Sigrid Kneists Tipp für Sie

Veröffentlicht am 14.07.2020

Die Siedler von Tempelhof. Wer nichtsahnend von der Ullsteinstraße in die Monopolstraße einbiegt, wird überrascht. Aus dem Gewerbegebiet kommend tritt er ein in ein ganz besonderes Mariendorfer Quartier. Eine kleine denkmalgeschützte Siedlung zieht sich hin bis zur Eisenacher Straße. Häuschen an Häuschen reiht sich dort aneinander, davor die Jägerzäune. Die Doppel- und Reihenhäuser wurden zwischen 1922 und 1923 für die Beamten der Reichsmonopolverwaltung für Branntwein gebaut. Daher rührt auch der Name der Straße und die Siedlung. Sie ist eins der Projekte, die in der Weimarer Republik entstanden. Wo und wie diese entstanden, ist Thema der Sonderausstellung „Wege aus der Wohnungsnot – Bauen für Groß-Berlin in Tempelhof“ im Tempelhof Museum (Alt-Mariendorf 43). Infos zur Ausstellung und Öffnungszeiten finden Sie hier: museen-tempelhof-schöneberg.de

Problem Wohnungsnot. Mit der Gründung Groß-Berlins am 1. Oktober 1920 wuchs die Bevölkerung auf mehr als 3,8 Millionen an. Sie vergrößerte sich in den folgenden zehn Jahren um eine weitere halbe Million. Die Wohnungsnot war eine der größten Herausforderungen; in der gesamten Stadt fehlten über 100.000 Wohnungen. Zahlreiche Vororte und Dörfer, darunter Tempelhof, Lichtenrade, Mariendorf und Marienfelde, wurden eingemeindet; der dortige Platz bot aber auch Chancen. Die jetzige kleine Ausstellung stellt einige wichtige Siedlungsprojekte von damals vor. Die heute bekannteste Siedlung ist sicher die Anlage von Neu-Tempelhof. Die dortige Gartenstadt wurde zu einem ausgesprochen beliebten Quartier, da es den Charme einer Einfamilienhaussiedlung mitten in die Stadt bringt.

Ein weiteres Projekt war der Siedlungsbau Mariendorf. Relativ unscheinbar wirkt der Gebäudekomplex an der Rathausstraße/Königsstraße. Aber er ist doch etwas Besonderes. Der Bau mit 53 Wohnungen wurde konzipiert von der österreichischen Architektin Ella Briggs; mittlere Angestellte und Beamte sollten dort wohnen. Er ist der einzige Berliner Siedlungsbau in der Weimarer Republik, der von einer Frau realisiert wurde. Briggs selber fand das übrigens nicht bemerkenswert: „Ich bin dagegen, dass eine Arbeit nur deshalb gewertet wird, weil sie von einer Frau herrührt.“ Dieses Zitat von ihr aus dem Jahr 1927 ist in der Ausstellung zu lesen. Die Architektin musste in der Nazizeit aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nach Großbritannien emigrieren.

Auch heutzutage beliebt. Vorgestellt wird auf einer Schautafel die Stadtrandsiedlung in Marienfelde, die ab 1932 am äußersten Rand Berlins entstand. Sie war Teil eines deutschlandweiten Programms zur Arbeits- und Wohnungsbeschaffung in Zeiten der Wirtschaftskrise und der Massenarbeitslosigkeit. Es entstanden kleine Häuser. Die Bewohner erhielten ein Erbbaurecht. Auch diese Häuser stoßen heute noch auf großes Interesse. Erst in der vergangenen Woche teilte Baustadtrat Jörn Oltmann (Grüne) mit, dass die Bewerberliste für eine sogenannte Erbbauheimstätte in der Stadtrandsiedlung geschlossen wird, weil die Wartezeit inzwischen bei sieben Jahren liegt.

Ausstellung in Schöneberg. Im Museum an der Hauptstraße wird vom 1. August an unter dem gleichen Titel gezeigt, welche Siedlungen in Schöneberg gebaut wurden. Ein besonderer Schwerpunkt wird dabei auf der Siedlung Lindenhof ganz im Süden Schönebergs liegen, sagte mir Kurator Philipp Holt. Mit ihrem Bau wurde bereits 1918 begonnen. Ein historisches Modell zeigt, wie die Siedlung seinerzeit angelegt wurde – mit viel Grün, Gärten und einem Weiher. Konzipiert wurde sie vom Schöneberger Stadtbaurat Martin Wagner, der später dieses Amt in der zentralen Baubehörde Berlins innehatte. Bruno Taut baute dort ein Ledigenheim – für alleinstehende Männer. Die Siedlung hatte Vorbildcharakter, sollte gutes Wohnen in einem gesunden Umfeld zu günstigen Mieten ermöglichen.

Beide Ausstellungen gehören zu dem Projekt „Großes B – dreizehnmal Stadt“. An diesem beteiligen sich im Rahmen des Stadtjubiläums „100 Jahre Groß-Berlin“ zwölf Berliner Regionalmuseen mit Ausstellungen aus den Bezirken sowie das Märkische Museum mit einer zentralen Großausstellung.

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