gefahr geraten, weil sie strauchelten und das Gleichgewicht verlören. Häufig weichen Radfahrer – den Beobachtungen der Leser zufolge – in Straßen mit Kopfsteinpflaster auf den Gehweg aus.

„Ich habe die Theorie, dass Fahrradfahrer je nach Situation ihre Identität wechseln. Mal sind sie Verkehrsteilnehmer_innen auf der Straße und nutzen die Vorteile der Straße, dann wieder, wenn es kürzer oder bequemer für sie ist, fühlen sie sich als Fußgänger, mischen sich unter diese und nutzen deren Wege, nur vergessen sie dabei, vom Fahrrad abzusteigen“, schreibt Irene Häderle.

Mehrfach genannt als für Fußgänger gefährlichen Ort wird der Hans-Baluschek-Park zwischen Bahnhof Südkreuz und dem S-Bahnhof Priesterweg, wo diese sich gemeinsam mit den Radfahrern einen Weg teilen. „Auch dort haben wir einen geteilten Fuß-/Radweg. Weil der Weg so schön gerade und glatt ist, wird von den Radfahrenden schnell gefahren und die Fußgänger oft mit viel zu geringem Abstand überholt. Der Weg ist aber auch als Zugang für Fußgänger zum Kleingartengelände vom Bahnhof Südkreuz die einzige Möglichkeit. Hier bräuchten wir zwei getrennte Wege. Einen für Fußgängerinnen (möglichst nicht asphaltiert) sondern eher mit für Räder ungünstiger Bodenbeschaffenheit, (Mulch?) und einen anderen für die Räder“, schreibt Leserin Astrid Westhoff. Und an beiden Enden des Parks gibt es erneut unbefriedigende Lösungen für Radfahrer und Fußgänger, auf die wiederum andere Leser hinweisen.

Leser Klaus Wittke schlägt vor, dass die Prinzregentenstraße aus Wilmersdorf kommend, auch in ihrer Verlängerung, der Handjerystraße in Tempelhof-Schöneberg, als Fahrradstraße (mindestens bis zur Kreuzung Bundesallee) weitergeführt wird. Die Straße sei für den Kfz-Verkehr ohnehin zu eng. Momentan ist an der Prinzregentenstraße/Handjerystraße aber ohnehin nicht an gutes Fahrradfahren zu denken, da dort wegen Leitungsarbeiten eine Baustelle eingerichtet wird, so dass nur wenig Platz bleibt. Der ADFC City-West weist in einem Tweet darauf hin, dass laut Mobilitätsgesetz eine Umleitung für den Radverkehr ausgeschildert werden müsste.

Kritik an dem Beitrag des Fußgängerverbandes kam von Jens Blume vom Netzwerk Fahrradfreundliches Tempelhof-Schöneberg. Die Analyse sei populistisch: Sie verfolge „das Ziel, Autolobby und Presse zu bedienen, die gerade händeringend nach Konflikten suchen“. Der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel sei zwar richtig, doch daure er viel zu lang. „Nur durch das schnelle Umwidmen von Autospuren zu geschützten Radspuren lässt sich schnell eine massive Entlastung bei den Themen Stau, Luftverschmutzung, Lärm, volle Bahnen und CO2 Ausstoß im Sektor Verkehr erzielen“, schreibt Blume.

Enden möchte ich mit einem Ausschnitt der E-Mail von Leser Steffen Reiff: „Die meisten Autos, unsere eingeschlossen, stehen 23 Stunden am Tag rum. Das ist Irrsinn.“ – Text: Sigrid Kneist
+++
Diesen Text haben wir als Leseprobe dem neuen Tagesspiegel-Newsletter für den Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg entnommen. Den – kompletten – Bezirksnewsletter, den wir Ihnen einmal pro Woche kompakt zuschicken, gibt es ganz unkompliziert und kostenlos hier: leute.tagesspiegel.de

Anzeige